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Kein freudiges Ereignis

erstellt von holgerkroker zuletzt verändert: 06.06.2017 09:43

Am Larsen-C-Eisschelf vor der Ostküste der Antarktischen Halbinsel steht die Geburt eines gewaltigen Eisberges, doppelt so groß wie das Saarland, unmittelbar bevor. Das letzte große Schelfeisgebiet der Halbinsel steht vor dem Verlust von mehr als einem Zehntel seiner Fläche. Möglicherweise wird damit seine Auflösung eingeleitet.


Riss im Larsen-C-Schelf, aufgenommen durch das NASA-Projekt Icebridge. (Bild: NASA/Icebridge)

Aufnahme des Risses im Larsen-C-Schelf vor der Ostküste der Antarktischen Halbinsel, aufgenommen durch das NASA-Projekt Icebridge. (Bild: NASA/Icebridge)


In der Antarktis zeichnet sich die Geburt eines riesigen Eisberges ab. Ein Block, ungefähr doppelt so groß wie das Saarland, ist unmittelbar davor, sich vom Larsen-C-Schelf zu lösen und in den atlantischen Sektor des Südozeans zu driften. Ein Riss im Eis, den es bereits seit Jahrzehnten gibt, ist in jüngster Zeit mit gerade atemberaubender Geschwindigkeit gewachsen und nur noch wenige Kilometer von der Schelfeiskante entfernt. "Ich glaube, dass es nun nicht mehr lange dauern wird, vor allem weil er jetzt in Richtung Kalbungsfront zeigt", sagt Daniela Jansen, Glaziologin beim Alfred-Wegener-Institut in Bremerhaven. Wenn der Eisberg kalbt wird er zu den zehn größten jemals registrierten der Welt zählen.

Rissentwicklung im Larsen-C-Schelf, Karte des MIDAS-Projektes, Universität Swansea. (Bild: MIDAS-Projekt)

Rissentwicklung im Larsen-C-Schelf vor der Ostküste der Antarktischen Halbinsel, Karte des MIDAS-Projektes, Universität Swansea. (Bild:  MIDAS-Projekt)

In der letzten Mai-Woche allein ist der Riss nach Angaben des MIDAS-Projektes an der Universität Swansea um 17 Kilometer gewachsen und nur noch 13 Kilometer von der Eiskante entfernt. Das Projekt überwacht das Larsen-C-Schelf, das vor der Ostküste der Antarktischen Halbinsel die viertgrößte Schelfeisfläche des Südkontinents bildet. "Wenn der Block abbricht, wird Larsen C mehr als zehn Prozent seiner Fläche verlieren und so weit schrumpfen wie noch nie, seit wir es beobachten", erklärte MIDAS-Leiter Adrian Luckman, Professor für Glaziologie an der Universität Swansea. Die Wissenschaftler beobachten das Geschehen mit Hilfe der Erdbeobachtungssatelliten, die auch die Antarktis regelmäßig überfliegen und hochaufgelöste Bilder zur Erde funken.

Mit Spannung erwarten die Wissenschaftler die nächsten Bilder, die zeigen werden, ob sich die Front von Larsen-C tatsächlich abgelöst hat. "Wenn der Eisberg wirklich kalbt, wird sich zeigen, ob die Kalbungsfront stabil bleibt oder nicht", sagt Daniela Jansen, die bis vor kurzem auch an MIDAS beteiligt war, "unsere Vorhersage wäre, dass sich aufgrund der geänderten Spannungsverhältnisse an der Kalbungsfront die Schelfeiskante langsam bröckelnd weiter zurückzieht." Damit würde die Auflösung des derzeit noch 20.000 Quadratkilometer großen und selbst an der dünnen Eiskante 200 Meter dicken Schelfes beginnen. Wie dieser Prozess voranschreitet, konnten Wissenschaft und Öffentlichkeit am nördlich gelegenen Larsen-B-Schelf miterleben. Das zerbröselte innerhalb von 16 Jahren buchstäblich, nachdem 1986 der erste große Eisberg gekalbt war.

Detail des Risses im Larsen-C-Schelf vor der Ostküste der Antarktischen Halbinsel. (Bild: NASA)

Detail des Risses im Larsen-C-Schelf, aufgenommen vom MODIS-Instrument an Bord von NASA-Erdbeobachtungssatelliten. (Bild: NASA)

Die MIDAS-Forscher von der walisischen Universität Swansea haben das Geschehen von Anfang verfolgt. "Wir wissen jetzt, dass ein Schelf in drei Stufen auseinanderbricht", erklärt MIDAS-Forsche Bernd Kulessa, ebenfalls Glaziologieprofessor in Swansea. Demnach steht bei Larsen C die erste Stufe unmittelbar bevor: die Ablösung der Front, die als Eisberg wegdriftet. "Dieser vordere Teil hält alles zusammen, so dass in Stufe 2 der Rest des Eisschelfs regelrecht abzubröckeln beginnt und das Schelf immer schwächer wird", so Kulessa. Die dritte Stufe vollendet das Zerstörungswerk. An der Oberfläche sammelt sich Schmelzwasser entlang von Rissen, die die Eisplatte durchziehen und sickert durch diese Risse und Klüfte nach unten, bis es schließlich die Unterkante der Eisplatte erreicht. "Es werden schließlich so viele Seen", erklärt Bernd Kulessa, "dass sie den Rest des Eisschelfs destabilisieren, ihn regelrecht sprengen."

Bei Larsen-C wird man in den kommenden Jahren sehen, ob es auch diese drei Stadien durchläuft oder sich eventuell auch wieder stabilisiert. "Es gibt Wissenschaftler, die sagen, dass sich die Kalbungsfront einfach wieder mit der Zeit nach vorne verschieben wird", betont AWI-Glaziologin Daniela Jansen. Sollte das Schelf zerbröckeln wie seine beiden Schwestern Larsen A und B, würden die Gletscher an der Ostküste der Antarktischen Halbinsel ihre letzte nennenswerte "Bremse" verlieren und vermutlich beschleunigt ins Meer fließen.