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Keine Spur von Alberich

erstellt von holgerkroker zuletzt verändert: 31.01.2012 13:55

Deutschland gilt als rohstoffarmes Land, doch das stimmt nicht wirklich. Tatsächlich führen viele Flüsse zum Beispiel Gold, gibt es Silber in Niedersachsen oder im Erzgebirge und sogar eine möglicherweise abbauwürdige Lagerstätte von Seltenen Erden in Sachsen. Verglichen mit den Vorkommen von Rohstoffgiganten wie Südafrika oder Australien ist das zwar nicht der Rede wert, dennoch kann es ein interessantes Nebengeschäft sein.

Goldwaschen war bis zur Rheinbegradigung im 19. Jahrhundert kein schlechtes Geschäft (Bild: Wikimedia).Richard Wagner liegt mit seinem gewaltigen Opernzyklus gar nicht falsch, denn das Rheingold gibt es tatsächlich. Allerdings wird es nicht in massiver Form von Rheintöchtern gehütet und auch nicht barrenweise von einem übellaunigen Zwerg gestohlen, sondern es liegt fein als Flitter verteilt im Rheinkies. Das sind winzige Stückchen, die durch den Transport mit dem viel härteren Kies ganz flach geklopft wurden. Hin und wieder kommt auch ein Nugget zum Vorschein, ein - dann allerdings auch winziges - Klümpchen schwach silberhaltigen Goldes.

Eigentlich ist es ja Alpengold, denn der rheinische Goldflitter stammt aus der Churer Gegend in Graubünden oder gelangt über die Aare aus dem Napfgebiet zwischen Emmental und Luzern in den Rhein. Schon die Kelten haben Goldmünzen daraus geschlagen, und bis zur großen Flussbegradigung im 19. Jahrhundert wurde nach Historikerschätzung rund eine Tonne dieses Seifengoldes aus dem Fluss gewaschen. Und der Rhein ist bei weitem nicht der einzige. Aus dem thüringischen Flüsschen Schwarza mit seinen nur 53 Kilometern Länge hat man seit dem Mittelalter sogar rund vier Tonnen Gold gewonnen, sächsische und bayrische Flüsse brachten zusammen noch einmal etwa eine Tonne Gold. "Das größte Potenzial liegt hierzulande in den Flüssen", sagt Harald Elsner, Wirtschaftsgeologe bei der Deutschen Rohstoffagentur in Hannover.

Nennenswerte Vorkommen an Berggold, also Erzadern im Festgestein, gibt es dagegen nach derzeitigem Kenntnisstand nicht. Und deshalb wird Deutschland beim Gold auch nie reüssieren. Immerhin sollen im Gebiet des Eisenbergs bei Korbach in Nordhessen noch 900 Kilogramm schlummern. "Doch das ist viel zu wenig für eine kommerzielle Ausbeutung durch große Goldfirmen", sagt Goldexperte Elsner. "Goldgewinnung allein wird sich nirgendwo in Deutschland lohnen", sekundiert sein Kollege Uwe Lehmann vom Sächsischen Landesamt für Umwelt, Landwirtschaft und Geologie. Auch bei anderen Edelmetallen sieht es nicht besser aus. Thomas Gutschlag, Vorstand der Deutschen Rohstoff AG, sieht bei Platin noch weniger Potenzial als bei Gold, nur an Silber sei in den Blei-Zink-Lagerstätten im niedersächsischen Rammelsberg oder im Erzgebirge Etliches zu erwarten. "Aber", so Gutschlag, "das lohnt immer nur als Beiprodukt zum Blei- oder Zinkbergbau."

Rohstoffvorkommen auch in Deutschland

Eine Goldwaschrinne, wie sie heutzutage auch an deutschen Flüssen eingesetzt wird (Bild: Wikimedia/Nienetswiler).Doch gar so rohstoffarm, wie oft gesagt, ist Deutschland keineswegs, es ist eher unterexploriert. Ein Befund, der offenbar für ganz Europa gilt. "Der Kontinent ist reich an mineralischen Rohstoffen und hat eine sehr lange Bergbautradition, aber in jüngster Zeit ist die Produktion immer stärker zurückgegangen", kritisierte unlängst Patrick Redmond, Explorationsmanager für Europa und Afrika beim kanadischen Rohstoffgiganten Teck Resources auf der Jahrestagung der Europäischen Geowissenschaftlichen Union in Wien. Es gibt bedeutende Lagerstätten für Kupfer, Zink und Nickel. "Die hiesigen Zinnvorkommen gehören zu den größten noch unerschlossenen der Welt", betont auch Thomas Gutschlag, "und die Blei-Zink-Vorkommen gehörten zu den besten der Welt." 

In Sachsen sucht Gutschlags Unternehmen nach den in jüngster Zeit so bekannt gewordenen Seltenen Erden. Das sind Elemente, die für einen großen Teil der Zukunftstechnologien benötigt werden, vom iPad bis zur Windturbine. In Storkwitz hatten schon Geologen der DDR in größerer Tiefe die Lagerstätte mit so exotischen Elementen wie Lanthan, Cer, Praseodym, Neodym, Europium, Yttrium und Niob gefunden, doch damals hatte man für so etwas keine Verwendung. Inzwischen hat sich das geändert, und das sächsische Vorkommen könnte immens interessant werden. Allerdings muss man sich  erst einmal genauer umsehen, die Gehalte an den interessanten Elementen und die Lage und Größe des Vorkommens müssen genau bestimmen. Erst dann kann geklärt werden, ob es etwas wird mit dem Erzbergbau in Sachsen. Die Nachfrage nach den exotischen Elementen steigt jedenfalls rasant, und das Verhalten des derzeitigen Quasimonopolisten China, der eine rigide Exportkontrolle ankündigte, hat in den Industriestaaten die Alarmglocken schrillen lassen.

