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Gletscher am scheinbar falschen Platz

erstellt von holgerkroker zuletzt verändert: 19.06.2009 11:34

Auch abseits der Polarkappen hat Mars offenbar größere Wasservorkommen. Eine Forschungsgruppe aus den USA und Italien hat jetzt im Hellasbecken auf der Südhemisphäre Gletscher gefunden, die unter einer Staub- und Schuttschicht verborgen sind und deshalb nicht sublimierten. In der aktuellen „Science“ berichten die Wissenschaftler über ihre Erkenntnisse.

MarsgletscherDie vorgestellten Gletscher liegen auf rund 44,5 Grad südlicher Breite. Auf der Erde entspräche das etwa dem mittleren Patagonien. Auch auf der Nordhalbkugel sollen sich in Breiten, die den gemäßigten auf der Erde entsprechen, solche Eispakete befinden. Die jetzt vorgestellten Gletscher im Hellasbecken erstrecken sich über Dutzende von Kilometern und können fast einen Kilometer dick werden. „Abgesehen von den Polkappen sind sie die größten Wasserreservoire auf dem Planeten“, erklärt Teamchef John Holt von der Universität Texas.  Das Eis ist von einer Schicht aus Schutt und Staub bedeckt, weshalb es auch nicht durch die Sonne aufgezehrt und sich in die dünne Atmosphäre und den Weltraum verflüchtigt hat.

Schon auf den mehr als 30 Jahre alten Aufnahmen der Viking-Sonden waren Planetologen  die merkwürdigen Strukturen im Hellas-Becken aufgefallen, die wie fließende Gletscher um einzelne Gipfel aussahen. Seit damals tobte der Streit, ob sie entweder Schuttströme seien, die durch ein bisschen Wassereis fließfähig würden, oder durch Schuttschichten verhüllte Gletscher. Das den Grund bis in zwei Kilometer durchdringende Radar der US-Sonde „Mars Reconnaissance Orbiter“ hat den Streit jetzt offenbar beigelegt. Die Radarstrahlen durchdrangen die oberen paar Hundert Meter der Marsoberfläche so reflektionsfrei, wie es die Geologen von irdischem Gletschereis kennen. Aus der geringen Zahl an Reflektionen und der Geschwindigkeit, mit der die Radarstrahlen wieder zurückkamen, schließen die Geologen um John Holt, dass die Gletscher im Hellas-Becken   sogar ziemlich reines Wassereis enthalten, in dem nur wenige Gesteinsbrocken eingeschlossen sind.

Erstaunlich sind die Gletscher in den niedrigen Breiten des Roten Planeten durchaus. Denn auch wenn sie inzwischen durch eine Staubschicht vor der Auszehrung geschützt werden, „die Frage ist“, so Mars-Experte James Head von der Brown Universität, „wie sie überhaupt dort entstehen konnten“. Eigentlich hätte das Eis, das sich dort bildet, sofort verschwinden müssen. Die Wissenschaftler um John Holt haben jetzt eine Lösung für das Paradoxon. Modellrechnungen zeigen, dass sich die Gletscher durchaus bilden und auch halten können, vorausgesetzt die Rotationsachse des Mars ist wesentlich stärker als derzeit gekippt, nämlich um 45 Grad. Derzeit beträgt die Abweichung von der Vertikalen 25,2 Grad, doch der Winkel kann durchaus wachsen. Bei einer stärker gekippten Achse kann sich Eis bilden und tatsächlich halten. Die Gletscher wären dann Überreste einer Millionen von Jahren zurückliegenden Vergangenheit.

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