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Klarheit im Eis

erstellt von holgerkroker zuletzt verändert: 20.12.2012 16:31

In den Eisschilden an den Polen sind rund zwei Drittel des irdischen Süßwassers gespeichert. Ihr Verhalten bei steigenden Temperaturen hat direkte Auswirkungen auf den Rest der Welt, denn das schmelzende Eis der Antarktis oder Grönlands fließt in die Weltmeere und lässt deren Spiegel steigen. Dennoch herrschte bisher Uneinigkeit unter den Forschern, wie sich denn die vier großen Eismassen der Erde tatsächlich verhalten. Ein gewaltiges Gemeinschaftsprojekt hat jetzt Einvernehmen hergestellt.

Die Spätsommersonne geht über Adelaide Island an der Antarktischen Halbinsel unter. (Bild: BAS/Hamish Pritchard)Drei der vier großen Eismassen der Erde - Grönland, die Antarktische Halbinsel und die Westantarktis - schwinden, die vierte - die Ostantarktis - wächst noch ein kleines bisschen, kann den Schwund aber nicht ausgleichen. "Seit 1992 haben die Eisschilde etwas mehr als elf Millimeter zum globalen Meeresspiegelanstieg beigetragen, das ist rund ein Fünftel der gesamten Steigerung", erklärte Andrew Shepherd, Professor für Erdbeobachtung an der Universität Leeds auf einer Pressekonferenz des Wissenschaftsjournals "Science". "Allerdings ist das ein Durchschnittswert über die gesamten drei Jahrzehnte hinweg", ergänzt sein Kollege Michiel van den Broeke von der Universität Utrecht, "für die jüngsten Jahre liegt der Anteil eher bei 30 bis 40 Prozent." Shepherd und van den Broeke gehören zu IMBIE, einer Gruppe von 47 Erdbeobachtungsspezialisten, die auf Anfrage des zwischenstaatlichen Klimarates IPCC die verfügbaren Satellitendaten zur Veränderung der Eismassen sichteten und unter einen Hut zu bringen versuchten.

Viele Tausend Tonnen Schmelzwasser transportiert dieser Abflusskanal von der Gletscheroberfläche. (Bild: Ian Joughin)"Seit 1989 hat es über 30 verschiedene Abschätzungen gegeben, welchen Beitrag die Eisschilde zum Anstieg des Meeresspiegels leisten", so Shepherd, "und unglücklicherweise gab es einige Unterschiede." Sein Kollege Robert Bindschadler vom Goddard Raumfahrtzentrum der Nasa, der nicht zu IMBIE gehört, drückt es drastischer aus: "Es schwirrten so viele Zahlen durch den Raum, wie sollte man da nicht verwirrt werden!" Die IMBIE-Studien, die jetzt in "Science" veröffentlicht wurden, haben diese schon bekannten Daten von zehn Satellitenmissionen in einen einheitlichen Zusammenhang gebracht. Die Widersprüche verschwanden weitgehend und die Zuverlässigkeit der Beobachtung stieg rasant. "Mit den nun veröffentlichten Ergebnissen haben wir die Genauigkeit mehr als verdoppelt", betonte Helmut Rott, Professor für Fernerkundung an der Universität Innsbruck und ebenfalls IMBIE-Mitglied, in einer Presseerklärung der Universität. Shepherd erwartet, dass der Datensatz des Projektes so etwas wie den Maßstab für die Diskussion um die Eismassen liefern wird.

Der Ilulissat Fjord auf Grönland mit dem Jakobshavn Eisstrom. (Bild: Ian Joughin)Nach den IMBIE-Daten verlor Grönland in den zwei Jahrzehnten Satellitenüberwachung im Durchschnitt 152 Giga-, also Milliarden Tonnen Eis pro Jahr, wobei die Werte im Lauf der Zeit anstiegen und für die jüngsten Jahre bei 263 Gigatonnen liegen. "Heute schmilzt in Grönland etwa fünf Mal so viel Eis ab, wie noch in den 1990er Jahren", so Rott. In der Westantarktis betrug die Durchschnittsrate 65 Gigatonnen und auf der Antarktischen Halbinsel 20 Gigatonnen. Auch über den Giganten im System, den ostantarktischen Eisschild haben die IMBIE-Forscher Einvernehmen erzielt. Er legt durchschnittlich 59 Gigatonnen pro Jahr zu, vor allem durch vermehrten Schneefall auf der fast 4000-Meter- Eiskappe im Inneren des Kontinents. Alles in allem haben daher die Eisschilde bislang rund 4000 Gigatonnen Eis verloren und in die Weltmeere abgegeben.

Das Verhalten der Eisschilde wird die Aufwärtsbewegung des Meeresspiegels in den kommenden Jahren bestimmen. "In den 90er-Jahren waren die thermale Ausdehnung des Wassers und die Abflüsse aus den nichtpolaren Gletschern bestimmend", betonte der Utrechter Forscher Michiel van den Broeke, "aber die großen Eisschilde haben in der vergangenen Dekade aufgeholt und üben bereits jetzt sehr großen Einfluss aus." Für die Zukunftsprojektionen wird der IMBIE-Datensatz eine wichtige Grundlage bilden, obwohl sich die beteiligten Forscher lieber nicht über die zukünftige Entwicklung äußern. Im kommenden 5. Bericht des IPCC werden ihre Ergebnisse auf jeden Fall schon verarbeitet sein.

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