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Gut verdecktes Risiko

erstellt von holgerkroker zuletzt verändert: 18.12.2014 17:37

Der Osten des indischen Subkontinents gehört laut UN zu den ärmsten und am dichtesten besiedelten Regionen der Erde. Die mehr als 300 Millionen Menschen der Region leben zudem mit einem der höchsten Erdbebenrisiken der Welt, denn unter dem dicken Sedimentpaket des Ganges-Brahmaputra-Deltas liegen gewaltige tektonische Störungen. Ein Fünf-Jahres-Projekt unter Leitung des Lamont-Doherty-Earth-Observatorys in den USA hat jetzt versucht, das Erdbebenrisiko für das Delta einzuschätzen. Auf der Herbsttagung der Amerikanischen Geophysikalischen Union in San Francisco stellten die Forscher ihre Ergebnisse vor.

Blick über Dhaka, die Hauptstadt Bangladeshs, eine 15-Millionen-Einwohner-Metropole. (Bild: Wikimedia Commons, Mahmudul Karim Farsad)Das Delta von Ganges, Brahmaputra und Meghna im Nordosten des indischen Subkontinents ist das größte Flussdelta der Erde. Permanent transportieren die Ströme Sediment und Verwitterungsschutt aus dem Himalaja in den Golf von Bengalen und verteilen ein ungeheures Schlammpaket ins Meer. Insgesamt bevölkern mehr als 300 Millionen Menschen die Region zwischen dem Golf von Bengalen und dem Himalaja. Bangladesh, das mitten im Delta liegt, gehört zu den am dichtesten besiedelten Ländern der Welt. Auf einer Fläche, die doppelt so groß wie die Benelux-Staaten ist, leben sechsmal so viel Menschen - und das mit einem Risiko, mit der bislang niemand wirklich rechnet. "In der Gegend gibt es gewaltige tektonische Störungen, die vollkommen unter den Sedimenten verborgen sind", erklärt Leonardo Seeber, Seismologe am Lamont-Doherty Earth Observatory der Columbia University in Palisades bei New York.

Hier sinkt die indische Platte unter der burmesischen Kontinentalplatte ab, es ist die Fortsetzung des Sundagrabens, der sich von Indonesien bis zu den Andamanen zieht und für seine zahlreichen und starken Erdbeben berüchtigt ist. Anders als die untermeerischen Sektoren der Störung, wird der Abschnitt, der sich unter dem bengalischen Delta entlangzieht, jedoch kaum als Gefahr wahrgenommen, denn er ist vergleichsweise ruhig. In der Region der drei Flüsse verzeichnen die Chroniken zwar auch etliche Beben, allerdings sind die meisten viel schwächer. In historischer Zeit erreichen nur drei die Stärke derjenigen am Sundagraben. Das Arakan-Beben von 1762, das sich in dem marinen Stück der Störung vor Chittagong ereignete, das Große Indische Beben von 1897 und das Assam-Beben von 1950 an landeinwärts liegenden Störungen.

Doch das, so befürchtet Seeber, ist nur eine Verzerrung durch die vergleichsweise kurze Aufzeichnung. Die Berichte über Erdbeben reichen bis ins 15. Jahrhundert zurück, sind aber notgedrungen unpräzise. "Die Störungen selbst sind sehr lang", so Seeber, "normalerweise bedeutet das sehr schwere Erdbeben." Das Projekt, das der US-Seismologe leitet, hat jetzt begonnen, die Situation im Ganges-Delta genau zu untersuchen. Nach den GPS-Aufzeichnungen besteht Grund zur Sorge. "Die beiden Platten bewegen sich mit einer Größenordnung von 15 Millimetern pro Jahr aufeinander zu", sagt Seeber. Das ist zwar weniger als die Bewegungen am Tiefseegraben vor Indonesien, dennoch können sich hier innerhalb von 1000 bis 2000 Jahren gewaltige Kräfte aufbauen und schließlich in schweren Erdbeben entladen.

Dhaka auf einem Gemälde Frederick William Alexander de Fabecks aus dem Jahr 1861.Darauf aber ist am Golf von Bengalen niemand eingerichtet. Bangladesh zählt zu den ärmsten Ländern der Welt und seine Hauptstadt Dhaka wächst so schnell wie nur wenige andere Städte der Welt. Mittlerweile hat der Ballungsraum im Delta die 15-Millionen-Einwohner-Grenze weit hinter sich gelassen. Die Bausubstanz ist jedoch schlecht. Selbst die Wolkenkratzer im Stadtzentrum sind nicht für größere Erdbeben ausgelegt. "Bei einem großen Erdstoß wird es zu starker Bodenverflüssigung kommen", so Seeber, "gerade hohe Gebäude bringt das in Schwierigkeiten." Während die beiden Starkbeben von 1897 und 1950 mit jeweils 1500 Todesopfern vergleichsweise glimpflich verliefen, käme die Region inzwischen nicht mehr so leicht davon. Dhaka beispielsweise zählte zu Beginn des 19. Jahrhunderts 200.000 Einwohner, jetzt sind es mehr als 75 Mal so viele. "Damals lebten die Menschen in Bambus-Hütten oder -Häusern", so Seeber, "heutzutage in Stahlbeton-Gebäuden, die wesentlich mehr Masse haben." Da sie gleichzeitig wesentlich schlechter mit eventuellen Erdstößen klarkommen als die Bambushütten von einst, ist das Risiko für die Bewohner drastisch gestiegen.

Seeber und seine Kollegen haben sich die Konsequenzen am Beispiel der vergleichsweise kleinen Stadt Aizawl angesehen. Die Hauptstadt des indischen Bundesstaates Mizoram liegt 250 Kilometer östlich von Dhaka in dem Appendix, der 1947 bei der Teilung des Subkontinents bei Indien blieb. Die 300.000-Einwohner-Kommune liegt am Rand des Deltas, wo das Terrain in Richtung des Shillong-Plateau ansteigt. Die Seismologen modellierten, was mit der Stadt passiert, wenn sich unten im Delta ein vergleichsweise moderates 7er-Beben ereignet. "Ein großer Prozentsatz der Leute wird sterben, weil ihre Häuser zusammenbrechen", so Seeber, "aber das Erschreckendste ist, dass die Stadt durch Erdrutsche vollkommen abgeschnitten sein wird." Nach den Schäden durch die Erschütterungen werden sich also sehr schnell Versorgungsprobleme mit Lebensmitteln, Energie und Medikamenten einstellen. Leonardo Seeber fordert daher sowohl von Behörden als auch Bürgern ein geschärftes Bewusstsein für diese Probleme.