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Erinnerung an ferne Zeiten

erstellt von holgerkroker zuletzt verändert: 10.09.2014 09:26

Jedes Jahr entdecken Biologen Dutzende, ja Hunderte neuer Arten, obwohl seit Carl von Linné Generationen von Zoologen und Botanikern fleissig die Natur durchkämmt haben. Dänische Wissenschaftler stellen jetzt in "Public Library of Science One" unscheinbare Tiefseetiere vor, die aber möglicherweise mit höchst illustrer Verwandtschaft aufwarten können. Die neue Tiergattung "Dendrogramma" ähnelt bestimmten Vertretern der uralten Ediacara-Fauna.

Wissenschaft braucht einen langen Atem: "Die Entdeckungsgeschichte von Dendrogramma ist eine lange, lange Geschichte", meint Reinhardt Møbjerg Kristensen, Professor und Kurator am Dänischen Naturkundemuseum in Kopenhagen, "gefunden wurde der Organismus schon 1986." 30 Jahre später ist die Entdeckung erst amtlich, denn jetzt ist Dendrogramma, ein zentimetergroßes, wie ein Pilz aussehendes Tier aus der Tiefsee vor Australien, beschrieben und im internationalen Artenverzeichnis registriert. Damit ist der Stammbaum des Lebens um eine Gattung mit zwei Arten reicher.

So sehen die neu entdeckten Tiere der Gattung Dendrogramma aus. (Bild: PLoS One/Jørgen Olesen)Die Geschichte könnte allerdings noch viel weiter zurückreichen, mehr als 542 Millionen Jahre. Denn Dendrogramma ist nicht nur eine unter vielen Dutzend Neuentdeckungen, die jedes Jahr beschrieben werden, "sie sehen aus wie die ältesten Tiere, die wir auf der Erde haben", so Kristensen, "die Ediacara-Fauna, die kurz vor dem Kambrium lebte." Mit der Artenexplosion des Kambriums vor 542 Millionen Jahren war es dann auch vorbei mit den Ediacara-Tieren, sie konnten den Neuankömmlingen offenbar nichts entgegensetzen und verschwanden aus der Überlieferung. Nach Ansicht von Kristensen und seiner beiden Co-Autoren ist mit den beiden neu entdeckten Dendrogramma-Arten aus der Bass-Straße zwischen Australien und Tasmanien jetzt etwas sehr Ähnliches wieder aufgetaucht.

Insgesamt 20 Exemplare der merkwürdigen, einen Zentimeter großen Organismen hatte Jean Just auf einer Expedition mit dem australischen Forschungsschiff "Franklin" zusammen mit einer Menge Sediment vom Tiefseeboden emporgeholt. Sie sehen mit Stamm und Hut einem hierzulande heimischen Pfifferling nicht unähnlich. "Allerdings mag ich diesen Vergleich nicht", meint der Zoologe, "denn es sind schließlich keine Pilze, sondern Tiere." Das sieht man bei genauerer Betrachtung. Die "Pilze" haben nämlich auf einmal einen Mund da, wo Pilze in der Erde wurzeln, und durch ihre durchsichtige Haut schimmert ein Verdauungstrakt. Sie lebten offenbar im oder auf dem Meeresboden und ernährten sich vermutlich von organischem Abfall und Kleinstlebewesen, die sie aufnahmen. Transparent wurden die Tiere wohl erst durch die Behandlung.

Wie damals üblich wurden die Funde an Bord in Formaldehyd konserviert und an Land dann in Alkohol umgefüllt. Das Formaldehyd zerstörte das empfindliche Erbgut, denn vor 30 Jahren dachte noch niemand an DNA-Untersuchungen. "Heute", bedauert Kristensen,"gibt es leider kein Material für molekulare Untersuchungen mehr." Das fehlende Erbgut macht die Eingruppierung der neuen Tiergattung unmöglich. Irgendwo bei den Rippenquallen oder den Nesseltieren, so vermutet Reinhardt Kristensen, dürften sie einzusortieren sein. Beides sind sehr einfache Stämme, Großgruppen im Reich der Tiere, die in der zoologischen Systematik ähnlich umfassend sind wie die Gliederfüßer, zu denen Insekten und Spinnentiere gehören, Weichtiere wie Muscheln oder Schnecken oder Chordatiere, unter die alle Wirbeltiere fallen.

Große Ähnlichkeit mit rund 600 Millionen Jahre alten Fossilien

Was die Neuzugänge jetzt über den Status eines Klassifikationsproblems für Systematiker erhebt, ist ihre Ähnlichkeit zu bestimmten Vertretern der uralten Ediacara-Fauna. "Es gibt Ediacara-Fossilien, die Medusoiden genannt werden", so Kristensen, "und sie sehen genau so aus wie die zwei Arten, die wir gefunden haben." Haben in der Tiefsee vor Australien vielleicht Verwandte einer unglaublich lange ausgestorbenen Welt überdauert? "Die Ähnlichkeiten sind bestechend, aber nicht exakt genug, um mich ausreichend zu überzeugen", meint Simon Conway Morris, Paläontologieprofessor in Cambridge und Experte für die frühesten Tiere.

Nötig wären neue Fänge, um die 30 Jahre alten Proben zu ergänzen, denn nicht nur das Erbmaterial hat unter der Behandlung gelitten. Die Proben selbst sind extrem zerbrechlich, so dass man sie kaum noch untersuchen kann. "Wir brauchen dringend mehr Material, insbesondere für genetische Untersuchungen. Dann können wir mit wesentlich besserer Datengrundlage diskutieren", sagt Conway Morris. Das ist ein nicht ganz einfach zu erfüllender Wunsch, schließlich handelt es sich um winzige und fragile Organismen, die nur bei zwei Probennahmen in einmal 400 und das andere Mal 1000 Meter Tiefe gefunden wurden. Eine erneute Suche, nur zwei Jahre nach dem Fund, blieb jedenfalls erfolglos. Doch Reinhardt Kristensen bleibt optimistisch. "Ich glaube, wir können sie wieder finden", meint der heute 66-Jährige.