Benutzerspezifische Werkzeuge
Sie sind hier: Startseite Wissen Heißbegehrtes im kalten Polarmeer

Heißbegehrtes im kalten Polarmeer

erstellt von holgerkroker zuletzt verändert: 14.08.2008 07:41

Zwischen den Arktisanrainerstaaten ist das Klima in jüngster Zeit etwas frostig geworden. Während Atmosphäre und Ozean am Nordpol sich rekordverdächtig erwärmen, kühlen die Beziehungen zwischen Russland, Dänemark, Kanada, den USA, Norwegen und Island ebenso rasch ab. Beides hängt miteinander zusammen, denn in dem Maße, in dem der Arktische Ozean schiffbar wird, rücken auch die Rohstoffe in seinem Untergrund in Reichweite. In den betroffenen Regierungszentralen scheint ein entsprechender Goldrausch ausgebrochen zu sein. Jetzt stellen US-Geologen eine neue Rohstoff-Abschätzung vor, die die die Erwartungen noch einmal anheizt.

Unter dem arktischen Ozean schlummert gewaltige noch nicht erkundete  Öl- und Gasreserven. „Die Schelfe des Ozeans könnten die geographisch ausgedehnteste Region mit noch unerschlossenen Vorkommen sein“, erklärte Donald Gautier vom US-amerikanischen Geologischen Dienst USGS bei der Präsentation der aktualisierten Bestandsaufnahme seiner Behörde auf dem 33. Weltgeologenkongress in Oslo. Fast zehn  Prozent der bekannten Öl- und Gasreserven und geschätzte 13 Prozent der vermuteten sollen nördlich des Polarkreises schlummern. Rund 300 Milliarden Barrel Öl und Gas könnten in den kommenden Dekaden erschlossen werden, das wäre das Zehnfache der derzeitigen US-Vorkommen. Kein Wunder also, dass die Anrainerstaaten mit harten Bandagen um jeden Quadratkilometer Arktisterritorium kämpfen.


Transalaska-PipelineDie US-Geologen untersuchten alle 33 geologischen Provinzen des Polarkreises und fanden, dass 25 davon mit ausreichender Wahrscheinlichkeit ein oder gar mehrere Kohlenwasserstoffvorkommen von mindesten 50 Millionen Barrel aufweisen. Die größten Vorkommen hat demnach das Westsibirische Becken zwischen Ob und Jenissej, mit weitem Abstand gefolgt von Alaska und dem östlichen Barentsbecken westlich von Nowaja Semlja. Nur ein relativ großer Streifen auf der amerikanischen Seite des Lomonossow-Rückens scheint demnach ohne größere Vorkommen zu sein. Gautiers Prognose blieb in Oslo allerdings nicht unwidersprochen. Paul Nadeau vom norwegischen Explorationskonzern Statoil-Hydro schätzte, die US-Werte seien um das Zwei- bis Vierfache zu hoch angesetzt. „Das Ranking der geologischen Provinzen dürfte stimmen“, so Nadeau, „aber die absoluten Zahlen sind zu hoch.“ Für Ölförderfirmen sei das erst einmal nicht weiter tragisch, aber die betroffenen Regierungen könnten sich über die Reichweite ihrer Vorräte täuschen.


Auf dem jüngsten Ministertreffen der Arktisanrainer im grönländischen Ilulissat hatten sich die Politiker darauf geeinigt, ihre Ansprüche nach den Regeln der UN-Seerechtskonvention zu regeln. Das bedeutet, dass die geologische Struktur des arktischen Meeresbodens darüber entscheiden wird, welche Nation sich welchen Teil an den begehrten Vorkommen sichern darf. Statt Kriegsschiffe zu schicken und Alufahnen am Nordpol zu verankern, werden Russland, Dänemark, Kanada und die USA, sowie Norwegen und Island aufwendige und sehr teure geologische Expedition ins Polarmeer entsenden, um ihre Ansprüche zu untermauern.