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Grenzen in Sicht

erstellt von holgerkroker zuletzt verändert: 28.10.2009 10:42

Der Mensch kann die Prozesse im System inzwischen stark beeinflussen. Die Diskussion um Klimawandel und Treibhauseffekt hat das an einem Beispiel gezeigt. Doch das Klima ist nur ein Prozess, in den wir eingreifen. Damit nicht die gesamte Aufmerksamkeit durch die Klimadiskussion absorbiert wird, hat eine Gruppe von Wissenschaftlern ein Konzept von planetaren Grenzen formuliert, die der Mensch im Interesse des gesamten Planeten nicht überschreiten sollte. In der Wissenschaftszeitschrift „Nature“ wurden Konzept und erste Stellungnahmen veröffentlicht.

Rekord-OzonlochDer Mensch hat sich offiziell vom Rang als „Krone der Schöpfung“ verabschiedet, doch in gewisser Weise hat er trotzdem eine Spitzenstellung in der Natur inne. „Wir haben uns inzwischen zu so einer Macht entwickelt, dass wir in fest vernetzte Prozesse auf globalem Niveau eingreifen“, erklärt Johan Rockström, Direktor am Stockholm Resilience Institute. Um eine Lebensform zu finden, die ähnlich tiefgreifenden Einfluß auf das System Erde ausübt, muss man schon weit in die Planetengeschichte zurückgehen. Die Cyanobakterien, die vor etwa 3 Milliarden Jahren die Photosynthese einführten, wären so ein Fall.

Trockenrisse im afrikanischen BodenDie Machtübernahme des Menschen auf diesem Planeten ist allerdings in ihrer Geschwindigkeit beispiellos. Unsere Art hat nur die rund 200 Jahre seit der Industriellen Revolution gebraucht, um der Erde ihren Stempel aufzudrücken. Inzwischen ist weitgehend unumstritten, dass diese Entwicklung Menschheit und Planet auf eine abschüssige Bahn geführt hat und sich dramatische Veränderungen abzeichnen. Alle Aufmerksamkeit konzentriert sich dabei auf das Klima, doch fatalerweise ist das nur ein Teil des Erdsystems, das in Schwierigkeiten zu geraten droht. „Wir haben neun Schlüsselprozesse identifiziert, bei denen wir uns Grenzen setzen müssen, damit das System im gegenwärtigen Zustand bleibt“, so Rockström.

LandwirtschaftMit „gegenwärtiger Zustand“ meint Rockström die nur mäßig warme Zwischeneiszeit des Holozäns, die von einem vergleichsweise stabilen Klima geprägt ist und seit rund 10.000 Jahren andauert. Wir Menschen mit unserer Zivilisation sind Kinder dieser Periode und könnten in ernsthafte Schwierigkeiten geraten, wenn eine neue Eiszeit kommt oder eine ausgeprägte Warmperiode, wie etwa der planetare Fieberanfall namens Paläozän/Eozän-Temperaturmaximum an der Wende vom Paläozän zum Eozän vor rund 55 Millionen Jahren. Liefe alles ohne menschliche Einmischung, blieben uns die derzeitigen günstigen Bedingungen wohl noch weitere 10.000 Jahre erhalten, das legt zumindest der Blick in diverse Klimaarchive nahe.

KraftwerkDer Einfluß des Menschen droht dem jetzt ein Ende zu setzen, deshalb plädieren Rockström und eine internationale Expertengruppe für ein Konzept planetarer Grenzen, mit dem das verhindert werden kann. „Wir haben drei zentrale Prozesse identifiziert, bei denen man von globalen Schwellen reden kann, die nicht überschritten werden dürfen“, so Rockström, „das sind Klimawandel, Ozonschwund in der oberen Atmosphäre und Ozeanversauerung.“ Eine zweite Gruppe umfaßt Phänomene, die zwar ebenfalls weltweit vorkommen, aber lokal beeinflußbar sind. Das wären der Stickstoff- und Phosphorkreislauf, der Süßwasserverbrauch, die Landnutzung und die Biodiversität. Für diese sieben Prozesse geben die Forscher ganz konkrete Grenzwerte an, die nicht verletzt werden sollten. Als letztes kommen zwei Prozesse hinzu, bei denen der derzeitige Stand der Wissenschaft keine Grenzwerte erlaubt: die Umweltverschmutzung und die Aerosolbelastung der Luft.

Afrikanisches Paradies, großBei Klimawandel, Biodiversität und Stickstoffkreislauf sehen die Experten die Grenzen offenbar schon überschritten, was keine gute Nachricht ist, denn bei keinem der Prozesse sollte die Menschheit dauerhaft den Grenzwert verletzen. „Die Prozesse sind zu stark miteinander vernetzt, als dass wir auch nur einen grundlegend stören dürfen“, so Rockström. Auf die Menschheit, die schon in Sachen Klimawandel nicht besonders erfolgreich gegensteuert, kommt daher eine gewaltige Aufgabe zu. Ganz unlösbar ist die Sache wiederum auch nicht, denn wie der Kampf gegen die ozonzerstörenden FCKW gezeigt hat, können sich die Staaten dieser Welt durchaus aufraffen, wenn sie müssen. Werden die Grenzen aber respektiert, dann glauben die beteiligten Forscher, dass die Menschheit unter den gewohnten Rahmenbedingungen weitermachen kann. „Innerhalb dieser Grenzen kann die Menschheit den Pfad für ihre zukünftige Entwicklung und ihr Wohlergehen wählen“, erklärt etwa Jonathan Foley, Direktor des Umweltinstituts an der Universität von Minnesota.

Das Konzept stößt unter Fachleuten auf Vorbehalte, auch wenn man ihm grundsätzlich das Verdienst zubilligt, Politik und Öffentlichkeit auf den umfassenden Ernst der Lage aufmerksam zu machen. In den Stellungnahmen, die die Veröffentlichung in „Nature“ begleiten, werden vor allem Zweifel an den konkreten Grenzwerten geäußert, sie seien, schreibt etwa der Chemie-Nobelpreisträger Mario Molina, „ein bisschen willkürlich“. Grundsätzliche Kritik kommt dagegen von William Schlesinger, Chef des Cary Instituts für Ökologische Studien in New York: „Grenzen zu setzen ist gut, aber wenn wir uns Zeit lassen, bis wir diese Schwellenwerte erreichen, gestatten wir uns einfach nur mit unseren schlechten Angewohnheiten fortzufahren, bis es voraussichtlich zu spät ist, sie zu ändern.“ Die Forscher in Rockströms Arbeitsgruppe entgegnen, dass es sich bei diesem Konzept nicht um einen Masterplan für nachhaltige Entwicklung handele. „Wir liefern eine erste und vorläufige Karte des sicheren Aktionsraums im Erdsystem“, so Jonathan Foley, „über dessen Grenzen wir uns nicht hinausbewegen sollten.“

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