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Gebackene Faustkeile

erstellt von holgerkroker zuletzt verändert: 24.08.2009 09:50

Der Mensch lernte die Verwendung von Feuer zur Werkzeugherstellung schneller als bislang gedacht. Experimentalarchäologen berichten jetzt in „Science“, dass in der südafrikanischen Mossel Bay gefundene Werkzeuge nur durch starkes und langes Erhitzen entstehen konnten.

Steinwerkzeuge von Mossel BayHell schlagen die Flammen aus dem dicht aufgeschichteten Holzstoß. Die Hitze ist immens, für ein Lagerfeuer geradezu unerträglich. Fünf Stunden lang hielt Kyle Brown, US-Experimentalarchäologe und Doktorand an der Universität von Kapstadt, diesen Brand aufrecht und ließ die Asche dann über Nacht auskühlen. Dann erst kam der Wissenschaftler an die eigentlichen Objekte der wissenschaftlichen Begierde: Im Sand unterhalb der Feuerstelle hatte er mehrere Faustkeile aus Silcrete, einem flintähnlichen Stein, vergraben. Die ursprünglich gelben Steine stecken dunkelrot und glänzend in dem Sandbett, in dem während des Feuers bis zu 350 Grad geherrscht haben. „Dieses Erhitzen der Faustkeile ist so etwas wie die Morgenröte menschlicher Ingenieurkunst“, erklärt Brown. Durch das Erhitzen ist aus dem zur Werkzeug-Herstellung eher ungeeigneten Silcrete ein hervorragendes Rohmaterial geworden, ungefähr dem Obsidian vergleichbar.

Mossel BayMit ihren Experimenten sind die Wissenschaftler in Mossel Bay einem Rätsel auf die Spur gekommen, das sie volle sechs Jahre beschäftigt hat. Bei Ausgrabungen in den Höhlen der Bucht in der südafrikanischen Westkap-Provinz fanden sie auffällig viele rotbraune, glänzende Steinwerkzeuge, die außerordentlich fein gearbeitete und scharfe Kanten hatten. „Aber wir konnten auch in noch so vielen Exkursionen nirgends in der gesamten Region einen Ort finden, an dem dieses Gestein zu finden war“, so Brown. Der Silcrete, den man stattdessen zuhauf findet, bringt unbehandelt Werkzeugmacher an den Rand des Nervenzusammenbruchs, wenn sie dünne und scharfe Schneiden oder Spitzen herstellen wollen.

Moderner Steineklopfer„Das Abschlagen feiner Splitter ist nahezu unmöglich, wenn das Material nicht wärmebehandelt ist“, berichten John Webb und Marian Domanski in einem Kommentar in „Science“. Durch die Hitze rekristallisiert offenbar das Material, die vorher stark unterschiedlichen Größen der Quarzkristalle werden vereinheitlicht und Mikrobrüche im Gestein werden geheilt. Dadurch kann der Bearbeiter größere, längere und schärfere Splitter absprengen als vorher. Allerdings macht die Hitzebehandlung das Material auch spröder. Ähnlich wie Obsidian springt es leichter.

Mossel Bay KarteDer Trick mit dem Erhitzen stammt aus grauer Frühzeit des modernen Menschen, denn die ersten Steinklingen dieser Provenienz hatte Co-Autor Curtis Marean, Professor für Anthropologie an der Arizona State University, 2007 entdeckt und auf ein Alter von 164.000 Jahre datiert. Der Ursprung des modernen Menschen wird auf rund 200.000 Jahre vor heute datiert, die Menschen von Mossel Bay waren demnach erstaunlich fortschrittlich. Marean und seine Kollegen hatten 2007 in der Bucht noch andere erstaunliche Relikte gefunden: Spuren des ersten Meeresfrüchte-Eintopfs der Menschheitsgeschichte ebenso wie den ersten nachgewiesenen Einsatz von Farbe.

Silcrete vor und nach der HitzebehandlungDie Klingen, mit denen sich Kyle Brown jetzt beschäftigte, sind zwar rund 90.000 Jahre jünger, treten dafür aber in solcher Zahl auf, dass der Schluss naheliegt, die Wärmebehandlung von Steinwerkzeugen sei damals eine offenbar allgemein übliche Praxis gewesen. Für Kyle Brown und seine Kollegen ist unzweifelhaft, dass hinter dem Erhitzen planmäßiges und zweckgerichtetes Tun steckt: „Allein die Menge an Brennholz zu sammeln, war ein Riesenaufwand“, so Brown, „und dann musste das Feuer über lange Zeit in Gang gehalten werden.“ Stundenlanges Brennholz- und Rohmaterialsammeln und dann der mehr als 30 Stunden währende Brennprozess setzten erstaunliche Planungsfähigkeiten und großes Durchhaltevermögen voraus.

Pinnacle Point Die afrikanisch-amerikanischen Experimentalarchäologen verschieben den Beginn des planmäßigen Feuergebrauchs für Produktionszwecke um rund 40.000 Jahre in die Vergangenheit. Bekannt ist, dass der Mensch das Feuer zu Kochzwecken schon vor rund 700.000 Jahren bändigte. Bislang war man davon ausgegangen, dass unsere Art den nächsten Schritt, den Einsatz zur Verbesserung von Werkzeugen, erst vor 25.000 bis 30.000 Jahren erlernte, und das in Europa. Jetzt scheint es, als hätten die aus Afrika einwandernden modernen Menschen diese Kulturtechnik mitgebracht.

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