Benutzerspezifische Werkzeuge
Sie sind hier: Startseite Wissen Keine Chance für Marsmännchen

Keine Chance für Marsmännchen

erstellt von holgerkroker zuletzt verändert: 11.09.2007 20:12

Von allen uns bekannten Planeten ist der Mars der Erde am ähnlichsten. Seine Atmosphäre ist zwar ausgesprochen dünn, doch was von ihr noch übrig ist, hat Ähnlichkeiten mit der frühen Erdatmosphäre. Heute gibt es an seiner Oberfläche kein flüssiges Wasser mehr, aber früher könnte es durchaus einmal so gewesen sein. Anzeichen dafür sind vorhanden. Daher rechneten sich Forscher und Raumfahrtagenturen immer wieder Chancen aus, das erste außerirdische Leben - oder zumindest seine Überreste - gerade auf unserem roten Nachbarplaneten zu finden. Die Rechnung wird wohl nicht aufgehen.

Mars war den allergrößten Teil seines bisherigen Lebens ein extrem lebensfeindlicher Planet, tiefgefroren und ohne flüssiges Wasser. Die berühmten Mars-Kanäle sind keine Kanäle oder Fluss-Systeme. "Flüssiges Wasser hat in den vergangenen drei oder sogar vier Milliarden Jahren keine Rolle gespielt", so Jean-Pierre Bibring vom Institut für Astro- und Weltraumphysik in Paris. Bibring betreut das Mineralogie-Spektrometer Omega an Bord der europäischen Sonde "Marsexpress", die seit Dezember 2003 den roten Planeten umkreist. Seine Aussage basiert auf den Daten, die das Spektrometer im Laufe eines Marsjahres von der kompletten Planetenoberfläche erhoben hat. Dem stehen die spektakulären Daten der beiden US-Marsfahrzeuge "Opportunity" und "Spirit" keineswegs entgegen, die seit nunmehr fast drei Jahren Detailinformationen von zwei Gebieten auf der Planetenoberfläche liefern. Beide fanden Anzeichen für Wasser, die jedoch offenbar aus einer ganz frühen Phase der Planetengeschichte stammen - und es waren regelrechte Säuren, die durch den Vulkanismus mobilisiert worden sind.

Dieser Blick bietet sich der Kamera des US-Marsfahrzeugs Opportunity am 959. Tag seiner Entdeckungsfahrt auf dem Roten Planeten. Foto: Nasa/JPL-Caltech

Inzwischen schält sich aus den Langzeitbeobachtungen heraus, dass es nur sehr kurze Zeit in der Marsgeschichte flüssiges Wasser gegeben hat. Professor Gerhard Neukum von der Freien Universität Berlin auf einer Pressekonferenz der Esa: "Die mögliche warme, feuchte Periode dauerte nur ein paar hundert Millionen Jahre und war schon vor vier Milliarden Jahren vorüber." Das zeigen Minerale, die die Marssonde in besonders alten Teilen der Planetenoberfläche entdeckt hat und die sich nur bilden, wenn flüssiges Wasser anwesend ist. Sehr zweifelhaft ist allerdings, ob es sich dabei um Gewässer handelte, Meere, Seen oder gar Tümpel. Davon gibt es keine Spur. Die Forscher freunden sich dagegen immer mehr mit der Idee an, dass der Mars Grundwasser gehabt habe, das durch die Hitze in seinem Inneren oder durch Einschläge flüssig gehalten wurde. Das Grundwasser veränderte die Gesteine, formte die Minerale, die heute aus dem Orbit heraus zu analysieren sind.

Lebenswert waren allerdings auch diese ersten paar 100 Millionen Jahre nur zum geringsten Teil. "Diese Periode dauerte vermutlich nicht mehr als ein paar Dutzend Millionen Jahre", vermutet Bibring. Die Minerale zeigen, dass das Wasser zu dieser Zeit basisch war, nicht unbedingt ideal für Leben ist, aber verglichen mit den darauf folgenden Zeiten geradezu paradiesisch. "Wenn sich Leben auf dem Mars entwickelte, dann in dieser Frühzeit", so der französische Geologe. Wenn man sich allerdings ansieht, wie lange es auf der Erde gedauert hat, bis sich Leben bildete, erscheint auch das reichlich unwahrscheinlich. Außerdem fehlten die großen Gewässer, die auf der Erde den Austausch unter den frühen Lebensformen ermöglichte. Das macht es höchst fraglich, ob die Evolution - falls sie in Gang gekommen ist - zu so etwas Komplexem wie einem Bakterium gelangen konnte und nicht auf sehr viel schlichteren Stufen hängen blieb.

Die Stereo-Kamera an Bord der Esa-Sonde "Marsexpress" hat dieses Bild des Kasei Vallis geliefert, einer gigantischen Struktur auf der Nordhalbkugel des Mars. Foto: Esa/DLR/FU Berlin

Lange überdauern hätten die Marsmikroben auf ihrem Heimatplaneten ohnehin nicht gekonnt. Als der Dynamo im Planeteninneren, der das Magnetfeld erzeugte, erlahmte, endete die "paradiesische" Phase abrupt. Ohne Widersacher Magnetfeld trug der Sonnenwind die vorhandene Uratmosphäre ungehindert davon - und so ist es noch heute. Gigantische Vulkanausbrüche, die vermutlich auch die Tharsis, das gewaltigste Vulkangebiet des Sonnensystems, hervorbrachten, führten zudem einen grundlegenden Wandel herbei, weil sie Unmengen an Schwefeldioxid zutage förderten. Wo es Grundwasser gab, entstand so Schwefelsäure, gewaltige Sulfatablagerungen bezeugen das - und auch die Messungen der amerikanischen Sonden. Seitdem ist der Mars öde, denn unter derart sauren Umständen konnte Leben nicht mehr entstehen. Mit viel Glück hätten extrem unempfindliche Organismen den harschen Bedingungen trotzen können, wenn sie sich in der kurzen Frühzeit hätten bilden können.

In der dritten, noch heute andauernden Periode der Marsgeschichte ist es nicht besser geworden. Ohne dichte Atmosphäre gibt es keinen Treibhauseffekt, ohne den es wiederum kein flüssiges Wasser gibt. Stattdessen gefriert alles Wasser, das bei Vulkanaktivitäten zutage tritt innerhalb kürzester Zeit. So etwas hat durchaus in der - geologisch gesehen - jüngsten Vergangenheit stattgefunden. "Am Fuß von Olympus Mons hat unsere Stereokamera Anzeichen für fließendes Wasser gesehen, die aus den vergangenen 30 Millionen stammen", so Neukum. Was sich allerdings nicht wie die vereinzelten Eiskappen im Bergschatten oder in Kratern halten kann, sublimiert augenblicklich und verschwindet im All.

In dieser wasserlosen Zeit hat der eigentlich helle Mars auch seine rote Farbe angenommen. Sie kommt nicht vom Rost, der durch das Zusammentreffen von Wasser und Eisen entsteht. "Die Oxidation kommt sehr wahrscheinlich durch eine Reaktion mit winzigen Spuren von Peroxid in der rudimentären Atmosphäre zustande", so Bibring. Betroffen davon sind allerdings nur die obersten Mikrometer der Oberfläche, und selbst dafür hat der Rote Planet Milliarden von Jahren gebraucht. Leben unter diesen Bedingungen ist für irdische Begriffe wohl kaum möglich.