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Flut im Canyon

erstellt von holgerkroker zuletzt verändert: 30.06.2010 20:19

Der Colorado ist die Lebensader des amerikanischen Südwesten, und er ist einer der am stärksten durch den Menschen umgestalteten Flüsse der Erde. 22 Stauseen gibt es in seinem Einzugsbereich, die beiden größten sind Lake Powell und Lake Mead ober- und unterhalb des Grand Canyon Nationalparks. Sie wurden lange Jahre vornehmlich als Wasserkraft- und Trinkwasserreservoire betrieben, seit fast 15 Jahren macht man sich auch Gedanken um eine ökologische Erneuerung des Colorado. Spektakuläre Flutungen sollen dem Fluss etwas von seiner ursprünglichen Erscheinung zurückgeben. Zwei Jahre nach dem jüngsten Experiment sind die Ergebnisse allerdings gemischt.

Innenminister startet ExperimentEin kräftiger Zug am Hebel und Dirk Kempthorne, damals US-Innenminister unter Präsident George W. Bush, entfesselte eine wahre Sintflut. Fast 2000 Kubikmeter Wasser pro Sekunde schossen an diesem 5. März 2008 aus vier dicken Rohren im Glen Canyon Damm. Das sei genug, um das Empire State Building innerhalb von 20 Minuten mit Wasser zu füllen meinte der Politiker. Doch das Wasser strömte nicht nur 20 Minuten sondern volle 60 Stunden aus dem Stausee Lake Powell in den Grand Canyon und verwandelte den Colorado River in eine reißende Flut. Bis zu fünf Meter über Normalstand stieg der Wasserspiegel an einigen Stellen der weltberühmten Schlucht. Früher, vor Schließung des Damms 1963, liefen solche Fluten regelmäßig nach der Schneeschmelze durch den Canyon.

Glen Canyon Damm von obenDie Flut vom März 2008 war dagegen ein Großexperiment, und ein umstrittenes dazu. Schließlich leidet der Südwesten der USA seit dem Jahr 2000 unter einer selten hartnäckigen Dürre, das Wasserreservoir des Lake Powell ist auf nahezu die Hälfte seines maximalen Standes zusammengeschrumpft.  Dem solchermaßen geschrumpften Stausee noch zusätzlich rund ein Zehntel des Volumens zu entziehen, hielten Kritiker daher im Vorfeld des Versuches für Verschwendung. Immerhin soll der Stausee zusammen mit dem stromabwärts liegenden Lake Mead die Wasserversorgung von sieben Bundesstaaten sicherstellen und das bundeseigene Wasserkraftwerk mit 1320 Megawatt installierter Leistung produziert Spitzenlaststrom für die Abnehmer in sechs dieser Staaten.

Einmündung des Paria Rivers"Die Flutung sollte die Lebensräume im Colorado unterhalb des Dammes wiederherstellen", erklärt Ted Melis vom Grand Canyon-Forschungszentrum des USGS. Denn die sind durch die intensive menschliche Nutzung so stark beeinträchtigt worden, dass die US-Regierung seit Mitte der 90er Jahre auf ein ganzheitliches Management für den gesamten Canyon von Lake Powell bis Lake Mead, "adaptive Management" genannt, setzt. Auf der Jahrestagung der Europäischen Geowissenschaftlichen Union in Wien erläuterten Melis und sein Kollege Josh Korman von der kanadischen Ökologie-Consulting-Firma Ecometric Research die Ergebnisse des Experiments von 2008 und die Strategie, die die US-Regierung voraussichtlich nach den jetzt drei Großexperimenten am Glen Canyon Damm verfolgen wird. "Der Vorschlag ist zurzeit, einen Kriterienkatalog für zukünftige Tests zu entwickeln und über einen Fünf- oder Zehnjahreszeitraum regelmäßige und aufeinander abgestimmte Flutungsexperimente durchzuführen als solche Einzelprojekte wie bisher", so Melis. Was dann am Ende nach regierungsinterner Diskussion und dem Gesetzgebungsprozess im Kongress herauskommt, muss allerdings abgewartet werden.

Beginn der FlutungDass die Korrektur der menschlichen Eingriffe schwer wird, ist nach über zehn Jahren Erfahrung mit dem "adaptive management" klar. Die Beziehungen in dem, was als Ökosystem Grand Canyon übrig geblieben ist, sind komplex, das Interessengeflecht rings um die berühmteste Schlucht der Welt nicht minder. "Es sind 25 Interessengruppen mit jeweils ganz spezifischen Interessen beteiligt", erklärt Ted Melis. Die reichen von Repräsentanten der umliegenden Stämme über die Vertreter der florierenden Freizeitindustrie im Canyon bis hin zu Umweltschutzgruppen.

"Der Colorado ist zusammen mit dem Gelben Fluss in China der am meisten veränderte Strom der Welt", meint der Wissenschaftler. 22 Stauseen gibt es im Einzugsgebiet des Colorado, Lake Powell und Lake Mead sind nur die größten. 25 Millionen Menschen und ein landwirtschaftlich hoch produktives Gebiet hängen am Colorado, weshalb der Fluss in manchen Jahren seine Mündung im mexikanischen Golf von Kalifornien schon nicht mehr erreicht. Doch es ist nicht allein der gewaltige Wasserkonsum vornehmlich der südwestlichen US-Bundesstaaten, der den Colorado so drastisch verändert. Die riesigen Stauseen haben den Charakter des Flusses komplett verändert.

