Benutzerspezifische Werkzeuge
Sie sind hier: Startseite Wissen Infraschall kündigt Tsunami an

Infraschall kündigt Tsunami an

erstellt von holgerkroker zuletzt verändert: 27.05.2013 09:30

Tsunamiwellen rollen mit einer Geschwindigkeit von rund 700 Kilometern pro Stunde durch die Ozeane. Von einem Ende eines Meeresbeckens zum anderen brauchen sie ein paar Stunden, so dass in weit entfernten Gebieten genügend Zeit bleibt, um die Bewohner zu evakuieren. Aber je näher die Menschen am Ausgangspunkt des Tsunamis leben, umso kürzer wird die Vorwarnzeit. Deshalb untersuchen Geophysiker vom Deutschen Geoforschungszentrum, ob man die Tsunamifrühwarnung nicht durch Infraschallmessungen verbessern kann. Auf der Jahrestagung der Europäischen Geowissenschaftlichen Union in Wien präsentierten sie ihre Ergebnisse.

Tsunami 2004Am zweiten Weihnachtstag 2004 brauchte die verheerende Woge, die vor Banda Aceh auf Sumatra ausgelöst wurde, zwischen 90 und 120 Minuten, um die Küsten Südindiens und Sri Lankas zu erreichen. Dennoch traf sie die Menschen dort völlig überraschend, weit mehr als 50.000 wurden getötet oder werden bis heute vermisst. "Die Leute hätten ausreichend Zeit gehabt, sich in ein sicheres Gebiet zu begeben, aber sie haben nicht gewusst, dass ein Tsunami kommt", erklärt der Seismologe Rainer Kind vom Deutschen Geoforschungszentrum (GFZ) in Potsdam. Der Grund: Im Indischen Ozean gab es bis zu der Katastrophe 2004 kein Warnsystem, wie es zum Beispiel für den Pazifik seit den 50er Jahren des 20. Jahrhunderts etabliert ist.

Mittlerweile wurde das mit GFZ-Hilfe nachgeholt, doch bei ihm wie beim Pazifischen Warnsystem könnte die Frühwarnung besser, einfacher und verlässlicher werden. Die „klassischen“ Warnsysteme werten die Erdbebeninformationen der Seismometer-Netzwerke aus und ermitteln daraus, ob ein Tsunami droht oder nicht: „Aber das", so Kind, "ist nach wie vor eine nur sehr indirekte Methode einen Tsunami festzustellen". Um zu wissen, ob tatsächlich eine Welle unterwegs ist, wird der Meeresspiegel direkt beobachtet. Und das funktioniert noch nicht optimal. So werden die Bojen auf hoher See oft gestohlen, geraten zufälligerweise in Fischernetze oder verschwinden aus anderen Gründen spurlos. Und die Gezeitenmesser in den Häfen sind zwar zuverlässig, aber, so Rainer Kind, "wenn man an der Küste einen Tsunami messen will, dann ist er ja schon da."

TV-Aufnahmen des gewaltigen Tsunamis 2011 in Japan.Geophysiker wie Kind versuchen daher, Infraschallwellen für ein Tsunamifrühwarnsystem zu nutzen. Infraschallwellen in der Luft sind das direkte Produkt der Tsunamiwelle im Ozean, die Meeresoberfläche arbeitet dabei wie die Membran eines Lautsprechers: "Es gibt einen klaren Übergang der Energie von Meeresboden auf das Wasser, vom Wasser in die Luft", erklärt der Geophysiker. Doch verglichen mit der Wasserwelle hat der Infraschall einen Geschwindigkeitsvorteil: Die Schallwelle eilt dem Tsunami mit fast der doppelten Geschwindigkeit voraus. 1200 statt 700 Stundenkilometer. "Im Falle von Sumatra hätten die Leute dann vielleicht zehn Minuten Vorwarnzeit gehabt", so Kind.

Banda Aceh (Indonesien), sechs Wochen nach dem Tsunami 2004. (Bild: US Navy)Kind und seine Kollegen haben sich am GFZ die beiden größten Tsunamis der jüngsten Zeit vorgenommen, um die Zuverlässigkeit der Methode zu testen: neben dem im Indischen Ozean von 2004 auch den von Tohoku 2011. Die Forscher werteten dabei ganz besonders langwellige Signale mit Schwingungen von 600 Sekunden aus. "Bei den großen Tsunamis haben wir gezeigt, dass das wirklich ein effektives Mittel ist, um die Welle zu entdecken", so Kind. Bei kleineren, regionalen Tsunamis gelang das nicht, weil das Netz der Infraschallsensoren zu weitmaschig ist. "Man hat gar keine Chance, die kleineren Tsunamis zu beobachten", erklärt der Seismologe, "weil in der Nähe keine Sensoren sind." Infraschall-Messstationen gibt es nur in relativ geringer Zahl über die Welt verteilt. Die meisten werden von der UN-Organisation zur Überwachung des Atomteststopp-Abkommens CTBTO betrieben. Die aber darf die Daten nicht ohne weiteres und vor allem nicht in Echtzeit an andere weitergeben. Der Potsdamer Geophysiker plädiert daher dafür, die bestehenden Erdbeben-Überwachungsnetze aufzurüsten und in küstennahe Seismometerstationen auch Infraschallsensoren zu integrieren: "Das sollte nicht zu umständlich und auch nicht zu teuer sein, technisch auch nicht schwierig." Es wäre nur ein weiteres Messgerät, dessen Daten mitsamt denen der anderen Messgeräte übertragen würden. Je engmaschiger dieses Infraschall-Netz desto leichter ließe sich eine Tsunamiwelle erkennen und auch ihr Ausgangsort bestimmen, so dass man recht gute Richtungsinformationen erhielte.