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Jetzt sind wir schon zu viert

erstellt von holgerkroker zuletzt verändert: 30.03.2010 11:41

Die Menschheit während der jüngsten Eiszeit wird immer vielfältiger. Neben die traditionell bekannten Arten moderner Mensch und Neandertaler trat 2003 der Hobbit Homo floresiensis und jetzt kommt offenbar noch ein weiterer Mensch hinzu, der bis vor rund 40.000 Jahren den Altai im Süden Sibiriens bewohnte. In der aktuellen "Nature" veröffentlichen Forscher der sibirischen Akademie der Wissenschaften und des Leipziger Max-Planck-Instituts für evolutionäre Anthropologie genetische Indizien für unseren neuen Cousin.

Blick vom AltaiBislang gibt es von ihm nur das Bruchstück eines Fingers und daraus isoliert einen Satz Mitochondrien-Erbgut. "Doch schon das", so Svante Pääbo, Direktor am Leipziger Max-Planck-Institut und einer der Autoren, "hat unsere Hoffnungen um Längen übertroffen." Dabei war das Fingerglied den Ausgräbern zunächst als wenig interessant erschienen, als sie im Sommer 2008 die Funde ihrer jüngsten Grabung in der Denisova-Höhle in den nordöstlichen Ausläufern des Altai sichteten. "Wir beachteten es nicht weiter", erinnerte sich Co-Autor Michael Schunkow von der Sibirischen Akademie der Wissenschaften in Nowosibirsk. Denn in den Höhlen des Altai findet man immer wieder Bruchstücke menschlicher Knochen oder Zähne. Schließlich ist etwa die Denisova-Höhle seit rund 125.000 Jahren immer wieder von Menschen bewohnt worden.

Pääbo und NeandertalerDie Sensation zeigte sich erst in Pääbos DNA-Labor in Leipzig. Die Max-Planck-Forscher zählen zu den weltweit führenden Spezialisten für die Bergung alter DNA, sie haben zum Beispiel bereits das Erbgut des Neandertalers sequenziert. Sie konnten daher aus einer Probe des Fingerglieds das genetische Material der Mitochondrien isolieren. Diese sind die Kraftwerke der Zelle und haben als einzige neben dem Zellkern mit der Haupt-DNA eigenes Erbgut. Die Schnipsel sind vergleichsweise kurz, weil es aber viele Zehntausende von Mitochondrien gibt, kommen sie viel häufiger vor als die Kern-DNA. Als Bestandteile der Eizelle stellen sie allerdings nur das Erbteil der Mutter zur Verfügung, was sie für die Konstruktion von Stammbäumen sehr interessant macht, umfassende Genomanalysen dagegen ausschließt.

Im Stammbaum des Überraschungsfundes steckt die Sensation: Der Mensch, von dem das Fingerglied stammt, hat mit dem Menschen und dem Neandertaler einen jüngsten gemeinsamen Vorfahren, der vor rund einer Million Jahren lebte. Menschen und Neandertaler haben sich dagegen erst vor rund 450.000 Jahren genetisch voneinander getrennt. Der neue Vertreter der Gattung Mensch ist also so etwas wie ein Cousin von modernen Menschen und Neandertalern, möglicherweise in der Art von Homo floresiensis.    

Homo erectusKlar ist, dass er wie alle Angehörigen der Gattung aus Afrika stammt. Doch es sieht ganz so aus, dass er weder mit der ersten bisher bekannten Emigrationswelle des Homo erectus vor 1,9 Millionen Jahren auswanderte, noch mit der, die die Vorfahren des Neandertalers vor über 600.000 Jahren nach Europa brachte. "Er erscheint zu spät, um ein Nachfahre von Homo erectus zu sein und er ist zu alt, um ein Nachfahr von Homo heidelbergensis zu sein, dem Urahn der Neandertaler", betont der Paläoanthropologe Chris Stringer vom Natural History Museum in London. Für die jüngste Auswanderungswelle, die der anatomisch modernen Menschen vor 50.000 Jahren, ist der rätselhafte Altai-Bewohner vollends zu alt.

Das Fingerglied scheint daher das bislang einzige Indiz für eine weitere menschliche Auswanderungswelle aus Afrika zu sein, die vor etwa einer Million Jahren in Richtung Altai führte und möglicherweise auch darüber hinaus. Denn in Indien und China gibt es ebenfalls Fossilien, die Rätsel aufgeben. Sie sind zwischen 250.000 und 650.000 Jahre alt und damit etwas jung für Homo-erectus-Abkömmlinge. Und dann gibt es ja auch noch Homo floresiensis, der mangels Alternative aber auch nicht unbedingt überzeugend auch als Nachfahre von Homo erectus gehandelt wird. Möglicherweise gehören sie alle dieser bislang unbekannten Entwicklungslinie an.

Hobbit und moderner SchädelDies nachzuweisen wird allerdings immens schwer werden. Von dem Altai-Fossil hat man nur das Mitochondrien-Erbgut und das Fingerglied: viel zu wenig für eine anatomische Rekonstruktion. Für einige Forscher wie den dänischen Paläoanthropolgen Eske Willerslev von der Universität Kopenhagen ist die Datenbasis auch in anderer Hinsicht noch zu dünn. "Mit den derzeitigen Informationen kann man noch nicht die Entdeckung einer neuen Art beanspruchen", warnte der Experte gegenüber "Nature". Von den anderen asiatischen Fossilien hat man zwar mehr Knochen, aber die Wahrscheinlichkeit, dass man darin brauchbare DNA für einen Erbgutvergleich findet, ist sehr gering. Sie stammen aus Gegenden mit feucht-heißer Witterung und das ist Gift für das empfindliche Erbmolekül. Doch auch wenn die genauen Verwandtschaftsverhältnisse noch lange ungeklärt sein werden, zeigt sich doch deutlich, dass bis vor vergleichsweise kurzer Zeit auch vom Menschen mehrere Arten zeitgleich nebeneinander lebten.

Grabungskampagne in der Denisova-HöhleIn Denisova-Höhle hat man zum Beispiel Neandertaler-Relikte gefunden, nicht weit entfernt wurden in einer anderen Höhle Spuren des anatomisch modernen Menschen gefunden. Ob sich alle drei Arten trafen und wie sie dann miteinander umgingen, zählt da sicherlich zu den interessantesten Fragen. Doch die Erfahrung aus 150 Jahren Neandertalerforschung zeigen auch, dass dieses Problem notorisch schwer zu lösen ist.

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