Benutzerspezifische Werkzeuge
Sie sind hier: Startseite Wissen Epochale Diskussionen

Epochale Diskussionen

erstellt von holgerkroker zuletzt verändert: 04.04.2013 12:25

Noch fünf Jahre etwa werden wir im Unklaren bleiben. So lange brauchen die Geowissenschaftler für die Klärung, ob das Holozän nach nur etwas mehr als 11.000 Jahren irgendwann im Lauf des 20. Jahrhunderts zu Ende ging und das eine neue Epoche, "Zeitalter des Menschen", anbrach. Dieses Anthropozän wäre der dritte Teilabschnitt des Quartärs, doch die Geologen sind sich noch nicht sicher, ob die Fußspur des Menschen tief genug für ein eigenes Zeitalter ist.

Sedimentkern aus dem nordpazifischen Wirbel. (Bild: Science/AAAS)"Eine geologische Epoche muss sich klar in der Überlieferung ausdrücken", erklärte Tony Brown, Direktor des Paläoumweltlabors an der Universität von Southampton, auf einer Pressekonferenz während der Herbsttagung der Amerikanischen Geophysikalischen Union. Eine Arbeitsgruppe der Internationalen Stratigraphie-Kommission ICS hat die Aufgabe übernommen, die Indizien zu sichten und zu bewerten. Die ICS ist so etwas wie der offizielle Geschichtsschreiber der Erde, sie gibt die verbindliche Zeittafel der Geowissenschaften heraus. Entsprechend hoch sind die Anforderungen und entsprechend akribisch die Untersuchungen der Arbeitsgruppe. Die Hinweise für das neue Zeitalter müssen von vielen Stellen der Welt stammen und dort in den geologischen Überlieferungen einen eindeutigen Wechsel markieren. "Allein den Beginn der neuen Epoche festzulegen, wird uns Jahre beschäftigen", erklärt Arbeitsgruppenmitglied Michael Ellis vom Britischen Geologischen Dienst auf der Pressekonferenz in San Francisco.

Das Goldvorkommen auf der zu Papua-Neuguinea gehörenden Insel Niolam gehört zu den größten der Welt.Einige harte Fakten haben die mit der Epochenbestimmung beauftragten Wissenschaftler bereits zusammengetragen: "Der Mensch bewegt inzwischen die größten Massen auf dem Kontinent und ist so der stärkste Faktor in der Landformung dort", erklärt Tony Brown. Sein Kollege Colin Waters vom Britischen Geologischen Dienst präsentierte in San Francisco Zahlen aus dem Jahr 2010: Danach hat die Menschheit damals rund 100 Milliarden Tonnen Gestein auf ihrer nimmermüden Suche nach Bodenschätzen bewegt, was einem Volumen von rund 45 Kubikkilometer entsprach. Noch einmal so viel waren es für jegliche Art von Bautätigkeit. Alle Flüsse dieser Erde zusammengenommen kamen nur auf rund ein Zehntel dieser Massen. Nur die Strömungen in Atmosphäre und in den Weltmeeren bewegen mehr.

Aus den Statistiken schält sich auch langsam der Beginn der neuen Epoche heraus. Waters: "Die Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg könnte für den Epocheneinschnitt in Frage kommen." In der Nachkriegszeit stieg der Materialverbrauch der Menschheit dramatisch an, angetrieben vom Wiederaufbau in Europa und Japan und der daran anschließenden Blütezeit, die erst in den 70er-Jahren zu Ende ging. In jüngster Zeit ist es die Aufholjagd der Schwellenländer, die den Materialkonsum in immer größere Höhen treibt.

Tagebau im südafrikanischen Witwatersrand. Der Mensch ist inzwischen der stärkste Faktor in der Landformung. (Bild: Holger Kroker)Doch das ist nur ein Vorschlag für die Zäsur, die das Holozän vom neuen Anthropozän scheidet. Andere Vorschläge stützen sich auf chemische Marker in den Sedimenten. So brachte etwa Michael Kruge, Geologieprofessor an der US-Universität von Montclair in New Jersey, polyzyklische aromatische Kohlenwasserstoffe, Blei und Quecksilber als solche chemischen Wasserzeichen des Anthropozäns ins Spiel. Mit diesem Unterscheidungsmerkmal wäre der Beginn des Anthropozäns ein paar Jahrzehnte früher anzusetzen. Die Diskussion wird mindestens bis zur Entscheidung der Arbeitsgruppe andauern, voraussichtlich aber auch lange danach noch weitergehen. "Wir sollten vielleicht erst in 100.000 Jahren darüber befinden, wenn eine solche Epoche unzweifelhaft in der geologischen Überlieferung sichtbar geworden sein wird", meinte Tony Brown auf der AGU-Tagung. Soviel Zeit werden die Experten sicher nicht erhalten, schon kursiert der Epochenbegriff außerhalb wissenschaftlicher Kreise.