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Immer unterwegs

erstellt von holgerkroker zuletzt verändert: 19.06.2009 12:13

Seit mindestens drei Milliarden Jahren gibt es auf diesem Planeten Festland. Da die Erde aber ein lebendiger Himmelskörper ist, hat sie ihr Gesicht im Laufe des Lebens drastisch verändert. Die Bildung von Superkontinenten gehört ebenso dazu, wie die vergleichsweise gleichmäßige Verteilung der Landmassen, wie sie zurzeit besteht. Auf der 20. Senckenberg-Konferenz, die derzeit in Frankfurt stattfindet, wird die Bildung von Superkontinenten diskutiert.

Europa, Afrika, AsienDas Bild unseres Planeten ist wesentlich variabler als der Blick etwa aus den Fenstern der Internationalen Raumstation verrät. Die gegenwärtige Konstellation der Kontinente mit ihren vergleichsweise gleichmäßig über die Erdoberfläche verteilten fünf Landmassen, den drei großen und zwei kleineren Ozeanen und diversen Randmeeren ist nur eine vorübergehende Erscheinung, die in einigen Dutzend Millionen Jahren schon wieder Vergangenheit sein wird. In 75 bis 100 Millionen Jahren werden die meisten unserer Kontinente vermutlich wieder einen gewaltigen Superkontinent bilden - Amasia lautet ein derzeitiger Namensvorschlag, weil der amerikanische Doppelkontinent und Eurasien seinen Kern bilden werden.

Superkontinente haben gravierende Auswirkungen auf das System Erde. Beispiel Klima. Die derzeitige gleichmäßige Verteilung von Landmassen und Ozeanbecken hat ein effizientes System der Wärmeverteilung rund um den Globus zur Folge. Die Meeresströmungen transportieren die Energie rund um die Kontinente herum vom Äquator zu den höchsten Breiten und wieder zurück und sorgen so für ein insgesamt ausgeglichenes Klima. Wenn das meiste Festland aber zu einem Superkontinent vereinigt ist, kann der Energietransport ins Stocken geraten. Beim Superkontinent Pangäa, der vor 300 Millionen Jahren entstand und vor 200 Millionen Jahren wieder zerbrach, waren die klimatischen Unterschiede beispielsweise viel größer als heute. Weite Teile der Landmasse waren etwa von großen Gletschern bedeckt, im Inneren dehnten sich gewaltige Wüsten aus, während an den Kontinentalrändern tropische Urwälder wuchsen.

Offenbar hatten die gewaltigen Landmassen auch durchweg nachteilige Folgen für die Tier- und Pflanzenwelt. „ Wenn sie entstehen, sterben viele Tiere aus, weil plötzlich Lebewesen von verschiedenen Kontinenten miteinander konkurrieren, das ist jedenfalls eine der Theorien“, erklärt Damian Nance von der Ohio University in Athens. Dagegen bringt das Ende eines Superkontinents anscheinend Schwung in die Evolution, denn jedes Auseinanderbrechen eines solchen Giganten war von einer veritablen Artenexplosion begleitet. Nance: „Vor 550 Millionen Jahren zerfiel Pannotia und damals tauchten - scheinbar wie aus dem Nichts - die Tiere auf. Beim Auseinanderbrechen von Pangäa vor rund 200 Millionen Jahren gab es plötzlich Saurier und Säugetiere.“

Dabei scheinen die Superkontinente sozusagen den Keim ihres Scheiterns in sich zu tragen. Wenn sich ein Großteil der kontinentalen Kruste an einer Stelle konzentriert, wirkt das dort wie ein extra dickes Isolierpaket auf dem glühend heißen Erdinneren. „Die Hitze aus dem Erdinneren kann nicht entweichen und staut sich darunter. Der Riesenkontinent beginnt von unten  zu schmelzen. Große Mengen an Magma steigen auf, drücken den Kontinent auseinander“, erklärt Brendan Murphy von der St. Francis Xavier Universität im kanadischen Nova Scotia. Parallel scheinen sich rings um den Kontinent Subduktionszonen zu bilden, an denen die Krustenplatten der Erdoberfläche in Erdinnere gezogen werden. Diese Subduktionszonen zerren an allen Seiten an dem Kontinent und reißen ihn endlich auseinander.

Die eigentlich spannende Frage allerdings ist, wie es überhaupt zu solchen Zusammenballungen kommt. Die Bildung von Superkontinenten ist in der Erdgeschichte ein in ziemlicher Regelmäßigkeit wiederkehrender Vorgang. Die Geologen haben inzwischen gewichtige Hinweise für die Existenz einer ganzen Reihe solcher Gebilde gefunden:  Pangäa, Pannotia, Rodinia, Columbia und Ur lautet die Linie, die vor 200 Millionen Jahren beginnt und bis vor 2,5 Milliarden Jahre zurückreicht. „Seit dieser Zeit fügen sie sich zusammen, nur um anschließend wieder zu zerbrechen und an anderer Stelle neu zu entstehen“, erklärt Brendan Murphy.  Im Durchschnitt gibt es alle 500 Millionen Jahre eine solche Zusammenballung der Landmassen. Die Frage aber ist, welche Kraft ballt die Kontinente zusammen? „ Da beginnen die Forschungen erst“, erklärt Murphy. Zweifelsfrei aber läuft derzeit wieder alles darauf hinaus, einen Superkontinent zu bilden. Die Wissenschaftler haben ihn vorläufig Amasia getauft, weil Nordamerika und Eurasien seinen Kern bilden werden. In 75 bis 100 Millionen Jahren werden sich die Kontinente treffen, das belegen GPS-Daten und darauf aufbauende Modellierungen. Treffpunkt ist der Westpazifik. Der derzeit größte Ozean der Erde wird sich langsam aber sicher schließen, dafür werden Indischer und Atlantischer Ozean immer weiter aufreißen.

Allerdings trifft das nur zu, wenn sich der gegenwärtige Trend fortsetzt. Dass das nicht so bleiben muss, zeigt ein Blick auf den zurzeit jüngsten Superkontinent Pangäa. Den hätte es eigentlich nicht geben dürfen. Als sein unmittelbarer Vorläufer Gondwana auseinanderbrach, waren die Bestandteile drauf und dran, sich gleichmäßig über die Südhemisphäre zu verteilen. „Aber dann geschah etwas“, so Murphy, „das ihre Richtung umgekehrt und sie zum Ausgangspunkt zurückgeschickt hat.“ Was stark genug war, die Kontinentaldrift umzudrehen, ist eines der großen Rätsel. Möglicherweise war ein Superplume schuld, eine gigantischen Aufwallung ultraheißen Gesteinsmaterials von der Kern-Mantelgrenze tief im Erdinneren. Auf jeden Fall kam es damals zur komplett unerwarteten Zusammenballung - und möglicherweise schließt sich in unserer fernen Zukunft der Pazifische Ozean doch nicht, sondern bleibt, was er seit einer unerhörten Milliarde Jahre ist: die größte Wasserfläche der Erde.

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