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Jagdglück am Polarkreis

erstellt von holgerkroker zuletzt verändert: 15.01.2016 15:08

Die anatomisch modernen Menschen waren offenbar schon während der jüngsten Eiszeit im Polarkreis heimisch. Das legt jedenfalls der Fund einer Mammutmumie nahe, über den russische Archäologen in der aktuellen "Science" berichten. Damit würde die Besiedlungsgeschichte der Arktis mindestens 10.000 Jahre früher beginnen als bislang gedacht.

Das Mammut war etwa 15 Jahre alt und damit gerade ausgewachsen, als es vor rund 45.000 Jahren auf der heutigen Taimyr-Halbinsel in Westsibirien starb. "Seine Knochen zeigen deutliche Spuren von Waffen, ein Zeichen, dass das Tier eine Begegnung mit Menschen nicht überlebte", erklärt Vladimir Pitulko, der am Institut für Materielle Kultur der Russischen Akademie der Wissenschaften in St. Petersburg den ganz neuen Fund eines Mammuts aus der westsibirischen Tundra untersuchte. Pitulko ist Experte in Sachen Eiszeitmenschen, für ihn sprechen die Schnitte und punktförmigen Verletzungen in Rippen und Schulterblatt des Tieres eine klare Sprache: "Wir haben die ersten Indizien, dass Menschen so früh bis hoch in den Polarkreis wanderten."

Ausgrabung des Mammuts am Jenissei-Ufer. (Bild: Science/ Pitulko)Gefunden hat die Mammutmumie 2012 ein Schüler, der in den Sommerferien seine Eltern besuchte, die an der Polarstation Sopotschnaja Karga am Ostufer der Jenissei-Mündung arbeiten. Im Sommer taut dort wegen des Klimawandels der Permafrost wesentlich weiter auf als in der Vergangenheit, und so kommen immer häufiger die Überreste einstiger Bewohner ans Tageslicht. Der Junge sah die mächtigen Hinterbeine des nach seinem Fundort SK-Mammut genannten Tieres aus einem tauenden und daher erodierenden Kliff am Jenissei-Ufer herausragen und alarmierte seine Eltern, die wiederum die Akademie der Wissenschaften einschalteten. In einem einzigen Block wurde die Tiermumie aus dem noch weitgehend gefrorenen Steilufer geschnitten und per Flugzeug nach St. Petersburg ins Labor verfrachtet, wo sich Vladimir Pitulko an die Arbeit machte.

Dass der Permafrost Leichen hervorragend konserviert, ist bekannt, und im Fall des Mammuts vom Jenissei hatte Väterchen Frost besonders gute Arbeit geleistet. Außer Fell und Knochen war auch noch sehr viel Fleisch und anderes Gewebe erhalten - bis hin zum Höcker aus Fettgewebe auf dem Rücken des Tieres und zu seinem Penis. Das jedoch beeindruckte den erfahrenen Archäologen Pitulko nicht besonders, sondern der Blick auf die Ergebnisse der Radiokarbon-Datierungen: "Das ist mindestens 10.000, wenn nicht 15.000 Jahre älter als alles, was wir an Zeugnissen für die menschliche Anwesenheit in der Arktis bisher kannten." Hinzu kommt noch, dass die Fundstelle soweit im Norden liegt wie keine zuvor: auf dem 72. nördlichen Breitengrad. Dieser Breitengrad liegt ungefähr 100 Kilometer nördlich des Nordkaps und durchschneidet die Insel Grönland ungefähr in der Mitte.

Rekonstruktion eines Wollhaar-Mammuts vor der Kulisse der sogenannten Mammut-Steppe. (Bild: Wikimedia/Flying Puffin)Das SK-Mammut ist zudem nicht der einzige Fund aus dem hohen Norden, mit dem Vladimir Pitulko und seine Kollegen aufwarten können. Rund 2000 Kilometer weiter östlich an der Jana sind ebenfalls Tier-Überreste gefunden worden, an denen die Archäologen die Spuren menschlicher Jäger feststellten. Auch diese Knochen wurden auf ein Alter von rund 45.000 Jahren datiert, der Fundort liegt allerdings rund 330 Kilometer weiter südlich auf dem 69. Breitengrad. "Beide Funde zeigen, dass die Menschen Sibirien bis weit in den hohen Norden erschlossen haben", so Pitulko, "es war eine ziemlich geringe Bevölkerungsdichte, aber es gab Menschen." Vermutlich zogen die Eiszeitjäger ihrer Beute hinterher, die im Sommer die Tundra bis an die Ufer des Arktischen Ozeans abweidete. Mammuts, Wollnashörner, eiszeitliche Bisons, Pferde, Rentiere und Hirsche waren für die Menschen eine unverzichtbare und unwiderstehliche Nahrungsquelle.

Die Wahrscheinlichkeit ist sehr groß, dass die Herden von Großsäugern die menschlichen Jäger immer tiefer nach Sibirien und damit in Richtung des amerikanischen Doppelkontinents lockten. "Von der Jana sind es nur noch 2000 Kilometer bis zur Beringstraße", erzählt Vladimir Pitulko, "und diese Distanz kann man bequem wandern, vor allem wenn man viel Zeit hat und nur den Tierherden folgt." Vermutlich hat das jüngste eiszeitliche Maximum vor 21.000 bis 19.000 Jahren die menschliche Besiedlung Ostsibiriens harsch unterbrochen, doch nach seinem Ende waren die Überlebenden der Kälteperiode in einer hervorragenden Position, sich die offenen Landschaften zu erschließen. Die Nähe zu der Beringia genannten Landbrücke zwischen Ostsibirien und Alaska spricht außerdem dafür, dass sie auch relativ schnell über diese Brücke nach Nordamerika gelangten. "Unsere Funde geben darauf zwar keine direkte Antwort", so Pitulko, "aber sie zeigen, dass die Menschen die Gelegenheit dazu hatten. Und das ist das Wichtigste."