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Höchstes Risiko in Vanuatu

erstellt von holgerkroker zuletzt verändert: 13.09.2012 12:40

4130 Katastrophen haben sich in dem Jahrzehnt zwischen 2002 und 2011 ereignet, sie kosteten mehr als eine Million Menschen das Leben und verursachten Schäden von rund 925 Milliarden Euro. So die dürren Daten, die das Bündnis Entwicklung hilft jetzt in Bonn vorstellte. Sie sind Teil des Weltrisikoberichts, den dieser Zusammenschluss von fünf großen nichtstaatlichen Entwicklungshilfeorganisationen bereits zum zweiten Mal herausgibt. In ihm wird allerdings nicht Geschehenes aufsummiert, sondern für beinahe jeden Staat der Erde das Risiko angegeben, Opfer eines Naturereignisses mit katastrophalen Auswirkungen auf die Bevölkerung zu werden.

Gefährdung der WeltWissenschaftler vom Institut für Umwelt und menschliche Sicherheit EHS an der Universität der Vereinten Nationen in Bonn haben einen Index aufgestellt, der eben dieses Risiko bewertet. Zum ersten Mal wurde er im vergangenen Jahr vorgestellt, in diesem Jahr haben sich aufgrund neuerer Daten 26 von 28 Indikatoren geändert, allerdings sind die Grundaussage und die Risikoschwerpunkte unverändert geblieben. "Hot spots sind zum Beispiel Afrika, Südostasien, Südasien, Ozeanien, Mittelamerika und die Karibik", erklärt Jörn Birkmann, Chef der EHS-Sektion Verwundbarkeitsabschätzung, "es hat aber in innerhalb dieser hot spots deutlich Änderungen gegeben." So ist beispielsweise Haiti inzwischen auf Platz 21 angelangt, im Vorjahr war es noch Platz 31. Da der Index eine Rangliste der Risiken ist, bedeutet das eine schlechte Nachricht für das karibische Armenhaus. Zusammengestellt ist der Index aus der naturwissenschaftlichen Gefährdungskomponente, die eben das Potential von extremen Naturereignissen wie Erdbeben, Wirbelstürmen, Überschwemmungen, Dürren oder Fluten beziffert. Sie wird aber ergänzt durch eine dreiteiligen soziale Komponente, die die Fähigkeit einer Gesellschaft widerspiegelt, mit den Widrigkeiten der Natur umzugehen. "Das Risiko hängt nämlich entscheidend vom Zustand der Gesellschaft ab", erklärt Bündnis-Geschäftsführer Peter Mucke, "Naturgewalten werden dann besonders gefährlich, wenn sie verwundbare Gesellschaften treffen."

WeltrisikoindexDrastisch verdeutlicht wird das beim Vergleich der Niederlande mit Haiti. Wenn es allein um die Gefährdung geht, liegen die Niederlande wegen ihrer exponierten Lage weitgehend unterhalb des Meeresspiegels der Nordsee unter insgesamt bewerteten 173 Staaten auf einem beunruhigenden 12. Platz, Haiti dagegen rangiert auf Platz 48 im oberen Mittelfeld. Berücksichtigt man jedoch die Fähigkeiten und Mittel der Gesellschaft mit der Gefährdung umzugehen, rückt Haiti auf Platz 21 der am stärksten gefährdeten Staaten vor, die Niederlande fallen auf Platz 51. "Das kommt letzendlich durch die gute gesellschaftliche Verfasstheit in den Niederlanden", erklärt Mucke, "das macht deutlich, dass die Kapazität mit einer Naturgewalt umzugehen, sehr davon abhängt, wie die gesellschaftliche Situation ist." Der am stärksten gefährdete Staat und damit auf Platz 1 der Weltrisikorangliste ist der Inselstaat Vanuatu im Pazifik. Mucke: "Hier treffen Wirbelstürme, Überschwemmungen zusammen und das Land ist auch von Erdbeben betroffen." Deutschland liegt im übrigen mit einem Index-Wert von 3,27 auf Platz 146 der Risikoliste, auch hierzulande gleichen gesellschaftliche Faktoren die reine Gefährdung aus, bei der die Bundesrepublik auf Platz 117 liegt. "In Deutschland ist die höchste Exposition gegenüber Naturgefahren Hochwasser, was sicherlich bekannt ist", erklärt Birkmann, "aber auch Erdbeben spielen eine Rolle." Gerade in den Räumen Köln-Bonn-Aachen bis hin zum Niederrhein sowie am Oberrhein ist das Bebenrisiko nicht zu unterschätzen. "Da ist die Sensibilität allerdings wesentlich geringer", so der UNU-Forscher, "obwohl da theoretisch ganz massive Schäden auftreten könnten."

