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Goldrausch im Ozean

erstellt von holgerkroker zuletzt verändert: 22.06.2009 10:46

Die Rohstoffindustrie ist derzeit eine Branche auf der Sonnenseite der Konjunktur. Weltweites Wirtschaftswachstum und der Hunger der Schwellenländer nach Metallen jeglicher Art haben die Preise in schwindelerregende Höhen steigen lassen. So lukrativ ist der Abbau, dass Unternehmen tatsächlich daran gehen, eine ganz neue Art von Bergbau aufzubauen: den Abbau von Erzvorkommen am Boden der Tiefsee. Schon in zwei Jahren soll das erste Projekt den Betrieb aufnehmen – falls die Rohstoffpreise ihr Niveau halten.

„Wenn der Genehmigungsprozess so vorangeht, wie wir uns das vorstellen, dürften wir 2010 mit dem Versuchsbergbau beginnen“, erklärt Justin Baulch, Explorationsmanager bei Neptune Minerals. Damit hängt das neuseeländische Unternehmen sogar ein bisschen zurück, denn die angloaustralische Konkurrenz Nautilus Minerals plant für das Jahr 2010 bereits den kommerziellen Betrieb in der Bismarcksee vor Papua-Neuguinea. Beide Firmen hoffen, gewaltige Schätze vom Meeresgrund bergen zu können. Dort liegen, wenn sich die Geologen der beiden start-ups nicht täuschen, große Mengen an Kupfer, Gold, Silber, Zink, Cadmium, Gallium, Tellur oder Indium, mithin alles, was derzeit an den Rohstoffbörsen geradezu sensationelle Preise erzielt. Daher sehen Experten wie der Direktor des IFM-Geomar Peter Herzig eine gute Zukunft für Bergwerke tief unten am Meeresgrund.

Schwarzer RaucherIm Fokus der Unternehmen stehen Metallsulfidvorkommen, die an ganz speziellen Stellen des Meeresbodens entstehen, dort nämlich, wo die so genannten Schwarzen Raucher unglaublich heiße, mit unglaublich vielen Metallen beladene Fluide aus der Erdkruste ins Ozeanwasser abgeben. Damit richtet sich der derzeitige Tiefseebergbauboom auf andere Gebiete als der erste Tiefsee-Metallrausch aus den 60er. Damals, auf dem Höhepunkt des Kalten Krieges, stürzte sich die Welt auf Manganknollen, kartoffelgroße Erzklumpen, die die Tiefseeebenen weit draußen im Pazifik bedecken. Die Ölkrise mit ihren rapide steigenden Treibstoffpreisen ließ diese erste Tiefseebergbaublüte über Nacht verwelken. Die Metallsulfide von heute sind zum großen Teil viel  näher an Land, zur Zeit der ersten Meeresbergbaublüte waren sie noch gar nicht bekannt.

„Diese black smoker sind im Jahr 1979 zum ersten Mal entdeckt worden“, erklärt Professor Peter Herzig, selbst Rohstoffgeologe und jetzt Direktor des IFM-Geomar in Kiel, „die Metalle werden durch eindringendes Meerwasser aus dem tieferen Untergrund des Ozeanbodens ausgelaugt.“ Auf bis zu 400 Grad aufgeheizt, unter immensem Druck stehend, sowie mit Metall- und Sulfidionen beladen steigt das Ozeanwasser durch Risse und Klüfte im Gestein wieder nach oben und strömt irgendwann einmal ins nur vier Grad kalte Meerwasser. Der gewaltige Temperaturunterschied führt dazu, dass die chemische Fracht ausfällt und sich als Erze ablagert.

Solche Verhältnisse gibt es nur an den geologisch aktiven Zonen der Erdkruste, also entlang der mittelatlantischen Rücken und in den Störungszonen, die den zirkumpazifischen Feuerring bilden. In den Black Smokern können die Gehalte an Metallen wie Gold, Silber, Zink oder Kupfer sehr, sehr hoch liegen, und vor allem, wenn sie reich an Gold und Silber sind, wecken sie das Interesse der Unternehmen“, erklärt Tiefseeexperte Tony Koslow von der Scripps Institution of Oceanography im südkalifornischen La Jolla. Mit der Zeit bildet sich ein Erzhügel, auf dem hier und dort noch aktive Schlote stehen und ihre schwarzen Flüssigkeitswolken ins Meerwasser speien. Justin Baulch: „Die Lagerstätten sind Hügel auf dem Meeresboden, die Durchmesser von 200 Metern erreichen und um die 40 Meter hoch werden.“ Verglichen mit den riesigen Lagerstätten an Land sind sie winzig, doch bei einem Edelmetallgehalt, der möglicherweise das Zehnfache übersteigt, lohnt sich der Abbau der kleinen Vorkommen trotzdem.

