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Entfernter Vetter

erstellt von holgerkroker zuletzt verändert: 23.06.2009 11:27

Die Paläoanthropologen haben ein neues Schlachtfeld gefunden, auf dem sie nach Leibeskräften die Fetzen fliegen lassen. Vor vier Jahren entdeckten Wissenschaftler aus Australien und Indonesien aufsehenerregende menschliche Überreste in einer Höhle auf der kleinen indonesischen Insel Flores. Sie schrieben die zum Teil erst 18.000 Jahre alten Knochen einer neuen winzigen Menschenart zu, dem Homo floresiensis, griffiger auch Hobbit genannt. Stimmt das, träte damit neben den noch lebenden modernen Menschen und den vor rund 28.000 Jahren ausgestorbenen Neandertaler eine dritte relativ junge Spielart des Menschen. Seit dieser Veröffentlichung wogt ein heftiger, häufig ganz und gar unwissenschaftlicher Streit um die Funde, der in der aktuellen „Science“ in eine neue Runde geht.

Jetzt sind es die Hobbit-Hände, die sich die Forscher um den Entdecker Mike Morwood vorgenommen haben, um ihre Hypothese vom Homo floresiensis zu unterstreichen. Das ist kein schlechter Schachzug, denn die Kritiker haben bisher behauptet, der Hobbit sei nur ein moderner Mensch mit einem extrem kleinen Gehirn. Solche gibt es auch außerhalb von Flores, die Bedauernswerten leiden an so genannter Mikrozephalie, allerdings haben sie die gleichen Handknochen wie andere Menschen auch. Der Hobbit jedoch hat sie nicht, stattdessen, so schreiben die Autoren unter Leitung des Anthropologen Matthew Tocheri von National Museum of Natural History in Washington, zeigen seine Handknochen Ähnlichkeit mit denen der Schimpansen. Tocheri und seine Kollegen platzieren den Hobbit in eine Gruppe mit Affen und allen Vor- und Frühmenschen und den modernen Menschen, den Neandertaler und den gemeinsamen Vorfahren dieser beiden Menschenarten in eine andere.

 Hobbit mit Peter Brown

Hobbit und moderner Mensch, hier einer der Entdecker Peter Brown, blicken sich an. Foto: Science, Peter Brown

Der Vorfahre des Hobbit sei bereits aus Afrika ausgewandert, als die Handknochen von modernen Menschen und Neandertalern sich noch gar nicht entwickelt hätten. Die Anthropologen datieren die Entwicklung dieses Merkmals auf einen Zeitpunkt vor mindestens 800.000 und höchstens 1,8 Millionen Jahren. Mit dieser Datierung unterstreichen die Forscher eine weitere Hypothese, die sie seit einiger Zeit verbreiten. Homo floresiensis soll demnach keine Zwergform des Homo erectus sein, einer Frühmenschenart vor dem modernen Menschen und dem Neandertaler, sondern ein Nachfahre des noch primitiveren Homo habilis, vielleicht sogar eines Vormenschen aus der Gattung der Australopithecinen sein. Zuletzt berichtete die Paläontologie-Doktorandin Debbie Argue von der Australischen Nationaluniversität in Canberra auf einem Workshop in Indonesien von entsprechenden Erkenntnissen und erntete dort heftiges Kopfschütteln seitens der Kritiker. Auf diese Konferenz behauptete Mike Morwood nach Angaben des Wissenschaftsmagazins „Science“: „Ich glaube, dass die Linie von Homo floresiensis sich vor zwei oder drei Millionen Jahren von unserer Entwicklungslinie abspaltete.“

Diese Hypothese wird freilich von den Kritikern genauso heftig bestritten wie die zugrundeliegende Annahme, es handele sich bei den Funden überhaupt um eine neue Menschenart. Während eine Gruppe um den Doyen der indonesischen Paläoanthropologie Teuku Jacob von der Universität Yogjakarta die Fossilien weiterhin als Überreste von modernen Menschen mit Mikrozephalie ansehen, nimmt eine israelische Arbeitsgruppe an, die auf Flores entdeckten Steinzeitmenschen hätten an einer hormonellen Störung, dem so genannten Laron-Syndrom, gelitten. Hier reagiert der Körper nicht auf Wachstumshormone und bleibt daher in einem zwergenhaften Stadium stecken. Statt einer neuen Art seien die Funde einfach die Überreste von bedauernswerten Kranken. Die Hobbit-Verfechter argumentieren dagegen, dass man inzwischen die Überreste von weiteren Individuen gefunden habe, die alle die gleiche kleine Hirnschale aufweisen. Es wäre dann zumindest eine erstaunliche Anhäufung einer heutzutage ziemlich seltenen erblichen Deformation. Stattdessen handele es sich bei der kleinen Statur um Inselverzwergung, schließlich finde man zusammen mit den Hobbit-Knochen auch Fossilien von hundegroßen Elefanten. Verringerte Größe als Folge eines Inseldaseins ist im Tierreich oft anzutreffen. Homo floresiensis wäre eben der dazu passende Mensch.

Auf der Konferenz in Indonesien deutete sich daher keine Annäherung der Standpunkte an. Vielmehr werden beide Seiten auch in Zukunft jeden einzelnen Knochen umdrehen, um ihre Sicht zu untermauern. Außerdem stehen weitere Ausgrabungen auf Flores und den Nachbarinseln sowie auf den Philippinen auf dem Programm, um Artgenossen oder Vorfahren des Hobbits zu finden. Allerdings ergab die Konferenz atmosphärische Fortschritte. Die Kontrahenten sind in die wissenschaftliche Arena zurückgekehrt und beharken sich nicht länger persönlich. Die wissenschaftliche Schlacht tobt schließlich schon heftig genug.

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