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Kletternde Urmutter

erstellt von holgerkroker zuletzt verändert: 11.10.2011 14:14

Die sogenannten Höheren Säugetiere gehören zu den erfolgreichsten Tiergruppen der Erdgeschichte, 90 Prozent aller heutigen Säugetiere zählen dazu. Ein Fossil aus der an Überraschungen so reichen chinesischen Provinz Liaoning zeigt jetzt, dass diese auch Plazentatiere genannte Gruppe offenbar sehr alt ist und aus dem mittleren Jura stammt. Das Fossil mit Namen Juramaia sinensis wurde in "Nature" vorgestellt.

Jagender UrsäugerDie Plazentatiere, also Säugetiere mit einer Gebärmutter, haben sich heute gegenüber ihren Verwandten, den Beuteltieren oder den Kloakentieren klar durchgesetzt. Doch es war ein langer Weg bis dahin, und er dauerte offenbar noch 35 Millionen Jahre länger als man bisher glaubte. Das zeigt das 165 Millionen Jahre alte, nur wenige Zentimeter große Fossil von Juramaia sinensis. "Juramaia ähnelte einer Spitzmaus und wog nur wenige Gramm", erzählt ihr Entdecker Zhe-Xi Luo vom Carnegie Museum für Naturgeschichte in Pittsburgh. Die jurassische Spitzmaus lebte in einer angenehmen und warmen Seenlandschaft, die heute Teil der für ihre Fossilien inzwischen berühmten nordchinesischen Provinz Liaoning ist. 

 

Im Jura lebten hier kleine Dinosaurier, Amphibien, Insekten und eben auch Säugetiere wie im Paradies. "Von Juramaia blieb nur die vordere Hälfte des Tiers als Versteinerung erhalten", meint Luo, "aber daraus können wir viel ablesen." So zeigen zum Beispiel die Handknochen und die Schulterpartie, dass das Tier auf Bäumen herumkletterte und dort nach Insekten jagte - und damit dann doch ein anderes Leben als heutige Spitzmäuse führte. Vor allem aber stand Juramaia im evolutionären Stammbaum ganz nah an der Stelle, an der sich die Entwicklung von Beuteltieren und Plazentatieren trennte. 

 

Juramaia-Fossil"Normalerweise wird Weichgewebe wie die Plazenta nicht überliefert", meint Luo, "aber wir haben die Handknochen und vor allem die Zähne, und die verraten uns, wohin Juramaia gehört." Juramaia selbst hatte wohl keine Gebärmutter, vermutet der Paläontologe, aber ihre Backenzähne sehen viel mehr wie die von Plazentatieren als die von Beuteltieren aus. Daher ist sich Zhe-Xi Luo sicher: "Wir können das Tier unserer Ahnenreihe zuordnen." Vermutlich ist Juramaia die Urgroßtante der inzwischen so erfolgreichen Gruppe, die 94 Prozent aller Säugetiere umfasst. Juramaia ist außerdem der Beleg dafür, dass die Säugetiere in der ersten, ausgedehnten Phase ihrer Entwicklung eine ziemlich dynamische Evolution durchliefen. Treibende Kraft dahinter war, so Zhe-Xi Luo, die Anpassungsfähigkeit der Säugetiere an immer neue ökologische Nischen, die sich in der von Dinosauriern dominierten Welt des Erdmittelalters für andere Wirbeltiere ergaben. "In der Säugetierevolution spaltete sich aus den gemeinsamen Vorfahren eine Gruppe nach der anderen ab. Als erste waren es die Kloakentiere, dann spalteten sich die Plazentatiere und die Beuteltiere ab, die beide lebende Junge gebären. Im Schatten der Dinosaurier liefen also viele Veränderungen."

 

Juramaia sinensisMit ihrem hohen Alter bring Juramaia sinensis die fossile Überlieferung wieder in Einklang mit den Ergebnissen verschiedener molekularbiologischen Uhren. Das sind komplexe Stammbäume, die aus dem Erbgut von heutigen Lebewesen ihren Verwandtschaftsgrad und den Zeitpunkt errechnen, an dem sich ihre Entwicklung voneinander trennte. Diese genetischen Informationen hatten gezeigt, dass es seit etwa 160 Millionen Jahren Plazentatiere geben müsste. Mit ihren 165 Millionen Jahren könnte Juramaia an der Wurzel dieser Entwicklung gestanden haben und durch die Erschließung der Bäume als neuem Lebensraum sich und ihren Nachfahren frühzeitig einen evolutionären Vorteil gegenüber den Beuteltieren verschafft haben.

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