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Fatale Klimakapriolen

erstellt von holgerkroker zuletzt verändert: 19.06.2009 11:12

War es nun ein Asteroid oder nicht? Die Frage nach dem Dinosaurierkiller, der vor 65 Millionen Jahren die Weltherrschaft der Riesenechsen mit einem Schlag beendet haben soll, ist offener denn je. Auf der Herbsttagung der Amerikanischen Geophysikalischen Union kratzen die Asteroiden-Kritiker um Princeton-Professorin Gerta Keller weiter am Lack der ungemein suggestiven These vom Killer aus dem All.

Asteroideneinschlag Kreide-Tertiär, großVerglichen mit dem gleißenden Verhängnis aus dem All sind Vulkanausbrüche in Indien natürlich ziemlich blass, zumindest 65 Millionen Jahre später. Den Zeitgenossen dürften sie gleichwohl als veritabler Weltuntergang erschienen sein. Denn die Basaltdecke, die heute noch rund 500.000 Quadratkilometer im westlichen Indien mit einer bis zu 2,5 Kilometer dicken Schicht überzieht, ist das Ergebnis von Vulkanausbrüchen, die zu den stärksten der Erdgeschichte zählen.

Bislang dachte man, dass sich die Aktivität über einige Millionen Jahre hinzog. Doch nach den jüngsten Ergebnissen, die Gerta Keller und Vincent Courtillot, Direktor des Pariser Institut de Physique du Globe, in San Francisco präsentierten, sind die Dekkan-Flutbasalte in nur wenigen Wellen entstanden. Die Datierungen von Courtillot und Keller zeigen, dass es rund 60 kleinere und 30 große Ausbrüche waren, die in drei kurzen, aber extrem heftigen Perioden stattfanden. Die erste und schwächste fand vor 67,5 Millionen Jahren statt, die beiden Hauptphasen genau an der Grenze zwischen Kreidezeit und Tertiär und 100.000 Jahre später. Keine dieser Phasen dauerte länger als 10.000 Jahre.

Der Kilauea auf der Hauptinsel von Hawaii bei seinem jüngsten Ausbruch im November 2004Die Geowissenschaftler nutzten für die Datierung die magnetische Ausrichtung der Lava. Das flüssige Material konserviert beim Erstarren die dann herrschende Ausrichtung des Erdmagnetfeldes. Die Untersuchungen gingen dabei weit über die traditionelle Bestimmung der magnetischen Hauptfeldrichtung hinaus. „Unser Team hat feinste magnetische Veränderungen analysiert, die entstehen, weil sich die magnetischen Pole ständig bewegen“, so Courtillot. Weil die Forscher die Geschwindigkeit der Polwanderung inzwischen kennen, können sie die Dauer der einzelnen Ausbrüche bestimmen. „Wir kommen auf zehn bis 100 Jahre“, so Courtillot.

Kein Asteroid als Dinosaurier-KillerTrotz der jeweiligen Kürze setzten die Ausbrüche beispiellose Mengen an Treibhausgasen frei. Die Unmengen Kohlendioxid spielten in der generell CO2-reicheren Atmosphäre eine untergeordnete Rolle, aber die geschätzten zehn bis 150 Milliarden Tonnen Schwefeldioxid, die jeder einzelne der 30 großen Ausbrüche in die Luft brachte, sollen verheerend gewirkt haben. Zum Vergleich: Beim Ausbruch des Pinatubo wurden zehn Millionen Tonnen Schwefeldioxid freigesetzt, höchstens ein Tausendstel einer jeden dieser 30 Eruptionen also. Doch schon der philippinische Vulkan verursachte eine Abkühlung der weltweiten Mitteltemperatur um ein halbes Grad, die mehrere Jahre anhielt. Am Ende des Erdmittelalters dürften deshalb drastische Klimakapriolen abgelaufen sein. „Der Schwefel ließ das Klima kippen“, so Courtillot, „es gab einen Temperatursturz und sauren Regen, und das nicht nur einmal, sondern mehrfach hintereinander.“ Leicht vorstellbar, dass die Ökosysteme damals mit einer solchen Folge von Verschlechterungen nicht fertig wurden.

Die Anhänger der Asteroiden-These sind auch von den neuen Ergebnissen nicht zu überzeugen. Auch die ebenfalls aus Kellers Ecke kommenden Datierungen des Chicxulub-Einschlags auf 300.000 Jahre vor der Kreide-Tertiär-Grenze beeindrucken sie nicht. Walter Alvarez, einer der Urheber der Asteroiden-These, hat alle Ergebnisse umgehend zurückgewiesen. Die Debatte wird definitiv weitergehen.

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