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Früheste Speerspitzen

erstellt von holgerkroker zuletzt verändert: 16.11.2012 13:03

Die Großwildjagd mit Speeren ist offenbar eine weit zurückreichende Errungenschaft der menschlichen Gattung. 400.000 Jahre alt sind die berühmten Holzspeere aus dem niedersächsischen Schöningen, die 1994 entdeckt wurden und von einer steinzeitlichen Jagd auf Wildpferde stammen. Noch einmal gut 100.000 Jahre älter ist ein Pferdeschulterblatt aus dem englischen Boxgrove, das ein Loch wie von einem Speer aufweist. Ungefähr genauso alt, aber buchstäblich vom anderen Ende der Welt sind Steinartefakte, die die Doktorandin Jayne Wilkins von der Universität Toronto in ihrer Dissertation als Speerspitzen interpretiert und in "Science" vorstellt. Damit wären sie die frühesten bekannten Distanzwaffen der Menschheit, produziert wohl vom gemeinsamen Vorfahren von modernen Menschen und Neandertalern, dem Homo heidelbergensis.

Experimentelle SpeereGefunden wurden die Steinspitzen in Senken nahe der Stadt Kathu in der südafrikanischen Nordkap-Provinz, die in Jahrhunderttausenden von vielen Lagen Schwemmmaterial gefüllt wurden. In diesen Kathu Pans fanden sich Überreste, die von der Altsteinzeit bis in die Eisenzeit reichen. Die Steinspitzen stammen aus einer Schicht, die mit Hilfe der optisch stimulierten Lumineszenz-Methode auf 464.000 Jahre plus/minus 47.000 Jahre datiert wurde. Von den Holzschäften und dem ebenfalls pflanzlichen Bindematerial, mit dem Spitzen und Schäfte verbunden werden mussten, fehlt allerdings jede Spur. 500.000 Jahre übersteht pflanzliches Material nur unter sehr glücklichen Umständen, wie etwa in Schöningen. Dort wurden die Speere offenbar am Ufer eines damaligen Sees zurückgelassen und dann von dichten Sedimentlagen begraben, die den Sauerstoff und damit die Zersetzung des Holzes ausschlossen.

Jayne Wilkins ist überzeugt, dass die Kathu-Spitzen auf Speeren eingesetzt wurden, weil sie an der Basis entsprechend behauen sind. Die Steinspitzen wären dann ein Indiz für eine komplexe Herstellungsweise. "Das ist ein bedeutsamer Fortschritt für unsere menschlichen Vorfahren", betont Wilkins gegenüber Science, "weil es den Umgang mit verschiedenen Materialien voraussetzt, viele Arbeitsschritte bedeutet und man dafür Vorausplanung und zielorientiertes Denken benötigt." Wilkins' Thesen stoßen bei ihren Kollegen auf Interesse, aber auch Vorsicht. 

 

"Ich kann mir gut vorstellen, dass das Speerspitzen waren, aber letztendlich können Sie das experimentell nicht beweisen", meint Jordi Serangeli, wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Ur- und Frühgeschichte der Universität Tübingen und Grabungsleiter in Schöningen. Was in Südafrika eben fehlt, sind die Holzüberreste, die aus einem behauenen Stein einen Speer machen. In Schöningen haben sich neben den Holzspeeren auch andere Stöcke gleichen Alters erhalten, die die beteiligten Forscher nach ersten Untersuchungen als Klemmschäfte ansehen. Noch sind die Arbeiten nicht abgeschlossen, aber wenn sich die erste Diagnose bestätigt, könnten in diese Hölzer Steinspitzen wie die aus Kutha eingespannt worden sein.

Gelohnt haben dürfte sich der Aufwand für die damaligen Menschen in Kutha wie in Schöningen durchaus. Bei "Testwürfen", die Jayne Wilkins mit frisch angefertigten Repliken der südafrikanischen Spitzen auf Springbock-Kadaver machte, zeigte sich die Durchschlagskraft der Speere. Außerdem waren die mit viel Aufwand behauenen Spitzen sehr dauerhaft. Die Fundstücke zeigten zwar an der Spitze und entlang der geschärften Kanten Beschädigungen wie Abplatzungen und Sprünge. Doch ihre nachgemachten Spitzen mussten Wilkins und ihre Kollegen häufig werfen, um entsprechende Schadensbilder zu erhalten. Die Heidelbergmenschen aus Südafrika hatten offenbar sehr lange etwas von ihren Waffen.

Speerspitzen aus den Kutha PansGroßwildjagd mit Distanzwaffen und die Fähigkeit komplexe Werkzeuge herzustellen, scheint daher sowohl den modernen Menschen als auch den Neandertalern von ihrem gemeinsamen Vorfahren in die Wiege gelegt worden zu sein. "Die Funde zeigen uns, dass wir es mit einem sehr intelligenten Vorfahren zu tun haben", sagte der britische Paläoanthropologe Michael Petraglia dem "Guardian". Erste Indizien für das Zerlegen großer Beutetiere gibt es aus der berühmten Fundstätte Gesher Benot Ya'akov im Grenzgebiet zwischen Israel und dem von ihm besetzten Golan. Dort fanden Archäologen Reste von zerlegten Damhirschen, die auf ein Alter von rund 780.000 Jahre datiert wurden. Zusammen mit den niedersächsischen Speeren, die 320.000 Jahre alt sind und den südafrikanischen Speerspitzen ergibt sich, dass Großwildjagd und offenbar auch fortgeschrittener Waffeneinsatz schon sehr früh in der Menschheitsgeschichte verbreitet waren.