Ökonomisch abbaubar wären Vorkommen mit Gehalten von fünf bis zehn Prozent Kupfer und 15 Gramm Gold pro Tonne. An manchen Black Smokern werden solche Werte gemessen – an der Oberfläche. Unternehmen wie Nautilus oder Neptune müssen jetzt  herausfinden, ob diese Gehalte auch weiter unten in den Erzhügeln zu finden sind. Die Erkundung in 1500, 2000 Metern Wassertiefe ist technisch aber sehr schwierig und deshalb teuer. Abgeschreckt sind die Goldsucher deshalb trotzdem nicht. Justin Baulch von Neptune Minerals: „Zu den Vorteilen dieser Lagerstätten gehört, dass sie auf der Oberfläche sitzen. Uns reichen relativ kleine Vorkommen, weil wir unser Bergbauschiff von Abbau zu Abbau bewegen.“ Die Erzhügel werden voraussichtlich mit gewaltigen Fräsen umgegraben und der zerkleinerte Erzgrus mit dem Schlauch zum Schiff an der Meeresoberfläche transportiert.

Das Interesse der Firmen konzentriert sich zurzeit auf die Inselstaaten im Südwestpazifik, in deren Hoheitsgebieten sich viele aktive Zonen befinden. Die erste Lizenz ist für einen Teil der Bismarcksee erteilt worden, der im Hoheitsgebiet von Papua-Neuguinea liegt.  Hier sind Häfen nicht so weit entfernt, die Vorkommen liegen zwar tief, aber trotzdem noch erreichbar, und die Verhandlungen über Bergbaurechte führt man mit einem staatlichen Amt und nicht mit einer internationalen Körperschaft wie der UN-Behörde für Meeresboden. Denn für Unternehmen wie Aufsichtsbehörden ist der Tiefseebergbau auch juristisch Neuland.

Eines der größten Probleme ist der Umweltschutz. Denn die verfügbaren Fördermethoden wirbeln eine Menge Schlamm und Grus auf – eine Nebenwirkung, die eine Manganknollenförderung derzeit aus ökologischen Gründen verbietet. Der Erzgrus der Black-Smoker-Felder ist glücklicherweise schwer und würde von den Strömungen nicht weit davon getragen, die Auswirkungen blieben somit auf Die begehrten Erzvorkommen bieten – zumindest da, wo die schwarzen Raucher tatsächlich noch rauchen – die Basis für ausgesprochen vielfältige Ökosysteme. Unser Heißhunger nach Rohstoffen könnte also schnell Lebenswelten bedrohen, die wir erst in Ansätzen kennen. Glücklicherweise bilden sich diese Ökosysteme an den aktiven Schloten, die wiederum für die Abbaufirmen am wenigsten attraktiv sind. „Wir suchen inaktive Smoker-Felder“, erklärt Simon Macdonald, Geschäftsführer von Neptune Minerals, „denn die Maschinen vertragen 350 Grad heißes, saures Wasser nicht.“ Doch die Sache mit den erloschenen Black Smokern hat einen Haken. Sie sind mit den derzeitigen Mitteln nur schwer zu entdecken. Ein aktiver Schwarzer Raucher schickt seine heißen mineralbeladenen Wässer wie eine Qualmwolke in den Ozean. Temperaturfühler und chemische Sensoren erkennen ihn sofort. Ist der Schlot erkaltet, ist er nur mehr ein wenig über seine Umgebung hinausragendes Gestein. Wer sie aufspüren will, muss einen ungeheuer großen und teuren Aufwand betreiben.

Und wenn man einen Erzhügel gefunden hat, heißt dass noch lange nicht, dass sich der Aufwand auch lohnt. Denn nicht jeder Black Smoker hat das Zeug zu einer Lagerstätte. Sven Pedersen, Meeresgeologe am IFM-Geomar: „Wir kennen im Moment etwa 180 Vorkommen am Meeresboden, und ich denke, davon sind etwa zehn, wenn überhaupt, von einem wirtschaftlichen  Interesse. Von diesen zehn sind einige noch in sehr, sehr großen Wassertiefen, tiefer als drei Kilometer, oder zigtausende Seemeilen von Land entfernt, also es gibt nur sehr wenige Sites, die wir im Moment kennen, die wirtschaftlich von Interesse sind.“ Allen Anflügen von Goldrausch zum Trotz, wird der Tiefseebergbau immer nur ein Nischenunterfangen sein. Peter Herzig: „Es wird immer Landbergbau geben, und wir haben hervorragende Landlagerstätten, aber es wird in bestimmten Nischensituationen der Tiefseebergbau kommen. Davon bin ich überzeugt und Nischensituation heißt, landnah, heißt hohe Konzentrationen und nicht zu hohe Wassertiefen.“

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