Natürlicher KüstenschutzMucke nutzte die Vorstellung, um namens der fünf Trägerorganisationen des Bündnisses erneut für die enge Abstimmung von Nothilfe, Katastrophenprävention und langfristiger Entwicklungshilfe zu plädieren. Auch die Verhütung von Umweltzerstörung zählt der NGO-Vertreter zu den Zielen: "Der wechselseitige Zusammenhang zwischen Umweltzerstörung und Katastrophenrisiko wurde von der Politik bislang zu wenig beachtet." Intakte Ökosysteme würden sowohl bei der Prävention als auch später bei der Bewältigung der Folgen eine wichtige Rolle spielen. Als Beispiel hat das Bündnis die Küstenökosysteme gewählt, Korallenriffe, Kelp- und Mangrovenwälder. "Vor allem Riffe und Mangroven sind ein wichtiger Schutz für die Küsten", erklärte Michael Beck von der US-Umweltschutzorganisation The Nature Conservancy, "Riffe zum Beispiel halten den größten Teil der Wellenenergie ab, der sonst auf die Küsten träfe." Nach Becks Angaben leben zurzeit rund 200 Millionen Menschen in niedrig gelegenen küstennahen Gebieten, die von vorgelagerten Riffen geschützt werden. Dabei sind gerade Riffe verstärkt unter Druck geraten. Umweltverschmutzung, Überdüngung, zu hoher Sandeintrag durch die Flüsse machen ihnen ebenso Probleme wie zu starke oder falsche Nutzung durch den Menschen und die sich langsam verschlechternden Umweltbedingungen aufgrund des Klimawandels. Verbesserten Umweltschutz als Ziel einer besseren Entwicklungszusammenarbeit anzusehen, liegt so gesehen nahe. Allerdings liefert der Weltrisikoindex dafür keine statistische Schützenhilfe. "Obwohl wir meinen, dass ein Zusammenhang zwischen Umweltdegradation und Katastrophenrisiko existiert", erklärt Jörn Birkmann, "lässt er sich statistisch auf dieser globalen Ebene nicht nachweisen." Allerdings geht der UNU-Wissenschaftler davon aus, dass das auf einen Mangel der derzeitigen Datenbanken zurückzuführen ist und sich diese Korrelation bei besseren Daten zeigen wird. 

Weltrisikoindex, tabellarischFür die NGOs ist der Index nicht zuletzt eine wissenschaftliche Argumentationshilfe. "Für die Arbeit auf der politischen Ebene, und vor allem für die Einforderung von Veränderungen innerhalb von internationalen Institutionen und bei internationalen Regelungen ist es sehr wichtig, den weltweiten Vergleich vorlegen zu können", betont Mucke. Diesen Vergleich ermöglicht jetzt der Weltrisiko-Index, auch wenn die Zahlenangaben mit zwei Stellen hinter dem Komma eine größere statistische Sicherheit vorgeben als tatsächlich vorhanden ist. "Die Nachkommastellen sind für die politische Diskussion, die wir führen, gar nicht so relevant", erklärt Birkmann, "der Risikoindex hat eher eine Art Signalfunktion." So haben beispielsweise Neuseeland und Haiti den gleichen Grad der Gefährdung, beim Risiko liegt Haiti jedoch auf Rang 21, Neuseeland dagegen auf Platz 122. "Da kann man deutlich machen", so Birkmann, "an welchen Faktoren das liegt."

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