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Eiszeit in Sicht

erstellt von holgerkroker zuletzt verändert: 14.11.2008 10:32

Die Welt bewegt sich auf eine neue gigantische Eiszeit zu. In geologisch naher Zukunft sollen sich Eiskappen für möglicherweise Millionen von Jahren über Nordamerika und Eurasien ausbreiten, die es in der Ausdehnung mit der rundum vergletscherten Antarktis aufnehmen können. Allerdings stehen die Chancen gut, dass das Klimaspiel mit dem Treibhausgas Kohlendioxid, das wir derzeit treiben, diese Eiszeit hinausschiebt.

Atkabucht des Ekström-Jelbart-Schelfeises, AntarktisGeologisch nahe Zukunft bedeutet ohnehin in 10.000 bis 100.000 Jahren „Kein Grund also, sich über den Verkauf seines Hauses Gedanken zu machen“, witzelt Tom Crowley, Geologieprofessor in Edinburgh und einer der Autoren des Aufsatzes in „Nature“, der diese Entwicklung nachzeichnet. Crowley hat zusammen mit dem Physiker William Hyde von der Universität Toronto die Klimaschwankungen der vergangenen drei bis vier Millionen Jahre in ein Modell eingespeist, das die Entwicklung des Klimas mit der von Eiskappen und Gletschern kombiniert. „Wir können inzwischen aus den verschiedensten Tiefseebohrkernen die Klimaentwicklung dieser Zeit ziemlich gut rekonstruieren“, so Crowley, „tatsächlich reicht die Rekonstruktion noch weiter zurück, aber die meisten Forscher kümmern sich um diese jüngsten vier Millionen Jahre.“

Tatsächlich gibt es vor rund einer Million Jahren eine tiefe Zäsur in der Klimageschichte. Schon vorher hatte sich das System immer weiter abgekühlt, doch da schaltete es um auf einen rapiden Wechsel von Kalt- und Warmzeiten. Seitdem schwankt unser Planet zwischen Eiszeiten mit dicken Gletschern und relativen Warmzeiten, so wie wir sie zurzeit erleben. „Tatsächlich werden die Ausschläge immer größer“, berichtet Crowley, „und wir haben uns gefragt, ob diese wachsenden Schwankungen nicht ein Zeichen dafür sind, dass das Klimasystem sich einem entscheidenden Übergang nähert.“

Diese Frage stellten Crowley und Hyde auch ihrem Computer und die Antwort war eindeutig: Ja, die Wegscheide naht, und die Erde wird in eine ausgedehnte vergletscherte Phase eintreten, in der sich die Eisschilde von Nord- und Südhalbkugel gleichermaßen weit in Richtung Äquator ausdehnen werden. Anders als die Eiszeiten der jüngeren Vergangenheit, die nur jeweils ein paar Zehntausend Jahre dauerten, kann diese aber viele Hunderttausend Jahre dauern. Es ist ein relativ einfaches Computermodell, das die beiden Forscher benutzten, doch für verschiedene Eiszeiten in der Erdvergangenheit lieferte es die richtigen Werte, so dass Crowley und Hyde auch seiner Prognose für die Zukunft vertrauen. Ihre Kollegen sind da nicht ganz so überzeugt. So vermutet Andy Ridgwell von der Universität Bristol gegenüber dem „New Scientist“, das Modell habe möglicherweise eine Tendenz zu großen Eiskappen und produziere daher entsprechende Szenarien. Komplexere Modelle seien mit den derzeitigen technischen Möglichkeiten nicht machbar, meint allerdings Tom Crowley. „Sogar in der heutigen Zeit mit extrem leistungsfähigen Supercomputern haben wir nicht genügend Kapazität, um kompliziertere Atmosphären-Eiskappen-Modelle zu rechnen.“

Sonne über Eis und SchneeDie Ursache der rapiden Vergletscherung ist nicht leicht zu bestimmen. Die beiden Forscher vermuten, dass die stark steigende Albedo der Eiskappen die entscheidende Rolle spielt. Sie soll auch bei den so genannten Schneeball-Epochen ausschlaggebend gewesen sein, als die Erde zuletzt vor etwa 600 Millionen Jahren zu großen Teilen zufror. Eisflächen werfen das einfallende Sonnenlicht nahezu komplett wieder zurück in den Weltraum, während offenes Wasser und Land einen Großteil der Energie absorbieren. Dehnen sich die Eisflächen daher nur weit genug aus, setzten sie einen Kreislauf in Gang der zu immer größeren Gletschern führt.

Eines allerdings könnte den Gang der Erde in Richtung Kühlschrank erst einmal blockieren. „Wir haben in unseren Modellrechnungen nicht den menschengemachten Treibhauseffekt berücksichtigt“, so Crowley. Das Klimagas Kohlendioxid, das wir derzeit in Mengen in die Atmosphäre blasen, wie sie kaum Parallelen in der jüngeren Erdgeschichte finden, könnte tatsächlich die Eiszeit aufschieben. Und selbst wenn das Klima schließlich doch die Richtung Kaltzeit einschlägt, könnte die Menschheit diese Entwicklung beeinflussen. „Das ginge mit vergleichsweise sanften Veränderungen des Kohlendioxidgehalts in der Atmosphäre“, so Crowley, „falls die die menschliche Gesellschaft dann noch existiert.“