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Klimagewinnler an der Baumgrenze

erstellt von holgerkroker zuletzt verändert: 19.07.2017 09:39

In den meisten Hochgebirgen macht sich der Klimawandel bereits bemerkbar. Gletscher schwinden, Permafrost zieht sich zurück und lässt Felstürme instabil werden. Doch es gibt auch Profiteure. Forstökologen der Eidgenössischen Technischen Hochschule Zürich haben an der Baumgrenze nach ihnen gesucht und sie besonders unter Lärchen gefunden.

 

In den Zentralalpen liegt die Baumgrenze mit 2500 Metern am höchsten im gesamten Alpenraum. (Professur für Waldökologie/ETHZ)

In den Zentralalpen liegt die Baumgrenze mit 2500 Metern am höchsten im gesamten Alpenraum. (Professur für Waldökologie/ETHZ)

 

Der Klimawandel kennt im Hochgebirge auch Gewinner. Während es Gletschern und Permafrostarealen bei steigenden Temperaturen an den Kragen geht, erweitert sich für Pflanzen und speziell Bäume der Lebensraum in höhere Regionen. Da die Baumgrenze vor allem durch die Temperatur bestimmt wird, steigt sie, wenn es wärmer wird. "Und daher würde man meinen, dass der Klimawandel positiv für die Bäume ist", meint Matthias Jochner vom Department für Umweltsystemwissenschaften der ETH Zürich. Genau geprüft hat diese Hypothese allerdings noch niemand.

An der Professur für Waldökologie der ETH ist die Arbeitsgruppe, zu der Matthias Jochner gehört, dieser Frage jetzt nachgegangen und stieß auf durchaus überraschende Antworten. Auf der Jahrestagung der Europäischen Geowissenschaftlichen Union in Wien berichtete der Doktorand über die Ergebnisse. So gibt es messbare Unterschiede zwischen den vier einheimischen Nadelbaumarten, die die Wissenschaftler betrachtet haben. "Die Lärche zeigt definitiv das stärkste Signal", so Jochner, "die Bergföhre und die Zirbe reagieren dagegen nicht so stark und die Fichte ist von der Magnitude her in der Mitte."

 

Blick über die Baumgrenze in den Nordalpen. (Bild: Professur für Waldökologie/ETHZ)

Blick über die Baumgrenze in den Nordalpen. (Bild: Professur für Waldökologie/ETHZ)

 

Die Wissenschaftler haben in drei Untersuchungsgebieten das Baumwachstum an und knapp unterhalb der Baumgrenze gemessen. "Wir beproben die Bäume mit Hohlbohrern und können dann den Zuwachs der Bäume, den man anhand der Baumringe sieht, rekonstruieren", erklärt Jochner. Untersucht wurden die Bäume im Hohgant-Gebiet des Berner Oberlandes, im Tessiner Maggia-Tal und bei Zermatt im Wallis, sodass die drei Klimaregionen der Schweizer Alpen, Nord- Süd- und Zentralalpin, abgedeckt wurden.

Besonders schnell regieren offenbar die Lärchen, sie besiedeln die höheren Bereiche als erste. Dabei hängt es offenbar von der individuellen Wachstumsstrategie der einzelnen Lärche ab, ob sie von der Erweiterung des Lebensraums profitieren kann. "Es gibt Bäume, die im Spätsommer des Vorjahres sehr stark Reserven für das nächste Jahr bilden", berichtet der Schweizer Doktorand, "und es gibt Bäume, die ihr Wachstum hauptsächlich aus dem aktuellen Jahr beziehen." Vor allem letztere sind in den neu erschlossenen Gebieten zu finden, scheinen also vom Klimawandel besonders begünstigt zu sein.

 

Baumpioniere gelangen in den Alpen in immer größere Höhen. (Bild: Professur für Waldökologie/ETHZ)

Baumpioniere gelangen in den Alpen in immer größere Höhen. (Bild: Professur für Waldökologie/ETHZ)

 

Allerdings dominiert die sommergrüne Nadelbaumart nur in einem schmalen Band knapp unterhalb der Baumgrenze. Jochner: "Schon 100 Meter unterhalb ist der Trend schon fast nicht mehr messbar, vermutlich weil andere Baumarten die Lärche, die sehr lichtbedürftig ist, zu verdrängen beginnen." Dort rücken dann Kiefer und Fichte nach. Je nach Klimaregion kommen die Bäume dabei unterschiedlich hoch. "Wir bewegen uns im Norden auf einer Höhe von 2000 Meter, im Süden auf 2200 Metern, und in der innerschweizerischen Zentralalpenregion sogar auf 2500 Metern", berichtet Matthias Jochner. Das ist für jede Klimaregion ein im Vergleich zur Mitte des 20. Jahrhunderts spürbarer Anstieg der Baumgrenze.