Benutzerspezifische Werkzeuge
Sie sind hier: Startseite Wissen Katastrophales Zusammentreffen

Katastrophales Zusammentreffen

erstellt von holgerkroker zuletzt verändert: 28.06.2011 14:00

Die Großstadt Christchurch auf der neuseeländischen Südinsel ist seit September 2010 von zahlreichen Beben getroffen worden. Noch vor dem Hauptbeben erwies sich ein Nachbeben am 22. Februar als besonders zerstörerisch. Es überraschte nicht nur die Bevölkerung, sondern auch die Fachleute.

Erdbeben im StadtzentrumDer "größte Schlag gegen eine Wirtschaftsnation, der je von einer Naturkatastrophe verursacht wurde", war nicht das Tohoku-Beben am 11. März diesen Jahres in Japan. So äußerte sich Neuseelands Premier John Key über die inzwischen drei Erdbeben, die den Ballungsraum Christchurch auf der Südinsel in den vergangenen acht Monaten getroffen haben. Ein Vergleich der derzeit verfügbaren Zahlen gibt dem Politiker recht: Zwar werden Beben und anschließender Tsunami vom 11. März nach jüngsten Angaben der japanischen Regierung 217 Milliarden Euro kosten, doch die drittgrößte Wirtschaftsmacht der Welt erwirtschaftet ein Bruttosozialprodukt von gut drei Billionen Euro. Dagegen muss Neuseeland mit seinem rund 100 Milliarden Euro großen Bruttosozialprodukt Schäden stemmen, die sich nach jüngsten Schätzungen auf mindestens 8,6 Milliarden Euro belaufen.

Die Bebenserie seit September 2010 kam für die zweitgrößte Stadt Neuseelands überraschend, auch wenn die Region ihre Erfahrungen mit Erdstößen hat. In den 80 Jahren zwischen der Ankunft der Europäer 1850 und dem Jahr 1930 gab es vier schwere Beben mit beträchtlichen Schäden. Die dann einsetzende Ruhephase wurde am 4. September 2010 mit dem sogenannten Darfield-Beben beendet. Es hatte eine Magnitude von 7,1, das Epizentrum lag bei der gleichnamigen Kleinstadt rund 40 Kilometer westlich von Christchurch. Die Schäden waren nicht unerheblich, von umgerechnet 2,3 Milliarden Euro sprach das neuseeländische Finanzministerium. Doch der eigentliche Schlag kam am 22. Februar 2011, als ein Nachbeben der Magnitude 6,3 die Großstadt Christchurch direkt traf. Zahlreiche Gebäude, die im September bereits geschädigt worden waren, stürzten endgültig ein, darunter auch der Glockenturm der Kathedrale. Und anders als im September zuvor starben diesmal auch Menschen: 181 Todesopfer machten das Beben zum zweitschlimmsten in der neuseeländischen Geschichte.

Zerstörtes ChristchurchDas Februar-Beben kam nicht nur für die Bewohner der Region überraschend, auch die Geologen hatten keine Ahnung, dass sich an dieser konkreten Stelle ein Bruch befand. "Eines der Nachbeben vom September war sehr nahe, das zeigte immerhin, dass in der Gegend eine Störung lag", erklärt Tim Davis von der neuseeländischen Universität von Canterbury, "aber dass das Beben so stark werden würde, war absolut unerwartet." Neuseeland liegt dort, wo die Pazifische mit der Australischen Platte zusammenstößt, und wie an derartigen Kollisionszonen üblich zieht sich durch den Untergrund ein ganzes Netz von Brüchen. Viele von ihnen sind unbekannt, und von den anderen ist in der Regel nicht klar, wie sie zusammenhängen.

Das Erstaunlichste am Christchurch-Beben war seine verheerende Wirkung. Die Magnitude war mit 6,3 nicht besonders groß und die neuseeländischen Bauvorschriften gehören was die Erdbebenvorkehrungen angeht zu den besten der Welt. Des Rätsels Lösung lag in den Beschleunigungen, die der Stoß auslöste. Die Werte waren sechs Mal höher als im September 2010, so hoch, wie sonst nur bei sehr starken Beben der Magnitude 8. "Es trafen etliche Faktoren zusammen, die die Bewegungen verstärkten, so dass der schlimmstmögliche Fall eintrat", sagt Bill Fry von GNS Science, dem Nachfolger des neuseeländischen Geologischen Dienstes. So traf es diesmal einen wirklichen Ballungsraum, kein dünnbesiedeltes Gebiet, und dieser Ballungsraum liegt im Wesentlichen auf sehr hartem Untergrund. "Weil dieses Gestein erst unter einem hohen tektonischen Stress in einem Beben reißt", erklärt Fry weiter, "setzt es dann sehr viel Energie frei. Zusätzlich lösten sich die Gesteinsschichten regelrecht voneinander und prallten dann zusammen, wobei wieder sehr viel Energie abgestrahlt wurde, diesmal in die Senkrechte."

Diese enorme Energie hat das Schwemmland, das auf dem harten Gestein liegt, ins Fließen gebracht. Die gefürchtete Bodenverflüssigung ließ im Geschäftszentrum der Stadt Gebäude umkippen und versinken, denn der Erdboden unter ihren Fundamenten verwandelt sich buchstäblich in einen zähfließenden Brei. "Der Sand im Untergrund wurde instabil und das Wasser darin ausgepresst", erklärt GNS-Geologin Caroline Holden, "dieses Wasser-Sand-Gemisch überflutete die Straßen von Christchurch. Wir mussten 150.000 Tonnen Sand entfernen." In den hügeligen Vororten der Stadt macht dagegen der instabile Untergrund Probleme. Die Stöße erschütterten die Hänge, Tausende von Häusern mussten evakuiert werden. Entweder waren ihre Fundamente unzuverlässig geworden, oder große Felsen drohten auf sie herabzufallen. Inzwischen hat die neuseeländische Regierung einen Plan für die gefährdete Zone vorgelegt. Rund 5000 Anwesen sind unbewohnbar, die Regierung wird sie ihren Eigentümern abkaufen.

Verwüstung in ChristchurchDie Geologen stehen vor einer ungleich schwierigeren Aufgabe: "Wir müssen wissen, ob dieses Beben nun ein sehr seltenes Ereignis war, oder ob es immer wieder vorkommt", sagt Bill Fry. Einblick in die Erdbebengeschichte von Christchurch gibt es auf der südlich gelegenen Banks-Halbinsel. "Dort liegen sehr große Felsblöcke, die von früheren Bergstürzen stammen", sagt Fry, "für uns ist wichtig, wann diese Bergstürze stattgefunden haben." Falls es zeitliche Häufungen gibt, bedeutete das, dass diese Blöcke nicht zufällig, sondern bei Erdbeben heruntergekommen sind - und zwar bei Beben, bei denen Verstärkungseffekte aufgetreten sind wie bei dem vom 22. Februar. Noch steht die Antwort aus - und die Forscher können nur hoffen, dass ein regnerischer Winter oder ein Nachbeben nicht noch weitere Hänge um Christchurch instabil werden lässt. Dann drohten weitere Felsstürze.

Verweise
Bild(er)