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Großsäuger mit großem Fußabdruck

erstellt von holgerkroker zuletzt verändert: 03.11.2014 18:48

Die Arktis ist diejenige Weltgegend, die sich derzeit am schnellsten und spürbarsten wandelt. Im Nordosten Grönlands wird seit 15 Jahren der ökologische Wandel in einem unberührten Tal beobachtet. Jetzt hat man dort untersucht, was passiert, wenn die einzigen Großsäuger der Region, die Moschusochsen, verschwinden.

Blick in das Tal der Zackenberg-Forschungsstation in Nordostgrönland mit Moschusochsen im Mittelgrund. (Bild: Julie Falk)Gefühlt endlos dehnt sich das weite Tal im Nordosten Grönlands, in dem die Zackenberg-Forschungsstation des Dänischen Nationalen Umweltforschungsinstituts liegt. Nur Moose und Gräser wachsen hier, weniger als 2000 Kilometer vom Nordpol entfernt - keine gute Umgebung, wenn sich ein Moschusochse etwas sucht, um sich eine juckende Stelle zu reiben. Denn die Gletscher haben das Talregelrecht blank geschliffen, auch Felsbrocken sind hier rar. Wie gut, dass Ökologen der schwedischen Universität Lund vor gut vier Jahren fünf Versuchsfelder mit stabilen Zäunen abgetrennt haben. "Wenn die Tiere etwas brauchen, um sich daran zu kratzen, sind die Pfähle ein leichtes Ziel", lacht Julie Falk, die in Zackenberg für ihre Doktorarbeit geforscht hat, "wir müssen die Zäune deshalb jedes Jahr reparieren." 

Moschusochsen haben sich an einer der Forschungsflächen der Zackenberg-Station versammelt. (Bild: Lars Holst-Hansen)Falk untersucht zwar nicht das Kratzverhalten der im Durchschnitt 300 Kilo schweren Tiere, die eher mit Schafen und Ziegen als mit Rindern verwandt sind. Doch die Moschusochsen spielen auch für ihre Forschung eine zentrale Rolle. "Durch den Klimawandel werden auch diese einzigen größeren Pflanzenfresser der Region bedroht", erzählt Falk, "wir wollten wissen, was mit dem Ökosystem geschieht, wenn sie nicht mehr da sind." 2010 zäunten die Forscher der Abteilung Umweltwissenschaften fünf jeweils 100 Quadratmeter große Areale im Nationalpark Nordost-Grönland, in dem die Zackenberg-Station liegt. Ab 2011 beobachteten Julie Falk und ihre Kollegen in jedem Sommer, wie sich die Vegetation veränderte und maßen regelmäßig die Kohlendioxid- und Methanflüsse in den Arealen. 

Fressender Moschusochse. (Bild: Julie Falk)Das Tal, in dem die Zackenberg-Forschungsstation liegt, ist Permafrostgebiet, das im Sommer bis in eine Tiefe von 20 bis maximal 100 Zentimeter taut. Die umliegenden Berge sind auch dann noch schneebedeckt, doch im Talgrund wachsen Moose und Wollgräser. Zwischen 30 und 400 Moschusochsen kommen je nach Jahreszeit hierher, so berichten es Julie Falks Kollegen, die regelmäßige Zählungen durchführen. Und die massigen Tiere haben offenbar einen großen und schnell spürbaren Einfluss auf die Vegetation. "Im dritten Jahr schon sahen wir, dass die Moose die Oberhand gewannen", fasst Falk die Beobachtungen zusammen, "die Biomasse der Gräser ging um 47 Prozent zurück." Da Moschusochsen gleichermaßen Moose wie Gräser fressen, kann es nicht die fehlende Nachfrage gewesen sein, die das Ökosystem in den Ausschlusszonen umsteuerte. Die Ökologen aus Lund führen die Veränderung stattdessen darauf zurück, dass die Tiere die Moose nicht mehr niedertrampelten, so dass den Graspflanzen nach einiger Zeit schlicht das Licht zum Wachsen fehlte. 

Wollgras vor einer eingezäunten Forschungszone der Zackenberg-Station in Nordostgrönland. (Bild: Julie Falk)Das Problem für die Treibhausgasbilanz der Arktis ist, dass Gräser wesentlich besser Kohlendioxid binden als Moose, weil sie viel schneller Biomasse aufbauen. Das Verschwinden der Moschusochsen würde nach groben Abschätzungen der schwedischen Umweltwissenschaftler die Speicherkapazität der Kohlenstoffsenke Arktis drastisch verringern, im Untersuchungsgebiet von Julie Falk auf gut die Hälfte. Das dürfte sich in der Realität durch verschiedene gegenläufige Mechanismen verringern. So würde sich der Methanfluss aus dem Erdboden in die Atmosphäre ebenfalls verringern, weil gerade die Wollgräser ihn besonders effizient abwickeln. Sie sondern einerseits organische Säuren ab, die die Methanproduktion ankurbeln. Andererseits stellen sie auch noch Wege für einen direkten Transport des Treibhausgases in die Luft bereit. Doch auch bei genauerer Betrachtung aller Prozesse dürfte sich das Verschwinden der Moschusochsen auf den arktischen Kohlenstoffhaushalt immens auswirken. Aus dem dreijährigen Promotionsprojekt der jungen Wissenschaftlerin ist daher ein dauerhafter Bestandteil des Monitoring-Programms geworden, mit dem die Zackenberg-Forschungsstation den Wandel in diesem entlegenen Teil Nordostgrönlands verfolgt.

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