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Hilfe aus dem Meer?

erstellt von holgerkroker zuletzt verändert: 22.06.2009 11:23

Von oben dürfte die „Polarstern“ am Montag, 2. Februar 2004, ein merkwürdiges Bild geboten haben. Das bullige, schwarz-weiße Flaggschiff der deutschen Forschungsflotte kreist seit dem Morgen mitten im Südozean vor sich hin. Der Eisbrecher hat jedoch keinen Ruderschaden, sondern zieht seine Kreise planvoll und mit voller Absicht. Aus einem Schlauch am Schiffsheck strömt die ganze Zeit über eine Flüssigkeit ins Kielwasser des Schiffes. Das Forschungsschiff unter der wissenschaftlichen Leitung von Victor Smetacek, Professor am Alfred-Wegener-Institut, ist unter die Landwirte gegangen: es düngt einen rund 130 Kilometer langen und 50 Kilometer breiten Wirbel im Südozean.

Das Eifex genannte Experiment ist keineswegs der Spleen eines Wissenschaftlers und es ist auch keineswegs das einzige seiner Art. Mit diesen Versuchen wollen Wissenschaftler herausfinden, ob man tatsächlich die Algenproduktion in bestimmten Ozeangebieten ankurbeln und so verstärkt Kohlendioxid aus der Atmosphäre waschen kann. Die Flüssigkeit, die die „Polarstern“ ins Wasser gibt, ist gelöstes Eisensulfat. Mit ihm soll ein Engpass in der Nährstoffversorgung der Algen behoben werden. Ihnen fehlt zum Wachstum Eisen, das sie als Chlorophyll-Bestandteil für die Photosynthese brauchen. Mit der Eisenspritze können, so die Erwartung der Wissenschaftler an Bord des Eisbrechers, die Algen so richtig loslegen. Und tatsächlich, die Minipflanzen tun Smetacek und seinen Kollegen den Gefallen und vermehren sich wie Unkraut.

 Algenblüte vor der Bretagne, klein

Algenblüte vor der Küste der Bretagne, von einem US-Erdbeobachtungssatelliten am 15.06.04 aufgenommen. Foto: Nasa, GSFC

Der Vater dieser Hypothese ist der amerikanische Ozeanograph John Martin von den Moss Landing Marine Laboratories in Kalifornien. Sein provokanter Satz „Gebt mir einen Tanker Eisen und ich gebe Ihnen die nächste Eiszeit“ beschäftigt die Wissenschaftler seit fast einem Vierteljahrhundert – aber inzwischen haben Martins kühne Gedankenspiele sogar Sexappeal für Unternehmen entwickelt. Denn Kohlendioxid ist inzwischen zu einem Wirtschaftsfaktor geworden, mit seiner Vermeidung kann man Geld verdienen. In Deutschland etwa wurden die Emissionsrechte schon zu Preisen von 30 Euro pro Tonne Kohlendioxid gehandelt.

Schon gibt es die ersten Unternehmen, die mit der Ozeandüngung Profit erzielen wollen. Interessanterweise sind es amerikanische Startup-Firmen, die ihre Kunden auf dem europäischen Kontinent suchen. „Die Welt hat sich für Marktmechanismen entschieden, wenn es um die Verringerung des Kohlendioxidausstoßes geht, deshalb verfolgen wir das als Geschäft“, erklärt etwa Dan Whaley, Geschäftsführer von Climos, einem dieser Unternehmen mit Sitz in San Francisco, im Interview. Whaley ist vorsichtig mit Geschäftsprognosen und betont den wissenschaftlichen Charakter, den das Vorhaben zum gegenwärtigen Zeitpunkt habe.

Die Vorsicht des Geschäftsmanns kommt nicht von ungefähr, denn das das Geschäftsfeld ist steinig. Whaleys schärfste Konkurrent Russ George hat mit seiner Firma Planktos soeben Schiffbruch erlitten. George wollte schon im vergangenen Jahr die erste kommerziellle Eisendüngung durchführen. Die Expedition des firmeneigenen Schiffs „Weatherbird II“ rief allerdings derart starken Widerstand bei Umweltschutzorganisationen und möglichen Gastgeberstaaten, dass das Schiff zeitweise heimatlos auf hoher See umherirrte, weil es keinen Hafen anlaufen durfte. Jetzt teilte das Unternehmen auf seiner Webseite mit, dass der Düngungsversuch auf unbestimmte Zeit verschoben sei. Das Unternehmen selbst sucht zurzeit händeringend nach einem Ausweg aus der Sackgasse.

Der plötzliche Vorstoß der Geschäftswelt hat die Wissenschaft kalt erwischt. „Wir Wissenschaftler glauben zurzeit noch nicht, dass der Stand unseres Wissens ausreicht, um Eisendüngung im großen Maßstab durchzuführen“, meint etwa Professor Doug Wallace, Leiter des Forschungsbereichs Marine Biogeochemie am Kieler IFM-Geomar skeptisch. Auch wenn einige Eisendüngungsexperimente geradezu spektakulär gut funktioniert haben, sind andere glatt gescheitert, ohne dass bislang klar geworden ist, worin der Unterschied zwischen Erfolg und Scheitern liegen.

Ebenfalls unklar ist, welche Folgen eine solche Düngung für das marine Ökosystem hat. „Es ist so als würden Sie an Land eine Steppe in einen Regenwald verwandeln“, betont Kenneth Johnson, Meeresbiologe am Forschungsinstitut des Monterey Bay Aquariums in Kalifornien. Und schließlich ist noch nicht einmal geklärt, ob eine Eisendüngung des Ozeans tatsächlich auch Kohlendioxid für einen längeren Zeitraum aus der Atmosphäre entfernt. „Es könnte ja auch sein“, so Ulf Riebesell, Professor für Biologische Ozeanographie am Kieler IFM-Geomar, „dass die Algenblüte umgehend Unmengen an Freßfeinden anzieht, die das von den Pflanzen gebundene Kohlendioxid ebenso umgehend wieder an Ozean und Atmosphäre abgeben.“

Ob sich die Wissenschaftler aber die Zeit für eine gründliche Erforschung des Phänomens nehmen können, ist unwahrscheinlich. Das Scheitern von Planktos ist nicht das Ende der Geschichte, denn die Vorstellung, die Ozeane zur Lösung unserer Klimaprobleme einzuspannen, ist zu verführerisch, die Entwicklung des Emissionshandels zu attraktiv. „Es dürfte interessant sein“, so Doug Wallace, „ob ein Regierungswechsel in den USA etwas bewirkt.“ Etwas Zeit haben die Wissenschaftler dennoch, denn die Unternehmen haben noch eine Reihe von diffizilen außerwissenschaftlichen Fragen zu lösen. So ist die Ozeandüngung im gegenwärtigen System des Emissionshandels gar nicht vorgesehen, lässt sich demnach auch nur auf Umwegen in klingende Münze umsetzen. „Wir entwickeln gerade eine Methodologie, die mit den Handelsmechanismen kompatibel ist“, erklärt Dan Whaley, „aber das ist ein Prozess von drei bis fünf Jahren.“ Den Wissenschaftlern wird dagegen angesichts der Zielstrebigkeit der Wirtschaft geradezu schummrig. „Ich glaube nicht, dass wir mit diesem Tempo mithalten können“, befürchtet Doug Wallace. Doch eine andere Möglichkeit als es zu versuchen, werden die Forscher nicht haben, sonst handelt die Wirtschaft ohne sie.

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