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Hobbit bekommt Nachbarn

erstellt von holgerkroker zuletzt verändert: 16.02.2016 09:47

Australische Forscher haben auf der indonesischen Insel Sulawesi eindeutig menschliche Steinwerkzeuge gefunden und auf ein Alter von mindestens 118.000 Jahre datiert, in "Nature" berichteten sie jetzt darüber. Mit den Funden ist die Anwesenheit von Frühmenschen auf einer zweiten Insel in der Wallacea genannten biogeographischen Zone nachgewiesen, die Südostasien im Norden und Australien im Süden voneinander trennt. Möglicherweise sind die Werkzeugmacher von Sulawesi Verwandte des zwergenhaften Hobbits auf der südlich gelegenen Insel Flores.

Mike Morwood (†) begutachtet die Funde von Talepu, Sulawesi. (Bild: Nature/Annamaria Talas)Der Hobbit auf der indonesischen Insel Flores hat Nachbarn bekommen. Auf Sulawesi, der drittgrößten Insel des Landes haben Forscher aus Australien, Indonesien und Europa Steinwerkzeuge ausgegraben, die mehr als 100.000 Jahre alt sind. Anders als auf Flores fanden die Wissenschaftler unter Leitung des 2013 verstorbenen Hobbit-Entdecker Mike Morwood im Süden Sulawesis außer den Steinartefakten keine menschlichen Skelettreste. Die Schichten, in denen einige der Artefakte gefunden wurden, sind zwischen 195.000 und 118.000 Jahre alt. In darunter liegenden Zonen fanden die Archäologen weitere Steinwerkzeuge, die aber nicht datiert werden konnten gleichwohl zwangsläufig älter sein müssen.

Steinwerkzeuge, die an der Oberfläche der Fundstelle Talepu gefunden wurden. (Bild: Nature/Erick Setiabudi)Die Steinwerkzeuge sind relativ einfach. Ihre Hersteller erzeugten mit kräftigen Schlägen scharfe Kanten, eine bestimmte Form hatten sie nicht im Sinn. Es sind zwar nicht die ersten Spuren von Frühmenschen auf Sulawesi, allerdings sind es die ersten verlässlich datierten Funde. Sie stammen aus Sedimentterrassen des Flusses Walanae unweit des Dorfes Talepu auf der südlichen Halbinsel Sulawesis. In der Region hatte man schon in den 40er Jahren des 20. Jahrhunderts Werkzeuge entdeckt, jedoch bei der Ausgrabung nicht die Ursprungsposition der Funde dokumentiert. Das aber wäre für die zeitliche Einordnung wichtig gewesen, denn die Artefakte selbst können nicht datiert werden. Das Alter der Funde aus den 40er Jahren blieb so stets umstritten. Bei den jetzt gesicherten Steinwerkzeugen hat man daher die Fundhorizonte akribisch aufgezeichnet.

In den Sedimentterrassen des Flusses Walanae auf Sulawesi wurden die Steinartefakte gefunden. (Bild: Nature/Gerrit van den Bergh)Da es keine direkten Spuren der Menschen gibt, die die Werkzeuge herstellten, beschränken sich die Forscher in ihrem "Nature"-Aufsatz darauf, die verschiedenen Hypothesen aufzuzählen. Es könnte sich um Vertreter von homo floresiensis handeln, also Artgenossen des Hobbits von Flores, oder um Verwandte des homo erectus, der auf Java im Westen Sulawesis spätestens vor 1,5 Millionen Jahren auftauchte. Die dritte Hypothese zielt auf die rätselhaften Denisova-Menschen, Zeitgenossen der Neandertaler aus Zentralsibirien, die weitgehend nur durch ihre genetische Hinterlassenschaft in den heutigen Menschen bekannt sind. Die müssen recht weit herumgekommen sein, denn Melanesier, die heutzutage Neuguinea, Neukaledonien und die Salomonen bewohnen, haben einen der höchsten Denisova-Anteile in ihrem Erbgut. Sulawesi könnte daher eine Art Brücke vom Hauptsiedlungsgebiet der Denisova-Menschen nach Südostasien gebildet haben.

Die vierte Ausgrabungsstelle in Talepu, Sulawesi. (Bild: Nature/Dida Yurnaldi)Gerrit van den Bergh, der Hauptautor der "Nature"-Studie, sagte gegenüber "Science", er bevorzuge die Homo-erectus-Theorie. Auch für den Hobbit wird ein solcher Ursprung als wahrscheinlichste Hypothese angesehen — falls es sich bei den Zwergmenschen nicht doch um krankhaft verkümmerte moderne Menschen handelt. Sulawesi und Flores gehören zum sogenannten Wallacea, einer biogeographischen Region zwischen Südostasien im Westen und dem Sahul genannten Komplex aus Neuguinea und Australien im Osten. In Kaltzeiten, in denen viel Wasser als Eis an den Polen gebunden war und deshalb die Meeresspiegel sehr viel niedriger lagen als heute, waren Inseln wie Sumatra, Java und Borneo mit dem südostasiatischen Festland verbunden, Neuguinea dagegen mit Australien. Wallacea, das die Inseln dazwischen umfasst, war das nie, Tiefseegräben und starke Meeresströmungen isolieren die Inseln seit Millionen von Jahren. Daher bildet Wallacea eine wirksame Schranke für die Bewohner beider Gebiete.

Was für Pflanzen und Tiere gilt, galt allerdings auch für Frühmenschen: Solange sie keine Boote hatten, konnten sie nur unter großen Schwierigkeiten die Wasserstraßen überwinden. Die Besiedlung Sulawesis und Flores' wird also eine Zufallsleistung gewesen sein. "Wenn man sich überlegt, dass große Tsunamis in der Region entstehen können", so van den Berghe gegenüber "Science", "dann ist die Chance einer unfreiwilligen Überfahrt im Laufe der Jahrhunderttausende gar nicht so klein." Möglicherweise kamen die Vorfahren des Hobbits daher als normalgroße Frühmenschen über Sulawesi nach Flores und schrumpften dort auf ihr bekanntes Maß, weil die Nahrung für mehr nicht ausreichte. Zwischen beiden Inseln fließen starke Nord-Süd-Meeresströmungen, die Baumstämme oder anderes Treibgut vom Süden Sulawesi an die Nordküste von Flores treiben könnten. _

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