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Explosive Wachstumsfolgen

erstellt von holgerkroker zuletzt verändert: 25.10.2010 16:01

Nicht nur Pessimisten befürchten inzwischen, dass die Menschheit in Sachen Klimaerwärmung das 2-Grad-Ziel verfehlen wird. Fachleute haben gefordert, dass der Temperaturanstieg bis zum Jahr 2100 auf zwei Grad begrenzt werden muss. Anderenfalls, so die Prognosen, wird das derzeitige Klimasystem instabil, die Folgen unabsehbar. Doch die Vorbereitungen für den diesjährigen Klimagipfel im mexikanischen Cancún laufen mehr als holprig.

Zu den politischen Hakeleien gesellen sich wissenschaftliche Probleme, die es den Forschern erschweren, belastbare Grundlagen für die Verhandlungen zu liefern. Mit den seit Monaten diskutierten internen Kämpfen von Klimaforschungsszene und IPCC haben sie nichts zu tun, sie gehören allerdings zu all jenen offenen Fragen, über die viele bei der Lektüre der IPCC-Berichte schnell hinweglasen. Eines dieser Themen ist die Entwicklung der menschlichen Bevölkerung und ihr Einfluß auf den Treibhauseffekt. Schon die Prognose einer Weltbevölkerung für 2050 oder 2100 ist eine Mammutaufgabe, doch wenn man die qualitative Veränderung der menschlichen Lebensumstände und deren Effekte auf das Klima mit einbezieht, wird es vollends kompliziert.

Urbanisierung der WeltEin Team um das US-Zentrum für Atmosphären-Forschung in Boulder und das Internationale Institut für angewandte Studien im österreichischen Laxenburg hat dennoch eine erste modellgestützte Abschätzung gewagt und kommt zu gewaltigen Effekten, die je nach gewähltem Szenario drastisch schwanken. Dabei haben sich drei Trends bei den Modellierungen als beherrschend herausgestellt: Wie nicht anders zu erwarten ist die zahlenmäßige Entwicklung der Menschheit der wichtigste. Nach den aktuellen UN-Prognosen könnte die Menschheit in einem Maximalszenario auf rund zehn Milliarden in 2050 und 14 Milliarden in 2100 anwachsen, die zusätzlichen Menschen werden vor allem in den Entwicklungsländern sowie in Indien und China leben. Ein mittleres Szenario geht von einem Anstieg auf knapp neun Milliarden bis zum Jahr 2050 und einer Stagnation danach aus. Ein Minimalszenario sagt dagegen einen Anstieg der Weltbevölkerung bis 2035 auf dann gut sieben Milliarden voraus, der dann ein Abfall auf rund 5,5 Milliarden im Jahr 2100 folgt. Das Forscherteam hat jetzt die beiden ersten Szenarien genommen und ihren Effekt auf den Treibhausgasausstoß untersucht.

Danach könnte allein die langsamere Bevölkerungsentwicklung des mittleren Szenarios den Treibhausgas-Ausstoß 2050 um 16 bis 29 Prozent geringer halten als bei maximalem Bevölkerungswachstum, im Jahr 2100 wäre der Unterschied sogar 37 bis 41 Prozent. Nicht zuletzt deshalb plädieren die Forscher dafür, die Bevölkerungsentwicklung möglichst einzudämmen. Dabei dürfe man sich nicht auf den aus den Industriestaaten bekannten Zusammenhang zwischen wachsendem Wohlstand und schrumpfenden Kinderzahlen verlassen, betonen die Forscher, sondern müsse auf aktive Familienplanung setzen. Eine entsprechende Politik allein in den USA und in den Entwicklungsländern würde schon zum gewünschten Effekt führen. Auf eine Diskussion, ob das Beispiel China mit seiner drakonischen, wenn auch erfolgreichen Ein-Kind-Politik ein Vorbild sein sollte, lassen sich die Forscher aus guten Gründen freilich nicht ein.

Europa bei NachtDie beiden anderen Trends, die den Klimawandel beeinflussen werden, hängen mit der Bevölkerungsstruktur zusammen. Die vor allem in den Entwicklungsländern noch steigende Urbanisierung wird zu einer Erhöhung des Treibhausgas-Ausstoßes führen, die Alterung der Gesellschaften in den Industrienationen dagegen zu einer Verringerung der Emissionen. Die wachsende Verstädterung läßt sie um 25 Prozent anschwellen, während die Alterung sie um ein Fünftel senken wird. Beide Trends wirken vor allem durch ihren Einfluß auf die wirtschaftliche Leistung der betreffenden Staaten. Mit steigender Urbanisierung nehmen die Forscher ein überproportional wachsendes Bruttosozialprodukt an, die Alterung soll sich negativ auf das Wirtschaftswachstum auswirken. Allerdings machen die Forscher bei der Alterung eine nicht unwichtige Einschränkung. Der negative Effekt auf das Wirtschaftswachstum und damit auf die Klimaemissionen besteht nur dann, wenn die Gesellschaft nicht auf die Alterung reagiert. Maßnahmen wie die Anhebung des Rentenalters, die wachsende Beschäftigung Älterer und ähnliches dürften ihn schmälern.  

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