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Expertenstreit um Ölwolke

erstellt von holgerkroker zuletzt verändert: 26.08.2010 05:44

Seit dem 15. Juni ist das BP-Bohrloch im Golf von Mexiko wieder abgedichtet. Fast drei Monate lang war nach der Havarie der Prospektionsbohrplattform "Deepwater Horizon" am 20. April Öl aus dem Macondo-Feld geströmt, jüngsten Schätzungen zufolge fast fünf Millionen Barrel oder 765 Millionen Liter. Jetzt, wo die unmittelbare Gefahrenquelle gestopft ist, beginnt die Auseinandersetzung um den Verbleib des ausgeströmten Öls.

Explodierte "Deepwater Horizon"Wie lange das ausgetretene Öl an der Meeresoberfläche und im Wasserkörper selbst bleiben wird, ist derzeit die heftig umstrittene Hauptfrage. Die US-Regierung hatte Anfang August für Widerspruch gesorgt, als sie den "BP Deepwater Horizon Oil Budget" (PDF-Dokument) genannten Bericht des Innenministeriums und der Ozeanographiebehörde Noaa vorstellte und bei der Präsentation betonte, daß nur noch ein gutes Viertel der fünf Millionen Barrel in und an der Oberfläche des Golfs von Mexiko zu finden sei. Wissenschaftler der Universität von Georgia und Südflorida konterten mit eigenen Abschätzungen, daß sich noch 79 Prozent der ausgeströmten Menge im Ökosystem befänden. Bei genauerem Blick auf die Zahlen ist der Widerspruch zwischen beiden Berichten nicht mehr so groß: Auch das Oil Budget der Regierung geht davon aus, daß sich rund 75 Prozent des Öls noch in der betroffenen Region befindet, sei es im Meer,  an den Küsten oder in der Luft. Allerdings sei ein Viertel verdunstet oder im Meerwasser gelöst und ein weiteres Viertel als winzige Tropfen im Wasser dispergiert. Wirklich in Form eines Teppichs oder als Teerklumpen sei eben nur noch ein Viertel vorhanden. Und diese Zahl wurde dann besonders betont.

Sentry im Golf von MexikoIm Kongress wurde der Regierung Obama daraufhin flugs ein PR-Manöver unterstellt, denn natürlich ist auch das gelöste, dispergierte oder verdunstete Öl weiterhin im System, und in welcher Geschwindigkeit dieses System mit der Belastung fertig wird, kann derzeit noch niemand sagen. Inzwischen kommen allerdings die ersten Ergebnisse der Forschungsfahrten zur Ölwolke aus den Labors. "Unseren ersten Abschätzungen zufolge arbeiteten die Bakterien im Juni zwar erheblich schneller als wir es erwartet hatten, aber aufgrund der niedrigen Tiefsee-Temperaturen zehnmal langsamer als an der Oberfläche", berichtete jetzt Benjamin Van Mooy von Meeresforschungszentrum Woods Hole bei der Präsentation der jüngsten Messungen.

Camilli und Reddy unter DeckEin Team des Forschungszentrums aus der Nähe von Boston hatte im Juni mit großem apparativem Aufwand eine untermeerische Ölwolke untersucht und jetzt erste Ergebnisse der damaligen Expedition in "Science" und auf einer Pressekonferenz vorgestellt. Die Wolke war rund 35 Kilometer lang, fast zwei Kilometer breit und rund 200 Meter dick, sie befand sich in rund 1100 Meter Wassertiefe und driftete mit einer Geschwindigkeit rund 6,5 Kilometern pro Tag durch den Golf. "Wir konnten durch chemische Analysen beweisen, dass diese Wolke vom Macondo-Ölfeld stammt und nicht aus natürlichen Quellen", erklärte Expeditionsleiter Richard Camilli.

