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Kalmare unter Klimastress

erstellt von holgerkroker zuletzt verändert: 19.06.2009 11:19

Der steigende Kohlendioxidgehalt der Erdatmosphäre wird zahllose Lebewesen in Schwierigkeiten bringen. Die Ozeane werden so sauer werden wie schon seit Jahrmillionen nicht mehr - das ist die unausweichliche Folge einer zunehmend CO2-reichen Lufthülle. Für die Myriaden von kalkbildenden Organismen ist das eine katastrophale Nachricht. Korallen und viele kalkbildende Algen werden ihre Stützgerüste verlieren. Doch auch größere Lebewesen werden ins Schleudern geraten. Wissenschaftler aus Portugal und den USA stellen jetzt in den Abhandlungen der Amerikanischen Akademie der Wissenschaften entsprechende Experimente mit Humboldt-Kalmaren vor. Diese riesigen Tintenfische stehen an der Spitze der Nahrungspyramide.

Humboldt-Kalmar im AnflugHumboldt-Kalmare können über zwei Meter lang und 50 Kilo schwer werden. Sie kommen vor allem im Ostpazifik vor der Westküste Amerikas vor, wo sie mit dem gleichnamigen kalten Meeresstrom schwimmen. Die Riesen sind eine begehrte Beute für Pottwale und den Menschen, diese beiden sind aber so ziemlich die einzigen, die die Kopffüßer fürchten müssen - vielleicht abgesehen von aggressiven Artgenossen. Mit kleineren Fischen, Krill und anderen Lebewesen machen sie dagegen kurzen Prozess. Wenn die Schulen von bis zu 1500 Tieren auftauchen, leben die Schwärme von Laternenfischen und anderen nicht mehr lange.

Doch die Humboldt-Kalmare haben eine große Schwachstelle: Sie brauchen ungeheuer viel Sauerstoff. Ihr Umsatz liegt um rund ein Viertel über dem des nächstverschwenderischen Meeresräubers dieser Gegend, des kurzflossigen Makohais. Verglichen mit dem Weißen Hai sind es sogar 280 Prozent. Dieser hohe Sauerstoffkonsum könnte den Kalmaren zum Verhängnis werden, je stärker sich die Meere unter dem Einfluss des Klimawandels verändern. Die Versauerung des Oberflächenwassers behindert nämlich den Stoffwechsel der Tintenfische drastisch, ihre Zellen können mit steigendem Kohlendioxidgehalt des Wassers immer weniger Sauerstoff aus dem Blut ziehen.

Der Fluchtweg in weniger saure tiefere Meereszonen wird den Humboldt-Kalmaren aber ebenfalls verlegt. Denn in den Weltmeeren werden sich die Zonen mit geringem Sauerstoffgehalt ausdehnen. Je nach Ort beginnen sie heute in Tiefen von 50 bis 1000 Metern. In einem wärmeren Ozean wird diese Obergrenze ansteigen. Schon heute folgen die Kalmare ihrer bevorzugten Beute, den Laternenfischen, in diese Sauerstoffmangelzonen. Wegen des fehlenden Sauerstoffs müssen sie dort jedoch ihre Stoffwechselrate um bis zu 80 Prozent verringern. Das aber verlangsamt ihre Reaktionsgeschwindigkeit drastisch, sie jagen schlechter und werden selbst leichter zur Beute ihrer Hauptfeinde, der Pottwale. „Der Lebensraum der Kalmare wird deshalb stark eingeengt werden“, betont Rui Rosa vom Zentrum für Ozeanographie der Universität Lissabon.

Die Forscher erwarten, dass die Tiere ihren Lebensraum in andere geographische Regionen ausdehnen. Das ist heute bereits zu beobachten. Kamen die Humboldt-Kalmare in der Vergangenheit nur bis Südkalifornien vor, so werden sie inzwischen auch vor den Küsten des US-Bundesstaats Washington, rund 1500 Kilometer weiter nördlich gesichtet. Ebenfalls denkbar ist, dass sich die Kalmare anderen Beutefischen zuwenden, die nicht so sehr in die Sauerstoffmangelzonen hinabtauchen. „Die Nahrungsnetze im Ozean werden sich auf jeden Fall stark verändern“, schätzt Rosa. Gut möglich, dass die Humboldt-Kalmare am Ende der Entwicklung ganz aussterben. Was das für die Hauptfeinde des Humboldt-Kalmars, Pottwale und Menschen, bedeutet, ist derzeit nicht absehbar.

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