Benutzerspezifische Werkzeuge
Sie sind hier: Startseite Wissen Knappe Versorgung

Knappe Versorgung

erstellt von holgerkroker zuletzt verändert: 01.07.2011 11:18

440 zivile Kernreaktoren laufen auf der Welt mit 376 Gigawatt Leistung. Internationale Organisationen wie die Atomenergiebehörde IAEA oder die Energieagentur der OECD erwarten, dass die installierte Leistung in den kommenden 20 Jahren um 50 bis 100 Prozent zunehmen wird - Fukushima zum Trotz. Sie alle werden mit Uran betrieben, doch die Exploration zusätzlicher Vorkommen ist in den vergangenen Jahrzehnten sträflich vernachlässigt worden. Am IAEA-Sitz in Wien berieten jetzt Fachleute über neue Uranvorkommen und -explorationsmethoden. Doch auch so könnte mittelfristig ein Engpass in der Versorgung entstehen.

Nord-QuébecDer Norden der franko-kanadischen Provinz Québec ist spärlich bewohntes Waldgebiet. Zwischen der Hudson-Bai im Westen und dem St-Lorenz-Strom im Osten dehnen sich endlose Nadelwälder, gesprenkelt mit zahllosen Seen. Bislang war der Norden für die meisten Québecoises, die in dem schmalen Gebiet zwischen Montréal und Québec wohnen, wenig interessant. Doch das mag sich ändern, denn im Untergrund dieser eintönigen Wildnis schlummert offenbar ein Schatz, der in Zukunft sehr wertvoll werden dürfte. "Vor fünf oder sechs Jahren ließ das Rohstoffministerium der Provinz eine Untersuchung der Seen im Norden Québecs durchführen", erzählt Michel Cuney, Forschungsdirektor beim französischen Wissenschaftsrat CNRS, "und sie fanden zu ihrer Überraschung einen hohen Urangehalt im Sediment." Cuney wird in Fachkreisen auch "Dr. Uran" genannt, denn er ist einer der führenden Experten für Uranvorkommen und beschäftigt sich seit 40 Jahren mit den Lagerstätten dieses Schwermetalls.

Der Franzose fürchtet für die kommenden Jahre eine Verknappung der Uranvorräte, auch wenn die offiziellen Berichte der Internationalen Atomenergiebehörde IAEA und der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit OECD sich beruhigend anhören. In deren jüngstem Uran-Bericht für das Jahr 2009 ist davon die Rede, dass die bekannten Uranressourcen noch rund 100 Jahre lang reichen werden. Allerdings wird diese Schätzung mit der Einschränkung versehen, dass der Uranverbrauch in den Kernkraftwerken der Welt auf dem Niveau des Jahres 2008 bleibt. Das aber erscheint unrealistisch, prognostiziert doch dieselbe IAEA einen Anstieg der Kernkraftwerks-Kapazität bis zum Jahr 2035 auf 546 bis 803 Gigawatt. Derzeit sind 376 Gigawatt installiert. Die Prognose stammt zwar aus der Zeit vor dem Reaktorunfall in Fukushima, doch die hat bislang nur ganz wenige Staaten am Nutzen der Kernenergie zweifeln lassen. Schnell wachsende Volkswirtschaften wie Indien oder China, oder rohstoffarme Staaten wie Japan kommen an der Kernenergie kaum vorbei, um ihren Strombedarf zu decken.

Die 100 Jahre Reichweite können sich daher im Handumdrehen halbieren, vor allem können in den kommenden Jahren richtige Engpässe auftreten, weil die Uranexploration seit rund 30 Jahren nur auf Sparflamme geschah. Der Grund: Bis vor kurzer Zeit gab es das Metall auf den internationalen Spotmärkten zum Spottpreis von sieben Dollar pro Pfund Uranoxid - ein hervorragendes Geschäft für die Kraftwerksbetreiber, aber absolut abschreckend für jedes Rohstoffunternehmen. Dass auch die Atomenergiebehörde mittelfristig ein Problem in der Uranförderung sieht, signalisierte ein Expertentreffen, das jetzt am IAEA-Sitz in Wien stattfand. Rund 100 Geologen diskutierten die aktuelle Situation und die Prognosen für die Zukunft.

Immerhin sind Ramschpreise für Uran Schnee von gestern. Seit 2006 schoss der Uranpreis in schwindelerregende Höhen und erreichte 2008 ein Rekordhoch von 145 Dollar pro Pfund, weil offenbar Rohstoffspekulanten das Metall für sich entdeckt hatten. "Das war absolut unrealistisch", betont Cuney, "und der Preis ist in der Finanzkrise auch wieder auf 45 Dollar gefallen." Vor Fukushima hatte der Uranpreis wieder 70 Dollar erreicht, brach dann aber wieder um 15 bis 20 Prozent ein, "aber", so Cuney, "das ist immer noch meilenweit vom niedrigen Niveau vor 2006 entfernt". Das Interesse der Rohstoffindustrie ist daher wieder geweckt, doch es gibt ein gravierendes Problem. "Das Fachwissen ist weitgehend verloren gegangen", berichtet Dr. Uran, "weil nur noch wenige Explorationsgeologen aktiv sind. Geologie ist komplex, um die Daten zu interpretieren, braucht man sehr viel Training und Erfahrung. Ein guter Explorationsgeologe wird man nicht nach drei Jahren, dazu braucht es mindestens zehn Jahre Erfahrung."

UranförderungHinzu kommt, dass die großen oberflächennahen Vorkommen nahezu alle erschlossen sind. In Australien und in der kanadischen Provinz Sasketchewan wird der größte Teil des derzeit angebotenen Urans gefördert, und die Minen können nur mit großen Investitionen vergrößert werden. "Es ist geplant, die Produktion der Olympic Dam-Mine in Südaustralien zu vervierfachen", erklärt Cuney, "aber das kostet 15 Milliarden Dollar." Zudem ist dort die Uranförderung an diejenige von Gold und Kupfer gekoppelt, denn allein für Uran lohnt sich der untertägige Bergbau nicht. Neue Vorkommen werden daher dringend benötigt - und da könnte sich die Explorationsfaulheit der Vergangenheit bitter rächen. "Zwischen der Entdeckung eines Vorkommens und seiner wirtschaftlichen Ausbeutung vergehen leicht 20 Jahre", so Cuney, "und die Exploration hat erst vor fünf oder sechs Jahren wieder begonnen."

Auch in Québec wird es noch viele Jahre dauern, bis klar ist, ob die Provinz zu einem Uranförderzentrum aufsteigt oder nicht. "Wir rechnen damit, dass wir mindestens zehn Jahre brauchen, um das erste wirtschaftlich attraktive Vorkommen zu finden", so Cuney. Denn bisher dachte man, dass in den uralten Gesteinen der Provinz nichts zu finden sei - folglich gibt es auch keine näheren Informationen. Die hohen Urangehalte in den Seesedimenten belegen nur, dass irgendwo in den Weiten Nord-Québecs Gestein mit hohen Urangehalten schlummern muss, aus dem das Schwermetall ausgelaugt wurde, das über die Flüsse in den Seen landete. Die Kunst ist es jetzt, diese interessanten Vorkommen zu finden, und mit etwas Glück sind diese dann auch noch wirtschaftlich abbaubar.

Verweise
Bild(er)