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Heftig diskutierte Verwandtschaft

erstellt von holgerkroker zuletzt verändert: 31.08.2007 14:38

Europa vor rund 30.000 Jahren war Schauplatz eines prähistorischen Dramas. Der Neandertaler, eine Spielart des Menschen, die sich auf dem von Eiszeiten geprägten Kontinent entwickelt und ihn Jahrzehntausende bewohnt hatte, zog sich immer weiter nach Südwesten zurück, während von Osten der moderne Mensch einwanderte. Was mit den Neandertalern geschah, weiß man nicht, fest steht nur, dass sie wohl vor 28.000 Jahren ausstarben. Ihren Namen erhielten sie von einem idyllischen Tal bei Düsseldorf, in dem vor 150 Jahren nicht das erste, aber das Aufsehen erregendste Fossil dieses Menschen entdeckt wurde.

Am Anfang stand ein Eingriff in die Natur, wie er rücksichtsloser nicht sein kann. Mitte des 19. Jahrhunderts begann man im wildromantischen Neandertal bei Düsseldorf Kalkstein abzubauen. Das ehemals unberührte und wegen seiner zerklüfteten, bis zu 60 Meter aufragenden Klippen bekannte Tal wurde innerhalb weniger Jahrzehnte komplett zerstört, damit die aufkommenden Schwerindustrien an den begehrten Rohstoff Kalk kamen.


So idyllisch war einmal das Neandertal. Foto: Neanderthalmuseum

Der Abbruch der pittoresken Kalkfelsen förderte allerdings auch etwas zu Tage, was das Selbstverständnis des Menschen tief erschütterte. Im August 1856 hatten Arbeiter in den Kalkfelsen eine Höhle freigelegt, und darin Knochen gefunden, die eindeutig von einem Menschen stammten. Dieser Mensch jedoch hatte so gar keine Ähnlichkeit mit den zeitgenössischen Bewohnern des Rheinlandes, Deutschlands oder Europas. Niedrige Stirn, Wülste über den Augen - so etwas gibt es unter Europäern nicht. Deshalb wurde der Fund als "Flachkopf" bezeichnet, eine Menschenrasse, die nach Ausführungen der örtlichen Zeitung "im amerikanischen Westen" wohnen sollte, von denen man aber auch schon einige Schädel im schwäbischen Donautal gefunden habe. Diese Vermutung - so stellte sich bald heraus - stimmte ebenso wenig wie die Zuschreibung der Reste zu einer Horde, die mit dem Hunnenkönig Attila umhergestreift sein sollte.

Tatsächlich handelte es sich um Knochen, die vom nächsten Verwandten des modernen Menschen stammt, dem Neandertaler - und es waren noch nicht einmal die ersten, die man im 19. Jahrhundert gefunden hatte. 1848 hatten Steinbrucharbeiter in Gibraltar einen ebenfalls merkwürdig aussehenden Schädel gefunden, doch der war sang- und klanglos im dortigen Museum verschwunden. Heute gehört er zu den best erhaltenen Neandertalerfossilien, doch den Namen erhielt diese Spielart des Menschen vom ehemals romantischen Tal bei Düsseldorf.

Einfach wurde es nicht, den Gedanken an eine zweite Art von Menschen neben uns durchzusetzen. Erst drei Jahre nach dem Fund und etwa zeitgleich mit seiner Veröffentlichung stellte Darwin seine Evolutionstheorie vor, die eine Entwicklung der heutigen Arten aus früheren vorschlug. An das heikle Thema Entwicklung des Menschen wagte sich der Brite in seinem Buch gar nicht erst heran, seine Theorie wurde auch so heftig genug angefeindet. Gegen eine Evolution der "Krone der Schöpfung" waren die Vorbehalte noch viel größer. In Deutschland zum Beispiel wurde die Idee, mit dem Neandertaler habe eine zweite Menschenform vor noch gar nicht so langer Zeit gelebt, erst Jahrzehnte nach der Entdeckung akzeptiert.

Die Knochen, die 1856 im Neandertal gefunden wurden. Foto: Neanderthalmuseum

Inzwischen ist klar, dass sich der moderne Mensch aus einem stark verzweigten Stammbaum heraus entwickelt hat und dass der Neandertaler einer der jüngsten Äste dieses Baumes ist. Nachdem auf der indonesischen Insel Flores Überreste von nur wenige Tausend Jahre alten winzigen Menschen gefunden wurden, mehren sich überdies die Zeichen, dass es neben modernem Menschen und Neandertaler noch eine weitere Spielart des Menschen gibt. Allerdings zeigen der heftige Streit in diesem Fall ebenso wie die intensive Auseinandersetzungen um das richtige Bild vom Neandertaler, dass die nähere menschliche Verwandtschaft weiterhin ein heikles Thema ist.

Dennoch ist unser Bild von ihm noch lange Zeit ein stark verzerrtes geblieben. Ein stark behaarter affenartiger Höhlenmensch mit Keule, der mangels Intelligenz gegen den neu anrückenden modernen Menschen verlor und ausstarb, so lautete das gängige Klischee, das die herrschende Meinung nicht sehr überspitzte. Doch in der jüngsten Zeit ist dieses Bild vom Neandertaler ins Wanken geraten. Möglicherweise sah dieser Neandertaler gar nicht so grobschlächtig aus, wie man bisher dachte. Auf jeden Fall hatte er ähnlich wie sein Zeitgenosse, der moderne Mensch, so etwas wie Kultur mit Werkzeugen, vielleicht auch Schmuck, mit sozialer Organisation und möglicherweise einer eigenen Sprache. Wie sich sein Verhältnis zum modernen Menschen gestaltete, ist weiterhin heftig umstritten. Für Begegnungen, ja sogar für eine Vermischung gibt es nach wie vor keine eindeutigen Belege.