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Isolierter Gigant

erstellt von holgerkroker zuletzt verändert: 22.12.2009 16:36

Seit Dutzenden von Millionen Jahren liegt die Antarktis unbeweglich über dem Südpol, aber erst vor 34 Millionen krochen zum ersten Mal Gletscher über den Kontinent. Seit 14 Millionen Jahren hat die Eiskappe etwa die kontinentweite Ausdehnung, die wir heute kennen. Trotz ihres Gletscherpanzers hat die Antarktis ein veränderliches Klima, wie es die gemäßigten Breiten in Europa oder gar die Tropen nicht kennen. Wie es sich unter dem Einfluß des Klimawandels entwickeln wird, hat jetzt der erste Klimabericht des Wissenschaftlichen Ausschusses für Antarktisforschung SCAR vorgestellt.

Atkabucht, kleinVon allen Kontinenten ist die Antarktis der entlegenste. Der raue Südozean fließt wie ein Ring um den Kontinent über dem Pol herum und ist selbst an seiner engsten Stelle 850 Kilometer breit. Der Ringstrom wirkt wie eine Isolierschicht, die den Südkontinent wirksam gegen zu viel Wärme aus anderen Weltregionen abschirmt. Dennoch spielt die Südpolregion eine Schlüsselrolle im System Erde. Der Zirkumpolarstrom etwa fungiert als Schwungrad der Ozeanströmungen, das den Wärmetransport zwischen den Ozeanbecken in Gang hält. Die mächtigen Eispanzer des Kontinents wiederum speichern rund 93 Prozent des irdischen Süßwassers. Wären sie vollkommen abgetaut, läge der Meeresspiegel um rund 60 Meter über dem heutigen Niveau.

Fieberkarte der AntarktisDas Internationale Polarjahr, das unlängst zu Ende ging, hat die Antarktisforschung beflügelt. Der erste Bericht über Klima und Umwelt der Südpolarregion, den SCAR jetzt vorgelegt hat, ist dafür ein Beispiel. Sichere Anzeichen für ein beginnendes Abschmelzen zeigt der kleinere Westteil des Kontinents. Am stärksten betroffen ist die antarktischer Halbinsel, die wie ein Finger in Richtung Feuerland zeigt.

Schelfeis geht zurückDort haben sich die Oberflächentemperaturen seit 1950 um bis zu 0,53 Grad pro Jahrzehnt erhöht. Spitzenreiter ist die früher britische Faraday-, jetzt ukrainische Vernadski-Station auf der Galindez-Insel vor der Westküste der Halbinsel. Dort hat sich die  Temperatur im Jahresmittel um über 2,5 Grad erhöht, seit in den 50er Jahren regelmäßige Temperaturmessungen aufgenommen wurden, die Wintertemperaturen sind sogar um fast sechs Grad gestiegen.  Auf der im Windschatten gelegenen Ostküste beträgt der stärkste Temperaturanstieg pro Dekade immerhin noch 0,41 Grad, gemessen an der argentinischen Esperanza-Station an der Spitze der Halbinsel.

Ayles-Eisschelf vom Erdboden aus.Die Westantarktis hat sich dagegen nur um 0,1 Grad pro Jahrzehnt erwärmt. Allerdings deutet die Auswertung des Bohrkerns von Siple Dome darauf hin, dass dieser Trend schon seit Anfang des 19. Jahrhunderts läuft. Der riesige Rest des Kontinents, die Ostantarktis, wo die größten und dicksten Eiskappen liegen, zeigt dagegen bisher keine Temperatursteigerung, direkt über dem Südpol hat die dortige US-Station sogar einen Temperaturrückgang gemessen. Allerdings gibt es weder für die West- noch für die Ostantarktis auch nur annähernd so viele und so detaillierte Messreihen wie für die mit Stationen geradezu gepflasterte Halbinsel.

