Benutzerspezifische Werkzeuge
Sie sind hier: Startseite Wissen El Niño ist zurück

El Niño ist zurück

erstellt von holgerkroker zuletzt verändert: 21.09.2015 11:43

Nach Jahren der Abwesenheit meldet sich El Niño mit Macht zurück. In den kommenden Monaten dürften sich im tropischen Pazifik Verhältnisse einstellen, die möglicherweise sogar an das Rekord-"Christkind" der Jahre 1997/98 heranreichen.

Der Russian River in Mittelkalifornien trat im März 1998 als Folge der starken Niederschläge über die Ufer. (Foto: FEMA/Dave Gatley)"Die Vorhersagen gehen mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit von einem starken Ereignis aus", sagt Klimaforscher Mojib Latif vom Geomar, dem Helmholtz-Zentrum für Ozeanforschung Kiel. Für den Westpazifik - Australien, Indonesien und die Philippinen - möglicherweise sogar für ganz Südost-Asien wird das nächste halbe Jahr voraussichtlich Trockenheit und daher Missernten bringen. Am Ostrand des größten irdischen Ozeans kann man dagegen mit starken Niederschlägen rechnen. Was in Kalifornien heiß ersehnt wird, könnte sich jedoch in Peru oder Ecuador als katastrophaler Starkregen mit entsprechenden Überschwemmungen und Erdrutschen herausstellen.

1997/98 kam es durch Trockenheit in Südostasien und Mittelamerika sowie sintflutartige Regenfälle an den Westküsten des amerikanischen Doppelkontinents zu massiven Ernteausfällen. Weltweit sollen die Verluste 33 Milliarden Dollar betragen haben. Australien kam damals dagegen glimpflich davon. Der Rekord-El-Niño hatte geringere Auswirkungen als befürchtet, dafür traf es den fünften Kontinent 2003/4 während eines insgesamt nicht spektakulären Ereignisses umso härter. "Man darf nicht vergessen, dass wir es mit einem chaotisches System zu tun haben, das nicht streng regelmäßig und nicht perfekt vorhersagbar ist", meint El-Niño-Experte Latif. Das Wetterphänomen setzt im Pazifikraum zwar die Rahmenbedingungen, aber es ist nicht der einzige Spieler auf dem Platz.

Einflussreiches Geschwisterpaar


Die aktuelle Karte der Oberflächenwassertemperaturen im Pazifik. (Grafik: NOAA)Das Geschwisterpaar El Niño und La Niña, das Meteorologen und Klimaforscher El-Niño-Südliche Oszillation (ENSO) nennen, gehört zu den einflussreichsten Klimaphänomenen der Erde. "Es entsteht im tropischen Pazifik, aber seine Auswirkungen sind global", sagt der Ozeanograph Stefan Rahmstorf vom Potsdam Institut für Klimafolgenforschung. Die stärksten Folgen sind in Indonesien, Australien und an den Westküsten Amerikas zu spüren, doch über die Monsune ist El Niño bis nach Südostasien und Afrika spürbar, mittels Fernwirkungen sogar in Europa. "Es ist ein gekoppeltes Phänomen in Ozean und Atmosphäre mit Wärmeanomalien im Wasser und Windanomalien in der Luft", charakterisiert es die Ozeanographin Johanna Baehr vom Institut für Meereskunde der Universität Hamburg.

Seinen Ausgang nimmt El Niño im tropischen Pazifik vor Australien und Indonesien. Dorthin treiben die kontinuierlich von Ost nach West wehenden Passatwinde das warme Oberflächenwasser des äquatorialen Pazifik. Die Wassertemperaturen sind hier im Schnitt fast zehn Grad höher als auf der gegenüberliegenden Seite des Pazifiks. Die warmen Wassermassen reichen bis in 150 m Tiefe. Doch der australische Kontinent und der indonesische Archipel wirken als Barriere, denn die Durchlässe zwischen den Inseln sind viel zu schmal, um die Wassermassen ableiten zu können. Das warme Wasser strebt also zurück nach Osten, wo sich die Meeresoberfläche erwärmt "Der Großteil der Wärme entweicht schließlich in die Atmosphäre, das ist so etwas wie eine gigantische Heizplatte", erklärt Klimaforscher Mojib Latif. Diese Heizplatte setzt den zweiten Mechanismus in Gang, den man für El Niño braucht: Sie lässt die Passatwinde einschlafen. Im Normalfall strömen sie vom Hoch vor Südamerika zum Tief vor Australien, doch wenn die ozeanische Heizplatte eingeschaltet wurde, schwächen sich die beiden Drucksysteme massiv ab. Die Folge: Den Passatwinden geht die Puste aus. "Das sind die Windanomalien, die man auch noch braucht, um El-Niño-Bedingungen zu entwickeln", unterstreicht Johanna Baehr.

Steigen in einem schmalen Band des äquatorialen Zentral- und Ostpazifik zwischen fünf Grad nördlicher und südlicher Breite die Wassertemperaturen an, schrillen bei den Wissenschaftlern die Alarmglocken. "Wenn die Temperatur über mehrere Monate 0,5 Grad über dem Durchschnitt beträgt, gehen wir von El-Niño-Bedingungen aus", so Rahmstorf. Fehlen dazu noch die Passatwinde, dann erreicht der Warmwasserstrom die Gewässer vor Südamerika. In der ersten Augustwoche, teilte das Klimaprognosezentrum der US-Wetterbehörde NOAA unlängst mit, waren die Wassertemperaturen dort zwischen zwei und vier Grad wärmer als normal. Nach den Maßstäben der El-Niño-Forscher müssen es mindestens drei Monate sein, aber die Vorzeichen für das "Christkind" sind nicht zu übersehen.

