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Innovativer als gedacht

erstellt von holgerkroker zuletzt verändert: 25.10.2010 09:04

Unser Bild vom Neandertaler wandelt sich derzeit in rasantem Tempo. Jahrzehntelang galt der eurasische Urmensch, der vor rund 30.000 Jahren vom modernen Menschen verdrängt wurde, als ungeschlachter Kraftprotz, der den Einwanderern kulturell und intellektuell unterlegen war und deshalb verschwand. Doch gerade an der so lange betonten drastischen kulturellen Unterlegenheit der Neandertaler tauchen in jüngerer Zeit immer mehr Zweifel auf. Die jüngsten äußerte Julien Riel-Salvatore, Paläoanthropologe an der Universität von Colorado in Denver im "Journal of Archaeological Method and Theory".

Rothaariger Neandertaler"Neandertaler waren sehr viel begabter als wir ihnen bislang zugestanden haben", betont der Anthropologe, nachdem er sich eingehend mit einer süditalienischen Population der Neandertaler befasste, die als Träger des Uluzzien diskutiert wird, einer späten und nach der Höhle von Uluzzo im Süden Apuliens benannten Phase. Funde dieser Kultur gibt es ausschließlich in Süditalien, möglicherweise auch in Griechenland. Sie stammen aus einer Zeitspanne von vor 37.000 bis vor 33.000 Jahren. Im Unterschied zu "normalen" Neandertalerfunden, die der Kultur des Moustérien zugeordnet werden, gehören zu den Uluzzien-Funden neben moderneren Werkzeugen auch Hinweise auf Schmuck wie Ornamente und die Verwendung von Ocker zur Körperbemalung. Schmuck und Schminke aber gelten bislang als Errungenschaften des modernen Menschen, die dieser nach Europa brachte. Neandertaler sollten sie allerhöchstens nach Kontakt mit den Neuankömmlingen kennengelernt und einfach kopiert haben.

Werkzeug des NeandertalersNach Riel-Salvatores Ansicht greift dieses Argument beim Uluzzien allerdings nicht, denn dessen Verbreitungsregion in Süditalien war von den modernen Einwanderern im Norden der Apenninenhalbinsel durch ein breites Gebiet in Mittelitalien getrennt, in dem es nur traditionelle Moustérien-Funde gibt. Eine Übernahme der Verhaltensweisen durch Kopieren sei daher ausgeschlossen. "Wenn das Uluzzien eine Neandertaler-Kultur ist, dann brauchten deren Träger den Kontakt zu modernen Menschen nicht, um solche neuen Verhaltensweisen zu entwickeln", so Riel-Salvatore, "eine solche Innovationsfähigkeit würde ein neues Licht auf die Neandertaler werfen und sie sozusagen humanisieren."

Faustkeil Larnac"Neue Techniken werden eigentlich erst dann entwickelt, wenn sich die Nahrungsgrundlage verändert, unsicher wird und die Menschen nicht auswandern können", schreibt Riel-Salvatore in seinem Beitrag im "Journal of Archaeological Method and Theory". Eine solche Zwangslage sieht er für die süditalienischen Neandertaler vor rund 42.000 Jahren, als sich die klimatischen Umstände auf der Apenninen-Halbinsel drastisch veränderten. Es wurde wesentlich trockener und die großen Pflanzenfresser, die traditionelle Neandertaler-Beute, fanden wesentlich weniger Nahrung, wurden daher seltener. Im Süden der Halbinsel scheinen sich die Menschen daher auf kleinere Jagdbeute verlegt zu haben, die nicht mehr mit Speeren, sondern mit Pfeilen gejagt wurde.

Neandertalschmuck"Ich rehabilitiere die Neandertaler", unterstreicht Julien Riel-Salvatore.  Allerdings ist schon die Grundlage seiner Hypothese nicht unumstritten. Wie bei den meisten steinzeitlichen Funden gibt es auch bei den Uluzzien-Funden keine menschlichen Skelettreste, die eine unbestreitbare Zuordnung zum Neandertaler oder zum modernen Menschen erlaubten. Daher wird heftig darüber gestritten, ob das Uluzzien tatsächlich eine Neandertaler-Kultur war. Unbestreitbar ist dagegen das Ende des Uluzzien. Spätestens vor 37.500 Jahren verschwanden seine Relikte und wurden durch solche des Aurignacien ersetzt, das allgemein als Kultur des modernen Menschen angesehen wird.

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