Humpback Chub"Als der Damm 1963 geschlossen wurde, hatte das einen extremen Effekt auf den Fluss", berichtet Ted Melis. Der Damm hat den starken jahreszeitlichen Wechsel im Wasserstand des Flusses geradezu glattgebügelt. Früher führte die Schneeschmelze zu einem starken Hochwasser im Frühjahr, bei dem häufig sogar noch mehr Wasser durch den Grand Canyon schoss, als während des jüngsten Flutungsexperiments.  Zu den anderen Jahreszeiten führte der Fluss nur wenig Wasser, weniger als 100 Kubikmeter pro Sekunde waren es nach Angaben des Geologischen Dienstes der USA USGS. Damit schwankte der Colorado im Lauf der Jahreszeiten zwischen einem Strom wie dem Rhein und einem Fluss wie der Sieg, einem eher kleinen Nebenfluss.

"Früher war der Colorado die meiste Zeit des Jahres über ein sehr sedimentreicher Fluss mit stark schwankende Wassertemperaturen", ergänzt Josh Korman, "jetzt ist er in der Regel sehr klar und hat eine gleichbleibend niedrige Wassertemperatur." 94 Prozent der Sedimentfracht, die der Oberlauf des Colorado und seine dortigen Nebenflüsse produzieren, bleiben im Lake Powell hängen. In der Folge verschwinden immer mehr Sandbänke im Fluss und an seinen Ufern, und mit ihnen die Lebens- und Laichräume für viele einheimische Fische. Insbesondere der Humpback Chub steht hier im Focus, weil diese Fischart ausschließlich im Grand Canyon vorkommt und akut bedroht ist.

Wasser marschMit den Flutexperimenten wollte man herausfinden, wie man die verbleibenden fünf bis sechs Prozent Sediment so durch den Colorado spülen kann, dass die Sandbänke zumindest erhalten, wenn nicht sogar wieder aufgebaut werden können. "Dichter am Damm sind die Bänke unseren Daten zufolge zwischen 1996 und 2008 gleichgeblieben, weiter stromabwärts haben sie offenbar sogar ein bisschen zugenommen", so Ted Melis. Wichtig ist offenbar das Timing. Die Schleusen des Damms dürfen erst dann geöffnet werden, wenn die beiden stromabwärts einmündenden Nebenflüsse Paria und Little Colorado River ihre Sedimentfracht im Strom abgeladen haben. Sowohl das Flutexperiment vom November 2004 als auch das von März 2008 haben das vor Augen geführt.

Allerdings reichen die einmaligen Fluten allein nicht aus, um die Sandbänke zu erhalten. Parallel müsste auch der Betrieb des Wasserkraftwerks im Glen Canyon Damm geändert werden. Das läßt zu Spitzenzeiten besonders viel Wasser durch seine Turbinen strömen, um möglichst viel Strom zu Höchstpreisen zu erzeugen. So aber werden die Sandbänke in rasantem Tempo wieder wegerodiert, die durch die Flutexperimente angehäuft wurden. "Es gibt einige ziemlich gute Studien, die zeigen, dass man die Erosion mit weniger starken Strömungsspitzen eindämmen kann", so Josh Korman, "aber das bedeutet natürlich ökonomische Einbußen."

Eine ganz andere Frage ist die, ob der Wiederaufbau der Sandbänke letztendlich auch den einheimischen Fischen nützt. Die Ergebnisse des jüngsten Flutexperiments deuten darauf hin, dass der Hauptprofiteur eigentlich genau der falsche war. "Es gab eine gewaltige Zunahme von jungen Regenbogenforellen während des ersten Jahres nach dem Experiment", erklärt Josh Korman, "wir hatten schließlich viel mehr Forellen als vorher." Die Regenbogenforelle, einst für die Sportfischer eingesetzt, macht den einheimischen Fischen heftige Konkurrenz. Der flinke Raubfisch profitierte davon, dass mit der Flut auch die Produktivität des Flusses erneuert wurde und viel mehr Nahrung zur Verfügung stand als vorher. "Das war jetzt nicht gerade eine gute Nachricht", gibt Korman zu, "wir müssen jetzt herausbekommen, wie wir solche kontrollierten Fluten durchführen können, ohne dadurch die Forellen zu begünstigen."

Wirklich gewirkt haben bisher nur kostspielige Abfischaktionen, bei denen die Forellen elektrisch betäubt und dann in großen Mengen aus dem Wasser genommen wurden. Doch bei Beständen, die in die Hunderttausende gehen, wäre auch das ein langer Weg. Das Umsteuern am Colorado ist ein langwieriger Prozess. Auch 14 Jahre nachdem den Staudämmen ein nachhaltigeres Management verordnet wurde, tastet man sich im Südwesten der USA nur voran.  "Wir testen zurzeit viele kleine Maßnahmen, um ökologische Erneuerung und Wasserkraft miteinander zu vereinbaren", so Josh Korman, "aber wenn die erschöpft sind, müssen sich die Entscheidungsträger Gedanken über die nächsten Schritte machen. Bis dahin kann ich gut verstehen, dass viele Leute frustriert sind über den langsamen Prozess."

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