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Harte Einzellerarbeit

erstellt von holgerkroker zuletzt verändert: 13.01.2011 16:29

Der Unfall der Bohrplattform "Deep Water Horizon" im Golf von Mexiko hat den zweitgrößten Ölunfall der Geschichte ausgelöst - nur die von Saddam Hussein im 2. Golfkrieg 1991 in Brand gesteckten Ölfelder Kuweits rangieren noch davor. Weniger im Fokus stand das gleichzeitig entwichene Erdgas, obwohl vermutlich mehr Methan als Rohöl ausströmte. Ein US-Team hat im Spätsommer und Herbst im Gebiet südöstlich des Unfallortes eingehend nach Methan gefahndet - und nur noch geringe Spuren davon gefunden. In "Science" berichten sie, dass das Gas wohl nahezu komplett durch Bakterien abgebaut wurde.

Ölteppich im Golf von MexikoFast fünf Millionen Barrel (knapp 780 Millionen Liter) Rohöl sind in den 85 Tagen ausgelaufen, in denen die leckgeschlagene Explorationsbohrung der "Deep Water Horizon" im Golf von Mexiko nicht verstopft werden konnte. Doch das Desaster hat mehr noch als Erdöl vor allem Methan, also Erdgas, freigesetzt. Auf rund 40 Prozent Anteil schätzen die Experten allein den Methangehalt der Wolke, hinzu kommen noch weitere gasförmige Kohlenwasserstoffe. Doch vom Erdgas ist inzwischen kaum noch etwas zu messen. John Kessler von der Texas A&M University: "Es scheint nach unseren derzeitigen Informationen vollkommen verschwunden zu sein. Es könnte noch kleinere Blasen geben, aber die Methankonzentration im Meerwasser ist mehr oder weniger auf dem normalen Niveau."

Kessler und seine Kollegen haben im vergangenen Herbst das Gebiet eingehend beprobt, in das eine mögliche Methanwolke hätte abgedriftet sein müssen. Dreimal sind sie mit Schiffen hinausgefahren und haben an 101 Stellen gemessen, direkt über der Unglücksstelle und bis in 500 Kilometer Entfernung. Ergebnis: Keine auffälligen Gaskonzentrationen im Meerwasser. "Die Frage ist jetzt, ob es einfach so verschwunden ist, sich bis zur Normalkonzentration hinab verdünnt hat, oder aber durch Mikroorganismen abgebaut wurde", erklärt der Meeresbiologe. Das Team, an dem auch Forscher der Universität von Kalifornien in Santa Barbara und der von New Hampshire in Durham beteiligt sind, tippt dabei auf heftig schuftende Bakterien. Kessler: "Wir haben ziemlich starke Hinweise darauf, dass Mikroorganismen das Methan verbraucht haben."

Deepwater HorizonZum einen hatte sich die Mikrobenwelt in der Driftbahn der Unterwassermethanschwaden ziemlich verändert im Vergleich zum Frühsommer, als die Forscher schon einmal unterwegs gewesen waren. Jetzt gehörte ein großer Teil der Mikroorganismen zu denjenigen, die auf Methanabbau spezialisiert sind, was drei Monate zuvor nicht der Fall gewesen war. Diese methanliebenden Bakterien kommen natürlicherweise im Ozeanwasser vor, sind aber nie besonders zahlreich, weil in der Regel nur wenig Methan im Meerwasser gelöst ist. Der plötzlich so reichlich gedeckte Tisch allerdings hat stromabwärts vom Bohrloch die Bakterienzahl geradezu explodieren lassen.

"Wir haben zusätzlich den Sauerstoffverbrauch in dem Gebiet gemessen", berichtet John Kessler, "weil der Methanabbau viel Sauerstoff kostet." Und tatsächlich stellten die Forscher in den tiefen Bereichen des Golfes, dort wo die Methanwolke entlang ziehen sollte, ein ziemliches Sauerstoffloch fest. Einen geographischen Zusammenhang mit der bekannte Todeszone, die jedes Jahr vor der Mississippi-Mündung entsteht, gab es nicht, daher musste die Ursache vor Ort gesucht werden. "Wenn man die Menge an verbrauchtem Sauerstoff in Beziehung setzt zur Menge an ausgeströmtem Erdgas, dann sieht man ziemlich gut, dass nahezu das gesamte ausgeströmte Methan abgebaut wurde", erklärt Kessler.

Kessler und seine Kollegen waren nicht nur im Golf, um die weitere Entwicklung der Havarie zu überwachen, die Ölpest diente dem Team auch als Modellfall für große Methanausbrüche unter Wasser. Solche sind aus der Vergangenheit bekannt, man erwartet sie aber auch in der Zukunft, falls etwa die Methanhydrate an den Kontinentalabhängen instabil werden. "Wir konnten diesen Unfall als eine Art natürliches Labor für die massiven Methan-Ausbrüche der Vergangenheit nutzen und eine bessere Vorstellung bekommen, ob dieses Methan die Atmosphäre erreicht hat oder nicht." Methan ist ein sehr wirksames Treibhausgas und im Meeresboden lagern Unmengen davon in Form von Gashydraten. Deshalb ist es wichtig, ob das mobilisierte Hydrat bis in die Atmosphäre kommt.

Je mehr Wasser zwischen der Erdgasquelle und der Lufthülle ist, umso unwahrscheinlicher scheint das zu sein, aus physikalischen, aber auch aus biologischen Gründen. Nicht nur im Golf von Mexiko dürften die methanliebenden Bakterien sich die Gelegenheit einer großen Nahrungsquelle nicht entgehen lassen. In flachen Meeren dagegen, wie etwa der Nordsee, sieht die Sache schon ganz anders aus. "Da ist es relativ einfach, dass das Methan aufsteigt und bis in die Atmosphäre gelangt", meint Kessler. Offenbar hat man mit der Havarie der "Deep Water Horizon" noch einmal Glück im Unglück gehabt. Das Bohrloch war in rund 1500 Metern Tiefe.

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