Wasserprobennahmegerät im Golf von MexikoDas Woods-Hole-Team setzte ein autonom operierendes Robot-U-Boot ein und nahm zusätzlich Wasserproben mit einem regelmäßig von Bord des Schiffes "Endeavor" abgesenkten Beprobungsgeräts. Zusammen erzielten beide Methoden eine bislang unerreichte Datenfülle über die Ölverschmutzung. "Die Proben waren klar wie sauberes Wasser und rochen überhaupt nicht nach Öl", berichtete Geochemiker Christopher Reddy.  "Die Konzentration des Öls in der Wolke, die wir gemessen haben war extrem gering", bestätigt Terry Hazen vom Lawrence Berkeley National Laboratory in Berkeley, Kalifornien. Eine Forschergruppe unter seiner Leitung hatte etwa zur gleichen Zeit wie Camilli und seine Kollegen die Ölwolke untersucht. Christopher Reddy schränkt jedoch sofort ein: "Der geringe Ölanteil heißt keineswegs, daß wir keine Umweltfolgen zu erwarten haben." Es besagt einfach nur, daß die Ölwolken wesentlich schwerer zu verfolgen sein werden, da sie selbst in scheinbar wieder sauberem Wasser wabern können.

Ölwolke in der TiefseeAus ihren Untersuchungen kalkulierten die Forscher, daß allein in der von ihnen vermessenen Wolke rund sechs bis sieben Prozent des insgesamt ausgetretenen Öls versammelt sind. Erfahrungen mit solchen Tiefsee-Ölwolken gebe es nach Auskunft der Wissenschaftler kaum. "Vor rund zehn Jahren gab es vor der Küste Norwegens ein Experiment, bei dem in etwa 800 Metern Wassertiefe zwei Stunden lang Öl und Gas freigesetzt wurden. Damals bildete sich unterhalb der Oberfläche eine, wie sie es nannten, 'gefangene' Ölwolke, die jedoch mangels Nachschub schnell verschwand", so Richard Camilli. Auch beim Ixtoc-Blow-out 1979 im südlichen Golf von Mexiko soll sich eine Ölwolke gebildet haben, die aber nicht weiter untersucht wurde.

WasserprobenBleibt die entscheidende Frage, wie schnell die Lebensgemeinschaft des Meers mit den Ölmengen fertig wird. "Bei unseren Messungen im Juni fanden wir nur wenige Stellen, an denen der Sauerstoffgehalt niedriger war als normal", so Benjamin Van Mooy, "im größten Teil der Wolke lag dieser Effekt innerhalb der natürlichen Schwankungen." Der Sauerstoffgehalt ist ein erster, schnell messbarer Anhaltspunkt auf mikrobielle Abbautätigkeit, denn er sinkt in der Regel dann, wenn Bakterien ihre Aktivität hochfahren, um mit einem Überangebot an Nährstoffen fertig zu werden. Doch vermutlich ist die Tiefsee-Ölwolke für ein solch drastisches Signal einfach zu schwach angereichert. Die Forschergruppe um Terry Hazen hat sich auf die biologische Aktivität in der Ölwolke konzentriert und bestätigt die von den Kollegen aus Woods Hole darin gemessene von 67 auf 59 Prozent verringerte Sauerstoffsättigung. Beim genaueren Blick auf die im Kohlenwasserstoffstrom aktiven Bakterien sahen die Forscher, dass diese sich drastisch von den Mikroben außerhalb der Wolke unterschieden. Auf den Abbau von Kohlenwasserstoffen spezialisierte Vertreter hatten innerhalb der Wolke die normalen Bakterien verdrängt. Doch in beiden Fällen war die Konzentration an Zellen ziemlich gering.

Todeszonen mit extrem niedrigen Sauerstoffgehalten sind daher im Golf von Mexiko kaum zu erwarten, wenn sie sich bilden, dann werden es eng begrenzte Erscheinungen in der Nähe zum Macondo-Bohrloch sein. Ein drittes Team aus Wissenschaftlern von Noaa und der Universität Princeton sagen in einem Beitrag für die "Geophysical Research Letters" voraus, dass sich solche Todeszonen möglicherweise in der zweiten Jahreshälfte bilden werden, allerdings nur in unmittelbarer Nähe zum havarierten Bohrloch und nur dann, wenn zusätzlich zum Öl auch noch Methan austritt, das die Mikrobenaktivität weiter anheizt. Zu diesem Zeitpunkt wird von Tiefsee-Ölwolke, die noch im Juni erkennbar war und akribisch untersucht wurde, jede Spur verschwunden sein. "Die Wolke konnte bereits vor drei Wochen nicht mehr gemessen werden, und wir sehen derzeit, dass auch die dadurch vermehrte Biomasse langsam wieder sinkt", so Hazen, "deshalb wird auch der Sauerstoffgehalt entsprechend wieder auf normale Werte ansteigen."

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