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Gleitflieger aus dem Jura

erstellt von holgerkroker zuletzt verändert: 04.05.2015 11:58

In der nordostchinesischen Provinz Hebei ist eine ganz besondere „Fledermaus“ entdeckt worden. Sie lebte im Erdmittelalter, war vielleicht 35 Zentimeter groß und ob sie aktiv fliegen konnte, sei dahingestellt. Aber das in der aktuellen "Nature" vorgestellte Tier der erste Dinosaurier mit Flughaut.

Das bisher einzige Fossil von Yi qi. (Bild: Nature/Zang Hailong, IVPP)Auch wenn über die Flugkünste von Yi qi heftig diskutiert wird - mit vier Buchstaben darf sich das Fossil wohl rühmen, den kürzesten Namen aller Dinosaurier zu besitzen. "Unser Hauptautor Xu Xing hat es tatsächlich geschafft, seinen eigenen Rekord von 2004 zu brechen", lacht der Kanadier Corwin Sullivan, "kaum möglich, dass wir einen noch kürzeren Namen finden werden." Sullivan ist Professor am Institut für Wirbeltierpaläontologie der chinesischen Akademie der Wissenschaften in Peking, und wenn es ein Land gibt, in dem man sein Benennungsglück ausgiebig testen kann, dann ist es China.

Seit einigen Jahren wird die Welt durch immer neue, zum Teil bizarre Fossilien aus den Nordost-Provinzen Liaoning und Hebei überrascht. Yi qi ist da keine Ausnahme. Das Fossil aus der Wende vom mittleren zum oberen Jura vor 160 Millionen Jahre hat drei sehr lange Finger an jeder Hand. Einer von ihnen ist ein regelrechter „Spinnenfinger“, der die anderen um das Zwei- bis Dreifache überragt. Dazu kommt noch so etwas wie eine knöcherne Strebe, die direkt mit dem Handgelenk verbunden ist. Den Clou entdeckten die Forscher erst auf den zweiten Blick. "Xu Xing sah sich den Fund noch einmal sehr genau an und fand Gewebefetzen, die sich sehr stark von Federn unterschieden", erzählt Sullivan, "diese Fetzen lagen nahe an der 'Strebe' und an einigen Fingern." Auf dem Untersuchungstisch in Peking lag offenbar der erste Dinosaurier mit Flughaut, und der war zu Lebzeiten offenbar komplett in ein isolierendes Fell aus Flaumfedern gehüllt.

Schädel des jurassischen Gleitfliegers Yi qi. (Foto: Nature/Zang Hailong, IVPP)Wie nun die Flughäute genau ausgesehen haben und wie es folglich um die Gleitkünste des Dinos bestellt war, darüber können die Forscher allerdings nur spekulieren. "Er hat Flughäute gehabt, dessen sind wir uns sicher", so Sullivan, "wie groß sie waren und wie sie am Körper ansetzten, darüber können wir nur spekulieren." Der Grund: Von Yi qi haben sich nur der Oberkörper und ein paar kleinere Reste der Beine und des Schwanzes erhalten. Das Tier könnte also durchaus sogar so aktiv wie eine Fledermaus geflogen sein. Der Paläontologe Kevin Padian von der Universität von Kalifornien in Berkeley hält von dieser Vorstellung allerdings gar nichts. "Diese Möglichkeit können wir derzeit vergessen", schreibt er unverblümt in einem Kommentar für "Nature". Auch Corwin Sullivan hält das für unwahrscheinlich: "Ich würde tippen, dass er gleiten konnte und vielleicht ein paar eher ungeschickte Flügelschläge machte." Das Dino-Flughörnchen wird demnach in Bäumen herumgeklettert sein und hin und wieder von hoher Warte aus einen Gleitflug gewagt haben. Die Flughäute und langen Finger dürften ihn beim Klettern nur wenig behindert haben, denn die konnte er wahrscheinlich recht gut zusammenfalten. "Theropoden haben sehr biegsame Handgelenke", erklärt Sullivan, "leider wissen wir nicht, wie die 'Streben' mit ihnen verbunden waren."

Yi qi aus Hebei lebte vor rund 160 Millionen Jahren. (Bild: Nature/Dinostar Co. Ltd)Yi qi gehörte zu einer kleinen und ziemlich rätselhaften Familie von Dinosauriern, deren drei bislang bekannte Mitglieder alle aus Nordostchina stammen. Auch die beiden anderen Arten haben extrem lange Finger, "und bislang", so Corwin Sullivan, "waren die ein großes Rätsel für die Wissenschaft". Teilweise wilde Theorien waren das einzige, was den Biologen zu den Langfingern einfielen: So sollen die Tiere mit ihren langen Fingern Insekten unter der Borke von Bäumen hervorgeklaubt haben, so wie es die Fingertiere heute tun. Doch möglicherweise konnten auch Epidexipteryx und Epidendrosaurus fliegen wie Yi qi. "Das wäre zumindest eine Erklärung des Fingerrätsels", meint Corwin Sullivan.

Der chinesische Nordosten muss in der zweiten Hälfte des Jura eine unglaublich artenreiche Gegend gewesen sein, in der die Natur mit den unterschiedlichsten neuen Konzepten „experimentierte“ - darunter auch mit Gleitflüglern wie Yi qi. Zurzeit ist das Tier der einzige Dinosaurier mit Hautflügeln, doch das muss nicht so bleiben. "Wir haben in Liaoning und den angrenzenden Teilen von Hebei und der Inneren Mongolei wirklich exzellente Fossilienlagerstätten", erzählt der kanadische Paläontologe. Im Erdmittelalter lagen die drei chinesischen Provinzen offenbar weiter im Landesinneren, dichte Wälder wuchsen dort und es gab viele Seen. Für die Biodiversität waren das offenbar ideale Umstände, und es gibt heutzutage zahllose einheimische Ausgräber, die die gut zahlenden chinesischen Forscher mit immer neuen Fossilien versorgen. Gut möglich, dass darunter auch noch weitere Gleitflieger sein werden.