Weniger strategisch ist die Goldförderung an deutschen Flüssen auf jeden Fall. Zwar sind diese Vorkommen trotz jahrhundertelanger Nutzung keineswegs erschöpft, doch kommt das Edelmetall nur in homöopathischen Dosen vor: Rund zehn Milligramm pro Tonne hat Harald Elsner für den Rhein ermittelt und in Sachsens "Goldflüssen" Elbe oder Göltzsch sieht es auch nicht besser aus: Die meisten Proben, die Uwe Lehmann gesehen hat, ergeben Goldgehalte von ein bis zwei Milligramm pro Tonne, hart an der Nachweisgrenze. Allerdings sind auch ein paar "Ausreißer" mit Gehalten von zehn Milligramm und etwas darüber dabei.
Trotzdem fördert ein Kieswerk am Mittelrhein neben einer halben Million Tonnen Sand und Kies auch ein paar Kilogramm Gold im Jahr. Das Kieswerk Rheinzabern bei Landau, das zum Schweizer Baustoffkonzern Holcim gehört, hat als erstes eine bergbaurechtliche Genehmigung zur Goldgewinnung erhalten. Hier sollen jährlich etliche Kilogramm Gold anfallen, doch die genauen Zahlen hält das Unternehmen unter Verschluss. Bei rund 500.000 Tonnen Kies Jahresproduktion mit etwa zehn Milligramm Gold pro Tonne, fallen rein rechnerisch immerhin bis zu fünf Kilo Gold pro Jahr an, doch für einen Goldrausch reicht es in der Pfalz offenbar nicht. "Unser Hauptgeschäft ist weiterhin Kies und Sand für die Zementindustrie", wehrt Unternehmenssprecherin Sabine Schädle ab.

Dennoch kann die Ausbeute nicht so gering sein, denn Holcim hat aufwendige Technik installiert, die in der Stunde 140 Tonnen Sand durchsieben kann. Eine Zentrifuge trennt die sogenannte Schwermineralfraktion, in der sich auch das Gold befindet, vom Sand, über eine Kaskade von Sieben und Rütteltischen wird immer feiner gefiltert, bis am Ende Goldflitter übrigbleiben. Das Unternehmen betont, dass außer diesem physikalischen Filterprozess keine chemische Reinigung des Edelmetalls stattfinde und spricht deshalb sogar von "Biogold".

Rheingold aus dem Kieswerk

Die Altrheinarme sind die Reste des unbegradigten Flusses, speziell am Oberrhein findet man in den dortigen Kieslagen Goldflitter (Bild: Wikimedia/Pedelecs).Preistreibender dürfte allerdings die Herkunftsbezeichnung sein: Das Gold wird vor Ort eingeschmolzen und als Rheingold an Goldschmiede verkauft. Dadurch können Preise erzielt werden, die sogar noch über denen der jüngsten Goldpreis-Hausse liegen. "Mit so einer Marketing-Idee ist das rentabel", ist Uwe Lehmann überzeugt. Was in Rheinzabern funktioniert, sollte auch in anderen Kieswerken klappen. Und oft braucht man auch keine aufwendige Zentrifuge, klassische Waschrinnen sind ausreichend. Bei ihnen fließt das Sand-Wassergemisch über Filterteppiche, in denen sich das goldhaltige Schwermineralkonzentrat fängt. Die müssen dann eben regelmäßig ausgewaschen werden. "Auf so ein Beiprodukt zu verzichten, wäre töricht", sagt der Sachsengold-Experte. 

Für reinen Edelmetallbergbau sieht es dagegen in Deutschland schlecht aus. "Es gibt schlicht zu wenig gewinnbringende Vorkommen", erklärt Thomas Gutschlag von der Deutschen Rohstoff AG. Aus einem dortigen Steinbruch gewann das Unternehmen ein paar Kilo Silber im Jahr, die dann auch geprägt wurden. Aber das war eher Spielerei als ernsthafte Tätigkeit, inzwischen sind die Schürfrechte verkauft worden. Im Erzgebirge wollen ein paar Unternehmen trotzdem noch einmal in die Fußstapfen des traditionsreichen Silberbergbaus treten. In Freiberg, Schneeberg und Wolkenstein wurden Abbaugenehmigungen beantragt. Was daraus wird, ist offen. "Ich wünsche ihnen viel Glück", meint Rohstoff-Fachmann Uwe Lehmann. 

Die bislang jüngste Suche nach Berggold wurde 2009 eingestellt. Gutschlags Unternehmen hatte im oberpfälzischen Gütting ein Vorkommen geprüft, das in den 1980er- und 90er-Jahren auch schon die Preussag und den deutschen Ableger des Bergbau-Multis Rio Tinto angelockt hatte. "Wir sind einer Theorie nachgegangen, die sich dann allerdings als falsch herausstellte", zieht Gutschlag Bilanz. Zwar fand man in den Proben Gold, "das war allerdings viel zu wenig", so Gutschlag, "für einen kommerziellen Abbau". Bei der Rohstoff AG hat man daraus Konsequenzen gezogen. Das Unternehmen sucht in Australien nach Gold und konzentriert sich in Deutschland auf Zinn und Seltene Erden.