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Greifbare Beweise

erstellt von holgerkroker zuletzt verändert: 19.08.2010 11:14

US-Forscher sind in den Flinders Range in Südaustralien buchstäblich über die ältesten bislang gefundenen Tierfossilien gestolpert. In der aktuellen "Nature Geoscience" stellen sie schwammartige Fossilien vor, die auf ein Alter von rund 650 Millionen Jahre geschätzt werden. Damit würde die fossile Überlieferung bestätigen, was Geochemiker und Genetiker schon seit geraumer Zeit vorbringen: dass die Tiere wesentlich älter sind als es Ediacara-Fauna und kambrische Artenexplosion nahelegen.

Gang über StromatolithenriffeAdam Maloof von der Princeton University in New Jersey und seine Kollegin Catherine Rose suchten in der Trezona Formation 500 Kilometer nördlich von Adelaide nach Hinweisen auf die großflächigen Vereisungen, die die Erde im Kryogen vor 850 bis 635 Millionen Jahren mehr oder weniger in einen Schneeball verwandelt haben sollen. "Wir waren darauf gefasst, Schlammscherben im Gestein zu finden, und haben daher zuerst nicht auf die ersten Fossilien reagiert", so Maloof, "aber dann haben wir viel zu viele gefunden und in Formen, die absolut nicht so aussahen wie Schlammscherben." Tatsächlich glaubt die Arbeitsgruppe um den Assistenzprofessor für Geowissenschaften, dass sie in der Trezona Formation die ältesten Tierfossilien entdeckt hat, die wir bislang kennen. "Es sind sehr wahrscheinlich Tiere", meint Maloof, "und mit etwas geringerer Wahrscheinlichkeit Verwandte unserer heutigen Schwämme." Die Fossilien wurden inzwischen auf ein Alter von 650 Millionen Jahren datiert.

Digitales FossilMit den zentimetergroßen klumpenförmigen Versteinerungen nähern sich fossile Überlieferung und geochemische sowie genetische Indizien wieder ein gutes Stück einander an. "Wir haben bereits seit einiger Zeit geochemische und genetische Hinweise, dass es vor dem Ende des Kryogen Schwämme gegeben haben sollte", erklärt Maloof. Nur die dazu gehörigen Fossilien wollten und wollten nicht auftauchen. Das früheste unumstrittene Tier, ein schneckenartiges Wesen namens Kimberella, ist rund 555 Millionen Jahren alt und wurde bereits 1959 gefunden, ebenfalls in den Flinders Ranges, nicht weit von der Trezona Formation entfernt. Allerdings wird Kimberella der rätselhaften Ediacara-Fauna zugeordnet, und bei der streiten sich die Gelehrten immer noch um ihre Stellung im Stammbaum des Lebens.

Fossil in ScheibenDie Geologen aus Princeton konnten die Fossilien nur mit Hilfe von Digitalisierungsspezialisten und einer eigens entwickelten Software rekonstruieren. Die klassischen Methoden Computertomographie oder Röntgen schieden aus, da kalkhaltige Fossilien und umgebendes Kalkgestein sich zu ähnlich sind. Stattdessen wurden zwei Fossilien schichtweise abgeschabt. "Jede Schicht, die nur halb so dünn ist wie ein menschliches Haar, wird von der Probe abgekratzt und das Ganze dann fotografiert. Dann wird die nächste dünne Schicht abgekratzt, wieder fotografiert, und so arbeitet man sich durch das Fossil durch", erklärt Brad Samuels von Situ Studio. Die Strukturinformationen aus den Fotografien wurden in einer Datenbank gespeichert und aus den Datenpunkten dieser "Wolke" schließlich dreidimensionale Modelle im Computer generiert.

Trezona FormationDas Alter der Schwammfossilien aus der Trezona-Formation passt auf jeden Fall perfekt zu den geochemischen Indikatoren, die kalifornischen Geologen in omanischem Öl gefunden haben. Die deuten auf die Existenz von Schwämmen genau in der Periode des Kryogen hin. Maloof und seine Gruppe können jetzt über das bloße Faktum ihrer Existenz hinaus noch genaueres zu diesen bislang ältesten Tieren und ihrer Umgebung sagen. "Sie lebten in einem Stromatolithen-Riff", erklärt der Geologe, "in der Gezeitenzone eines flachen Gewässers." Vermutlich haben wenigstens einige von ihnen auch die gewaltige Marinoische Eiszeit am Ende des Kryogen überstanden. "Die Schneeball-Erde-Hypothese hat sich sehr verändert, seit sie zum ersten Mal vorgestellt worden ist", erklärt Adam Maloof, der bei Paul Hoffman, dem profiliertesten Vertreter dieser Hypothese in Harvard studiert hat, "da Bakterien und Algen diesen Schneeball überlebt haben müssten, war klar, dass es Refugien gegeben haben muss." Wenn jetzt auch Tiere die Eiszeiten überlebt haben sollten, "hätte das Folgen für die Strenge der Eiszeit oder für die Ausdehnung dieser Refugien", so Maloof. Tiere sind schließlich weniger widerstandsfähig als einzellige Bakterien oder Algen.

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