Benutzerspezifische Werkzeuge
Sie sind hier: Startseite Wissen Geringe Zahl, große Wirkung

Geringe Zahl, große Wirkung

erstellt von holgerkroker zuletzt verändert: 20.11.2009 17:17

Die nordamerikanische Eiszeitfauna war außerordentlich vielfältig. Doch innerhalb von gerade einmal 1000 Jahren verschwanden alle großen Tiere von der Bildfläche. Die Suche nach den Verursachern hat Generationen von Forschern beschäftigt. Im Blickpunkt stehen die einwandernden Menschen, die die Tiere bis zur Ausrottung jagten, oder aber Umweltveränderungen, die sie um ihre Lebensgrundlage brachten. Nach einem genauen Blick in Seesedimente präsentieren US-Forscher jetzt Hinweise, dass die Menschen zwar eine große Mitschuld trifft, dass sie die Tiere aber wohl nicht abgeschlachtet haben.

Mastodons in NordamerikaMammuts stapfen über die Tundren, die  kaum kleineren Mastodons streifen durch lockere Wälder, Riesenfaultiere und Riesenbiber gibt es, dazu Säbelzahntiger, Kamele, Pferde und Bären. Nordamerika vor 15.000 Jahren konnte in allem mit der heutigen Serengeti mithalten, außer in der Temperatur. Der Kontinent erholte sich gerade von der jüngsten Eiszeit, die Gletscher waren zwar auf dem Rückzug, aber dennoch war es eine typisch eiszeitliche Szenerie. "Damals war die Vielfalt des Großwilds in Nordamerika größer als heute die in Afrika", erklärt Jacquelyn Gill von der Universität Wisconsin in Madison. Doch dann war es innerhalb von etwa 1000 Jahren vorbei mit der Vielfalt. Vor 13.700 Jahren waren die Großtiere alle verschwunden, die Ursache bleibt bis heute rätselhaft.

"Mit unserer Forschung wollen wir beginnen die Veränderungen von damals genauer zu bestimmen", erklärt die Doktorandin am Institut für Geographie in Madison. Denn im fraglichen Zeitraum sind drei für Nordamerika einschneidende Vorgänge miteinander verwoben, ohne dass man genau Ursache und Wirkung erkennen kann: Die Megafauna verschwindet, die ersten unumstrittenen Beweise für menschliche Besiedlung tauchen auf, und das Ökosystem wandelt sich drastisch zu einer von Laubwald dominierten Landschaft mit regelmäßig wiederkehrenden Buschbränden.

Die Gleichzeitigkeit dieser Vorgänge diktiert auch die Erklärungsversuche: Die eine Fraktion unter den Wissenschaftlern glaubt, die Großtiere seien massenhaft von den einwandernden Menschen der Clovis-Kultur abgeschlachtet worden. Die Konkurrenzhypothese geht davon aus, dass die Großtiere mit der Veränderung ihres Lebensraums nicht klar kamen und daher ausstarben. Daneben gibt es noch eine dritte Theorie, die das Ende der nordamerikanischen Megafauna mit einem Asteroideneinschlag vor 12.900 Jahre in Verbindung bringt. Jacquelyn Gill und ihre Kollegen haben jetzt Seesedimente aus den US-Bundesstaaten Indiana und New York datiert und auf ihre Eiszeitinformationen abgeklopft. "Die Flora haben wir über Pollen identifiziert", erklärt Gill, "bei der Megafauna mussten wir einen Umweg wählen." Die Forscher suchten und fanden Sporen des Schimmelpilzes Sporomiella, die einen Gang durch den Verdauungstrakt von Säugetieren brauchen, um keimfähig zu sein. "Den Pilz gibt es heute noch, aber seine Sporen fehlen in den Seesedimenten. Dort tauchen sie nur auf, wenn sehr viel Großwild Dung absetzt", erklärt Gill. Ebenfalls gut vertreten waren Holzkohleflocken, Anzeichen für regelmäßige Buschbrände.

Die Seen in den beiden US-Bundesstaaten bildeten sich, als vor rund 17.000 Jahren die Gletscher zurückwichen. Seitdem haben sich in regelmäßigen Schichten Staub, Pollen und andere Schwebteilchen der Luft am Seeboden abgelagert und ein hervorragendes Archiv aufgebaut. Dieses Archiv aber lieferte ein überraschendes Bild. "Wir können den Verlust des Lebensraums als Ursache für das Verschwinden der Megafauna ausschließen", betont Jacquelyn Gill, "denn die Veränderungen in der Pflanzengemeinschaft traten erst auf, als sich die Großtiere bereits auf dem absteigenden Ast befanden." Damit wäre die Umweltveränderung eine Folge, keine Ursache der Megafauna-Krise. Offenbar haben die großen Pflanzenfresser die Laubbäume kurz gehalten, weil sie sie bevorzugt abweideten. Als die Pflanzenfresser verschwanden breiteten sich die Bäume ungehindert aus und veränderten das Ökosystem grundlegend.

Auch die Menschen der Clovis-Kultur kommen aus zeitlichen Gründen nicht als Verantwortliche in Frage, denn sie werden erst vor rund 13.000 Jahren fassbar. Die Clovis-Kultur ist für ihre Pfeil- und Speerspitzen bekannt, die besonders gut für die Großwildjagd geeignet waren. Daher kamen Archäologen auf die Idee, derart gut ausgerüstete Ureinwohner hätten die Großtiere in einer Art Massenjagd innerhalb weniger Jahre ausgerottet. Nimmt man die Seesedimente aus dem Osten der USA ernst, kann das nicht stimmen. Die Menschen will Jacquelyn Gill dennoch nicht aus ihrer Verantwortung entlassen: "Es gibt immer mehr Hinweise, dass es schon vor der Clovis-Kultur Menschen in Amerika gab. Sie hatten vielleicht nicht die effektiven Waffen der Clovis-Menschen, aber können dennoch zum Niedergang der Megafauna beigetragen haben."

Diese Sicht unterstützt auch Chris Johnson, Biologie-Professor an der australischen James-Cook-Universität in Townsville, der sich intensiv mit dem Aussterben der dortigen Megafauna beschäftigt: "Mit den neuen, viel genaueren Daten zur zeitlichen Abfolge gibt es nun starke Indizien dafür, dass der Mensch Schuld am Verschwinden der Megafauna Nordamerikas trägt. Weil sich die Megafauna nur langsam fortpflanzt, haben wohl schon wenige Jäger ausgereicht." Ein ähnlicher Befund wird für den australischen Kontinent immer wahrscheinlicher. Auch dort ging das Auftreten der ersten Menschen vor 60.000 Jahren einher mit dem jähen Ende der Megafauna und einem drastischen Wandel der Ökosysteme. Offenbar prägt nicht nur der moderne Mensch seiner Umwelt seinen unverwechselbaren Stempel auf, auch die frühen Vertreter unserer Art haben das bereits vermocht.

Verweise
Bild(er)