Unterschiedliche Wirkung in Ost und West


Ausgetrocknete Weiden in Riverina, Australien, als Folge des El Nino von 2006/7. (Foto: Wikimedia/Virtual Steve)Wovor den Menschen in Australien und Indonesien graust, das wünscht man sich in Kalifornien. Der US-Bundesstaat ächzt bereits im fünften Jahr unter einer der schlimmsten Dürren seiner Geschichte und erhofft sich von El Niño etwas Regen. Doch die Klimatologen warnen inzwischen immer drängender vor zu großen Erwartungen. "Kalifornien fehlt der Regen eines ganzen Jahres", schreiben etwa die Klimaforscher Noah Diffenbaugh und Christopher Field von der Stanford Universität und der Carnegie-Stiftung in der "New York Times", "selbst eine extrem regenreiche Wintersaison könnte das nicht ausgleichen." Eine "extrem regenreiche" Saison hätte überdies vermutlich sehr negative Folgen für den "Golden State". Beim Jahrhundert-El-Niño von 1997/98 lösten Starkregen und Gewitterstürme Sturzfluten und Erdrutsche aus und fügten den Landwirten Schäden von mehr als einer Milliarde Dollar zu.

Für den östlich gelegenen Rest der USA bedeutet El Niño kältere Winter und weniger Niederschlag, Florida könnte also wieder Kälte und Frost zu spüren bekommen. "Eine Auswirkung", so Mojib Latif, "müsste eigentlich jetzt schon greifen, sie wird wahrscheinlich auch die nächsten Monate anhalten: Es gibt weniger Hurrikane im Atlantik." Selbst in Europa könnten sich die Wetterbedingungen vom anderen Ende der Welt auswirken. In Deutschland könnte El Niño die Tendenz zu strengeren Wintern unterstützen, "aber", so Latif, "diese Wirkungen sind nur in der Statistik zu sehen". Die Nordatlantische Oszillation (NAO) mit ihrem dominanten Duo aus Islandtief und Azorenhoch lässt sich hier die Herrschaft nicht streitig machen und überspielt den Einfluss aus dem Pazifik problemlos.

Zurzeit reichen die Prognosen der Wetterdienste nur bis zum Jahresende - und da sieht es für Australien schlecht aus. Ob danach die Dürre bricht oder El Niño weitergeht und sich anschickt den Rekordhalter von 1997/98 zu entthronen, wissen selbst die besten Vorhersagen nicht. "Mit mehr als 95 Prozent Wahrscheinlichkeit wird er den nördlichen Winter über andauern, und sich im nördlichen Frühjahr 2016 abschwächen", lautet der jüngste Spruch des El-Niño-Orakels bei der US-Wetterbehörde NOAA. Er basiert auf den gemittelten Ergebnissen vieler erreichbaren Klimamodelle, die die US-Behörde regelmäßig für ihre El-Niño-Prognosen mit einbezieht. "Das ist schon sehr zuverlässig, aber Prognosen, die länger als sechs Monate reichen, würde ich nicht trauen", sagt die Hamburger Forscherin Johanna Baehr.

"Man könnte mit Ein-Jahres-Vorhersagen sicherlich viel Geld verdienen", meint Armin Bunde, emeritierter theoretischer Physiker an der Universität Gießen. Er weiß von Investoren, die sich für das statistische Verfahren interessieren, das er zusammen mit Kollegen seiner Arbeitsgruppe und vom Potsdamer PIK entwickelt hat und das zumindest mit einem Jahr Vorlauf prognostiziert, ob ein El Niño kommt. Derzeit hat das Verfahren noch einen großen Makel, "denn", so Bunde, "wir können weder Stärke noch Dauer vorhersagen". Doch für ihn steht außer Zweifel, dass der Frühindikator, auf den sich ihr Algorithmus stützt, eng mit El Niño zusammenhängt.

Langfristprognose wird entwickelt


Die Arbeitsgruppe betrachtete an insgesamt 207 regelmäßig über den Pazifik verteilten Punkten die täglichen Schwankungen der normalen Lufttemperatur um ihren jahreszeitlichen Mittelwert. Der gewünschte Indikator war, wie stark diese innerhalb des El-Niño-Messbereichs im tropischen Zentralpazifik an die im restlichen Pazifik gekoppelt waren. Während eines El Niño sinkt diese Koppelung drastisch. "Wir haben uns gesagt", so Bunde, "dass diese Bindung sich dann vorher auch verstärkt haben muss." Diese Verstärkung der Koppelung zwischen El-Niño-Gebiet und Gesamtpazifik ist für Bundes Arbeitsgruppe der Frühindikator, der anzeigt, dass ein Jahr später ein El Niño zu erwarten ist.

Den Test anhand der vergangenen 30 Jahre hat das Verfahren mit beachtlicher Trefferquote bestanden. Armin Bunde: "Wir haben 75 Prozent der El Niños vorhergesagt und eine Fehlalarmquote von unter zehn Prozent." Auch den jetzt anlaufenden El Niño haben Bunde und seine Kollegen bereits im Dezember 2013 vorhergesagt. Die Forscher arbeiten jetzt daran, auch Stärke und Dauer zukünftiger El Niños zu erfassen. Nach weiteren Frühindikatoren wird daher gesucht.