Rekord-OzonlochWelche Rolle bei dieser Entwicklung der menschgemachte Treibhauseffekt der vergangenen 150 Jahre spielt, ist unklar. In der Südpolregion sorgt die natürliche Antarktische Oszillation für messbare Temperaturschwankungen über die Jahre und Jahrzehnte hinweg. Für das 21. Jahrhundert sagen die Klimamodelle allerdings einen deutlich wachsenden Einfluß des menschgemachten Wandels voraus. Die Temperaturen in der Antarktis sollen um durchschnittlich 0,34 Grad pro Jahrzehnt steigen, am deutlichsten in der Ostantarktis. Weil aber die vom IPCC anerkannten Klimamodelle alle mehr oder weniger gravierende Probleme haben, das Gang des Quecksilbers an den Polen abzubilden, gibt es keine detaillierteren Vorhersagen.

Eis unter DruckDie Eisflächen der Antarktis werden sich voraussichtlich in der Richtung weiterentwickeln, die sich derzeit bereits andeutet. Vor allem an den Küsten der Halbinsel werden weitere Eisschelfe zerbrechen. Hier wirken nicht nur steigende Temperaturen in der Luft und im Südozean, sondern vor allem die Westwinde, die seit den 70er Jahren des vergangenen Jahrhunderts um 15 bis 20 Prozent an Stärke gewonnen haben. Dadurch steigt die Beanspruchung der Meereisflächen und damit das Bruchrisiko. Die Verstärkung der Winde ist Produkt der Antarktischen Oszillation, es bleibt allerdings abzuwarten, wie sich dieses Wetterphänomen durch den Klimawandel verändert. Zweifellos negativ für die Temperaturverhältnisse über dem Südpol wird sich dagegen auswirken, dass sich das Ozonloch voraussichtlich bis zum Jahr 2050 schließen wird. Das Ozonloch hatte bisher für eine stärkere Abschottung der Antarktis gegen wärmere Strömungen aus niedrigeren Breiten gesorgt. In dem Maß, in dem es verschwindet, sinken auch die Barrieren für die wärmere Luft.

Dome C BohrcampDie Schlüsselfrage hinter all dem ist, wie sich die dicken Eispakete auf dem Südkontinent verhalten. Geraten sie in Bewegung, weil etwa die schützenden Riegel der Eisschelfe verschwinden, ist ein unaufhaltsamer Anstieg des Meeresspiegels um viele Meter vorprogrammiert. Die Menschheit hätte Jahrhunderte Zeit, sich daran anzupassen. Weil aber nicht nur in den Niederlanden oder in Bangladesch die Mehrheit der Bevölkerung in Küstengebieten wohnt, wäre es es eine gigantische Herausforderung. Doch selbst für die derzeit schon aktivsten Teile der Antarktis ist noch nicht klar, wie die Entwicklung weitergeht.

Pine-Island-Gletscher und Thwaites-Gletscher in der südlichen Amundsen SeeZwar haben sich auf der Halbinsel die Eisströme an Land beschleunigt, sobald die Eisschelfe vor ihnen zerbrochen waren, doch liefern die Modelle für die weitere Entwicklung widersprüchliche Ergebnisse. Allerdings erwarten die Forscher, dass neben der Halbinsel auch der westantarktische Eisschild in Gefahr gerät. Einige Eisströme haben sich dort bereits beschleunigt. So fließt der Pine-Island-Gletscher heutzutage um 40 Prozent schneller als 1970. Für die Ostantarktis sehen die Experten weniger klar: Selbst wenn hier die Temperatur am stärksten steigen sollte, bleibt sie weit unterhalb des Gefrierpunkts, und die Schelfeisflächen rings um den schlafenden Riesen zeigen bislang keinerlei Neigung zu schrumpfen oder gar zu zerbrechen. Ganz im Gegenteil: Rings um die Ostantarktis wächst sogar das den dicken Schelfeisgürteln vorgelagerte Meereis.

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