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Felszeichnungen als Zeremonienfeld

erstellt von holgerkroker zuletzt verändert: 11.09.2007 19:25

Rätselhafte Linien im Wüstenboden, viel mehr ist von den Indiokulturen von Paracas und von Nasca nicht erhalten geblieben. Riesige Trapeze oder Dreiecke, zum Teil mit mehreren hundert Metern Seitenlänge, und kilometerlange Parallelen ziehen sich über den Boden der Küstenwüste im Süden des heutigen Peru. Über ihren Sinn ist seit ihrer Entdeckung Ende der 20er Jahre des 20. Jahrhunderts viel gerätselt worden. Nicht zuletzt die Interpretation, es handele sich um Zeichen außerirdischer Lebewesen, hat den Linien im südperuanischen Wüstenboden große Aufmerksamkeit und der dünn besiedelten Provinz Nasca einen steten Touristenstrom beschert.

Wissenschaftler aus aller Welt bemühen sich, die Spuren dieser mehr als 1500 Jahre alten Hochkultur zu sichern und Licht in das Dunkel der peruanischen Geschichte vor den Inkas zu bringen. Eine dieser Forschergruppen ist der interdisziplinäre Projektverbund Nasca/Palpa , der vom Deutschen Institut für Archäologie geleitet und vom Bundesforschungsministerium finanziert wird. Seit 2002 haben die Wissenschaftler in Peru gearbeitet und stellten jetzt in Bonn ihre Ergebnisse vor.

Eine Steinwüste, an vielen Stellen sogar mit Sanddünenfeldern, so präsentiert sich das Gebiet um die Provinzstadt Nasca im Süden Perus. Die Ebene liegt zwischen dem Hauptkamm der Anden und einem vorgelagerten Gebirgszug, einer Küstenkordillere. Hier regnet es so gut wie nie. Das einzige Wasser schaffen Flüsse aus den Anden heran, und auch das ist nicht viel. Kaum zu glauben, dass in dieser unwirtlichen Umgebung über Jahrhunderte eine frühindianische Hochkultur blühte, die zahlreiche kleinere und größere Siedlungen hervorbrachte.

Das Tal von Nasca ist inzwischen eine Flußoase inmitten einer Steinwüste. Foto: Deutsches Archäologisches Institut

Die Wüste, die heutzutage das Landschaftsbild bestimmt, ist hier noch gar nicht so alt. Der Altamerikanist Markus Reindel vom Deutschen Archäologischen Institut ist Leiter des Projektverbundes: "Die erste Zeit nach dem Ende der Eiszeit war eine relativ feuchte Zeit, und wir hatten in der Region wohl eine flächendeckende Vegetation." Als die ersten Menschen vor einigen tausend Jahren in das heutige Südperu kamen, fanden sie daher eine grüne, viel versprechende Umgebung vor, und sie ließen sich hier nieder. Die deutschen Wissenschaftler haben Spuren der Besiedlung ausgegraben, die bis in vierte vorchristliche Jahrtausend zurückreichen, und diese Spuren scheinen noch nicht einmal zu den ältesten Siedlern der Gegend zu gehören.

Fruchtbares Land und Vegetation gab es auch noch, als sich die ersten Menschen der Paracas-Kultur im ersten vorchristlichen Jahrtausend in den Tälern festsetzten. "Genetische Untersuchungen an den tierischen Überresten haben gezeigt, dass damals dort sogar Vikunjas lebten, eine Gattung wilder Kamele, die heute dort nicht mehr vorkommen. Die Tiere fressen Gras", erklärt Reindel. "im Lauf der Paracas- und Nasca-Zeit ist das Land also zunehmend zur trockener geworden." Es war eine schleichende Klimakatastrophe: Seit ungefähr 3000 vor Christus waren im Gebiet von Nasca die Zeichen auf Wüstenbildung gestellt, doch es dauerte sehr lange, bis sich die Wüste auch tatsächlich durchsetzte. "Gegen 600 nach Christus, also gegen Ende der Nasca-Zeit, kam es effektiv zu einer Krise und die Nasca-Kultur brach zusammen", berichtet Reindel.

Ausgerechnet aus dieser späten Krisenzeit datieren die größten und aufwendigsten der Geoglyphen genannten Felsbilder. "Wir schließen daraus, dass die Geoglyphen in Zusammenhang stehen mit Wasser- und Fruchtbarkeitskulten", erklärt Karsten Lambers vom Deutschen Archäologischen Institut. Gerade aus der Spätzeit der Nasca-Kultur finden die Archäologen zudem Plattformen und kleine Altäre auf den Felsbildern, "die eindeutig", so Lambers, "im Zusammenhang mit Wasser- und Fruchtbarkeitskulten standen".

Uralte Technik

Dabei haben die Bilder sich im Laufe der rund 1500 Jahre, die die Kulturen von Paracas und von Nasca überdauerten, verändert. Das Verfahren , mit dem die Felsbilder hergestellt wurden, hatte bereits die frühe Paracas-Kultur entwickelt. Doch sie erzeugte damit figürliche Darstellungen, menschliche Gesichter oder Tiere. Die waren wesentlich weniger gewaltig als die geometrischen Figuren der Spätzeit, nur wenige Dutzend Meter groß. Und sie wurden an Berg- oder Hügelhängen angebracht, dass die Menschen sie sehen konnten. Die geometrischen Geoglyphen sind dagegen nur aus der Luft zu erfassen. "Die Paracas-Geoglyphen waren Bilder oder Symbole, die man von Ferne betrachtet hat, die irgendeine Botschaft übermittelt haben", erklärt Lambers.

Doch welchen Zweck hatten die riesigen geometrischen Figuren für ihre Schöpfer? Lambers: "Diese großen geometrischen Geoglyphen waren Orte, wo die Menschen sich versammelten, um Zeremonien durchzuführen. Wir haben immer wieder zerbrochene Keramikgefäße entlang der Ränder der Geoglyphen, wir haben Spuren davon, dass die Menschen vor allem die Linien immer wieder begangen haben, also diese weiche Sandschicht ist da sehr stark kompaktiert, wir haben vor allem auch die Steinplattformen im inneren der großen Trapeze, wo wir Opferniederlegungen gefunden haben, also Textilien, Keramikgefäße, Feldfrüchte, Muscheln." Je trockener es wurde, desto inbrünstiger beteten die Menschen zu ihren Fruchtbarkeitsgöttern. Gleichzeitig zogen sie sich immer weiter in die Anden zurück, dem immer spärlicher werdenden Wasser nach.

Die Wasserkrise scheint schon vor dem Verschwinden die Gesellschaft der Nasca-Kultur stark verändert zu haben. In der Blütezeit gab es neben den größeren und kleineren Siedlungen so etwas wie einen Zentralort, genannt Cahuachi. Ob er der Sitz eines zentralen Herrschers war, wie Reindel und seine Kollegen vermuten, oder ob es sich nur um ein zentrales Heiligtum der umliegenden selbständigen Siedlungen handelte, wie andere Forscher glauben, kann man nicht mit Bestimmtheit sagen. Sicher ist jedoch, dass Cahuachi in der Spätzeit verlassen wurde und in Trümmer fiel. Der Zusammenhalt der Nasca-Kultur lockerte sich also schon lange vor ihrem endgültigen Untergang.