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Frühes Organisationstalent

erstellt von holgerkroker zuletzt verändert: 18.12.2009 15:12

Schon die Frühmenschen des Acheuléen besaßen offenbar organisatorische Fähigkeiten. An der israelischen Fundstätte Gesher Benot Ya'aqov fanden moderne Ausgräber Anzeichen dafür, dass das Gelände vor 790.000 Jahren in verschiedene Wohn- oder Arbeitszonen eingeteilt worden war. In der aktuellen "Science" berichten die Wissenschaftler der Hebräischen Universität in Jerusalem von ihren Funden. Gesher Benot Ya'aqov war 2007 bekannt geworden, weil man dort die weitaus frühesten Anzeichen für kontrollierten Umgang mit Feuer gefunden hatte.

Der Kreuzfahrerburg Chastellet du Gué de Jacob an der Jakobsfurt über den Jordan war kein gutes Schicksal beschieden: 1178 begann Balduin IV., König des Kreuzfahrerreichs von Jerusalem, mit den Bauarbeiten für die Burg, die diesen wichtigsten Jordan-Übergang zwischen der Hafenstadt Akkon und dem muslimischen Damaskus sichern sollte. Schon im folgenden Jahr überfiel Saladin die unfertige Festung, eroberte und zerstörte sie vollkommen, die Besatzung und die am Bau beschäftigten Handwerker wurden getötet oder versklavt. Acht Jahre später war das Königreich Jerusalem selbst Geschichte, erobert von den Truppen desselben Sultans.

BasaltwerkzeugeWas Balduin IV. und seinen Gegenspieler Saladin an der Gegend reizte, scheint auch schon frühere Generationen angezogen zu haben. Unweit der Jakobsfurt liegt die Fundstätte Gesher Benot Ya'aqov, eine der ältesten außerafrikanischen Fundstätten für frühmenschliche Fossilien. Auf bis zu 790.000 Jahre wird das Alter der Funde inzwischen datiert, die der Acheuléen-Periode zugerechnet werden. Aller Wahrscheinlichkeit nach waren die Träger dieser Periode von der Art homo erectus. Die Menschen scheinen den Ort in einem Zeitraum von 100.000 Jahren immer wieder aufgesucht zu haben. Zum Vergleich: Der moderne Mensch homo sapiens, zu dem wir alle gehören, ist nur wenig älter als 100.000 Jahre, die frühesten Wurzeln unserer Kultur reichen nur rund 10.000 Jahre zurück. 

Schon die ersten Ausgrabungen 1930 hatten die für die Periode typischen Faustkeile aus Feuerstein erbracht, im Jahr 2007 veröffentlichten Archäologen der Hebräischen Universität in Jerusalem die bislang frühesten Belege für die absichtliche Nutzung von Feuer: Reste von Holz und Holzkohle, sowie Nüsse, Samen und andere Pflanzenteile, die zum Teil geröstet, zum Teil roh waren. Jetzt berichten Mitglieder derselben Arbeitsgruppe, dass die Menschen damals ihren Lagerplatz in verschiedenen Zonen organisiert hatten. In der 18 Meter langen und vier Meter breiten Ausgrabungsstätte ließ sich eindeutig eine Zone für die Werkzeugherstellung sowie eine für den Feuergebrauch und die Weiterverarbeitung von Beute und gesammelten Pflanzen identifizieren.

Heutzutage liegt die Fundstätte in Ufernähe des Jordan, doch vor 790.000 Jahren war sie das Ufer eines Sees von sehr unterschiedlicher Größe, je nachdem, ob es Regen- und Trockenzeit war. Ein Rest könnte der heutige Hula-See darstellen, der dem umgebenden Tal seinen Namen gibt. Die Pflanzenreste weisen zum größten Teil auf eine feuchte Umgebung hin, See- oder Flussufer und Sümpfe. Doch ein Teil der entdeckten Samen stammt auch von Pflanzen aus eher trockenen Waldgebieten: Oliven, Eicheln und die Früchte des Storax-Baums, einer Pflanzenart, deren Harz noch heute als Räucherwerk verwendet wird. "Ihr Vorkommen kann nur durch Menschen erklärt werden, die sie gesammelt haben", schreiben die Autoren um Nira Alperson-Afil, "denn die Pflanzen selbst kamen wahrscheinlich erst in einiger Entfernung zum Seeufer vor."

Der Großteil der Flintsplitter, darunter vor allem die groben und großen, die für die Vorarbeiten bei der Herstellung von Faustkeilen stehen, fanden die israelischen Ausgräber im nördlichen Teil der Fundstätte konzentriert. Die meisten von diesen Splittern waren nicht mit Feuer in Kontakt gekommen. Daher interpretieren die Archäologen diesen Fund als Zeichen dafür, dass hier die Steinwerkzeuge hergestellt wurden. Da sich auch Fischreste Anzeichen für Schlachtaktivitäten fanden, kann es sein, dass an dieser Stelle auch Beutetiere grob vorbereitet wurden. Am anderen Ende des Ausgrabungsstreifens stand dagegen alles im Zeichen des Feuers, das die Menschen offenbar kontrolliert einsetzten. Sie wussten zwar noch nicht, dass man Steinwerkzeuge durch Feuer härten kann, doch durch den Herd, den sie an dieser Stelle betrieben, ist der Prozentsatz der Werkzeugreste, die in Kontakt mit dem Feuer gekommen waren, höher als anderswo. Auch bei Nüssen, Samen oder Früchten und auch bei den Tierknochen finden sich Brandspuren. Daneben gab es auch Werkzeuge aus den weicheren Basalt und Kalkstein, die zum Teil Anzeichen dafür aufwiesen, dass sie zum Knacken der Nüsse verwendet worden waren.

Die Konzentration der jeweiligen Fundreste zeigt nach Ansicht der israelischen Wissenschaftler, dass schon diese frühen Menschen fortgeschrittene Organisationsfähigkeiten besaßen. "Moderne Raumaufteilung setzt soziale Organisation und die Verständigung zwischen den Mitgliedern der Gruppe voraus", schreiben die Forscher in "Science", "man geht davon aus, dass Verwandtschaft, Geschlecht, Alter, Status und Befähigung in dieses Konzept hineinspielen."

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