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Geologen und Geschichten

erstellt von holgerkroker zuletzt verändert: 02.01.2008 15:09

Noch vor 20 Jahren waren Mythen und Wissenschaft getrennte Welten. Geologen, die sich mit den überlieferten Geschichten beschäftigten, gerieten in den Ruf, abseitige Spinner zu sein, die nach Atlantis oder ähnlichem suchen. Das hat sich geändert. Der Grund dafür ist der Untergang der Saurier – genauer: die Hypothese, dass ihnen vor 65 Millionen Jahren ein Asteroideneinschlag den Garaus gemacht haben soll. Die Idee vom Killer aus dem All, die 1980 aufkam, hat einen Damm gebrochen.

Seitdem sind Naturkatastrophen als Faktoren in der Entwicklung des Lebens stärker in den Blickpunkt geraten. Da schriftliche Aufzeichnungen nur einen sehr kurzen Zeitraum in die Vergangenheit zurückreichen, war es nur ein kleiner Schritt, mündliche Überlieferungen auf ihren Informationsgehalt abzuklopfen. „Inzwischen haben wir gelernt, Mythen richtig zu interpretieren“, erklärt Luigi Picardi, Erdbebengeologe beim Italienischen Forschungsrat CNR, „mit ihrer Hilfe können wir sehr weit in die Vergangenheit zurückschauen, bis in prähistorische Zeiten, als es noch keine Schrift gab.“

Tatsächlich kann man in vielen Mythen einen wahren Kern finden, der auf einen geologischen Zusammenhang deutet. So gibt es Hypothesen, dass die biblische Sintflut die Katastrophe schildert, als die Wassermassen des Mittelmeeres einen schmalen Damm am Bosporus durchbrachen und das nach den Eiszeiten trocken gefallene Becken des Schwarzen Meeres fluteten. Die Pythia, Griechenlands bedeutendste Seherin im Apollon-Heiligtum in Delphi, soll ihre Fähigkeiten einer Störung direkt unter dem Heiligtum verdanken, die halluzinogene Gase ausstieß und so der Pythia zu ihren oft welthistorischen Weissagungen verhalf.

Die Suche nach den realen Grundlagen der Mythen ist die eine Sache. Doch Luigi Picardi und seine Kollegen gehen noch einen Schritt weiter. Sie versuchen aus den Erzählungen aus unvordenklicher Vorzeit oder christlichen Legenden Nutzen für die Gegenwart zu ziehen. Denn oft sind die Ursachen der geschilderten Ereignisse, etwa Vulkane oder Erdbebenzonen, immer noch vorhanden und aktiv. Der US-Archäologe Bruce Masse ist im US-Atomwaffenlabor Los Alamos unter anderem für die Kontakte zu den ansässigen Indianerstämmen zuständig und hat sich deshalb viel mit den Mythen der Indianer beschäftigt: “Geomythen beschäftigen sich damit, wie frühere Kulturen die Entstehung von Vulkanausbrüchen erklärt haben, von Erdbeben oder Fluten. Die Augenzeugen dieser Ereignisse erachteten sie für so wichtig, dass sie das Wissen darum und die Lehren, die sie daraus zogen, an ihre Nachfahren weitergeben wollten.“ Und außer den Nachfahren können eben auch moderne Menschen etwas aus Mythen und Legenden lernen. „Eine der wichtigsten Aufgaben von Mythen ist, echte Informationen zu überliefern“, betont auch Elisabeth Barber, Linguistin und Archäologin am Occidental College in Los Angeles. Das können Mitteilungen sein wie: Wir haben diese Stadt erbaut. Es können aber auch bedeutsame Warnungen sein, wie etwa vor tödlichen Wolken am Nyos-See in Kamerun.