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Älteste Lebendgeburt

erstellt von holgerkroker zuletzt verändert: 22.06.2009 10:07

Die älteste Mutter der Welt misst gerade einmal 25 Zentimeter und ihr Baby ist immerhin fast sieben Zentimeter lang. Mutter und Kind gehören zu der schon lange ausgestorbenen Gattung der Panzerfische und lebten vor rund 375 Millionen Jahren in einem Meer des Devons. Der Nachwuchs erblickte jedoch nicht mehr das Licht der Welt, die Tiere wurden vorher getötet und dann fossilisiert. Mit dem in der aktuellen „Nature“ vorgestellten Fund verschieben die australischen Entdecker den frühesten Zeitpunkt einer dokumentierten Lebendgeburt um rund 200 Millionen Jahre.

Die Gogo-Formation liegt heute in den Kimberleys, einer extrem trockenen Halbwüste im Norden Westaustraliens. Vor rund 375 Millionen Jahren bildeten die heutigen Felsen den Boden eins devonischen Meeres, das von zahlreichen Panzerfischen bewohnt wurde. Diese Tiere beherrschten die Ozeane bis ungefähr vor 350 Millionen Jahren, als sie von moderneren Fischen entthront wurden. Es war eine experimentierfreudige Zeit, denn die ersten Panzerfische schickten sich an, ihren Fuß auf den Strand der Kontinente zu setzen. Zu diesen gehört das jetzt entdeckte Fossil nicht, doch es glänzt mit einem Merkmal, das nur ganz selten überliefert wird.

MutterfischIn der Bauchhöhle des erwachsenen Tieres fanden die Forscher um John Long vom Museum Victoria in Melbourne die Knochen eines kleineren Fisches, der durch ein dünnes Band mit dem Erwachsenen verbunden war. Die Forscher verdanken ihre Entdeckung einem seltenen Glücksfall, denn normalerweise überdauern Weichteile wie die Nabelschnur oder der Dottersack die Fossilisierung nicht. Schon die Knochen der Embryonen hätten es schwer gehabt, die anspruchsvolle Behandlung zu überdauern, an deren Ende ein Fossil steht. Schon früher hatten Fossilien aus der Gogo-Formation allerdings Muskel- und Nervengewebe überliefert.

Die Forscher interpretieren das jetzt gefundene Band als Nabelschnur und eine amorphe Masse in der Nähe der Babyknochen als die Überreste des Dottersacks. „Wir haben damit zum ersten Mal die Struktur in einem Fossil überliefert, mit der Junge durch die Mutter ernährt wurden“, betont Long. Dass die Knochen von einem Beutefisch stammen, der sich im Magen des Fossils befand, haben die Forscher nach eigenen Angaben inzwischen ausgeschlossen. Der neue Fund wurde entsprechend Materpiscis genannt und zudem nach dem Naturfilmer Sir David Attenborough benannt. Nach ihrem aufregenden Fund nahmen sich John Long und seine Kollegen weitere Fischfunde aus der Gogo-Formation vor und fanden tatsächlich in einem weiteren Fossil gleich zwei Embryonen, die ebenfalls durch Nabelschnüre mit ihrer Mutter verbunden waren.

Mutterfisch, FossilStimmt die Interpretation, so verfügten die primitiven Panzerfische der neuen Art und der bereits bekannte Austroptyctodus über ein bemerkenswert hochentwickeltes Fortpflanzungssystem. Die bisher ältesten Beispiele für lebendgebärende Wirbeltiere waren Ichthyo- und Mosasaurier aus dem Dinosaurierzeitalter, die 200 Millionen Jahre nach Materpiscis lebten. „Mir dämmerte nach dem Studium der Fossilien“, so John Long, „dass sie die ersten Beispiele für Wirbeltiere waren, die sich durch Sex fortpflanzten und nicht einfach, indem Eier im Wasser befruchtet wurden.“

Selbstverständlich ist der Unterschied zur Gebärmutter der Säugetiere meilenweit. Bei zahlreichen heutigen Fisch- und Reptilienarten gibt es vergleichbare Formen, bei denen die befruchteten Eier in einer Körperhöhle des Elterntiers ausgebrütet werden und erst die geschlüpften Jungen den Schutz des Erwachsenen verlassen. Doch Materpiscis und Austroptyctodus gingen über diese als Ovoviviparie bezeichnete Fortpflanzungsform hinaus, da ja die Jungen mit einer Nabelschnur an den Blutkreislauf des Elterntiers angeschlossen waren.

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