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Koloss auf tönernen Füßen

erstellt von holgerkroker zuletzt verändert: 30.01.2012 18:57

Angkor, die Hauptstadt des alten Khmer-Reiches, gehört wie die Maya-Städte Mittelamerikas zu den Stätten der Hochkultur, die sich die Natur wieder zurückholte. Nach ihrem Fall im 15. Jahrhundert versank die Stadt im Dschungel Kambodschas. Über die Ursache für den Untergang Angkors wird heftig gestritten, doch immer mehr kristallisiert sich heraus, dass eine gravierende Umweltverschlechterung eine entscheidende Rolle gespielt hat. Das Khmer-Reich wäre damit eines der menschlichen Gemeinwesen, die vor allem durch Naturgewalten zerstört wurden.

Auf dem Radarbild einer Nasa-Vermessungskampagne kann man die Wasserbecken von Angkor gut erkennen (Bild: NASA).Die jüngsten Erkenntnisse über die Umweltprobleme des Khmer-Reiches stammen aus Großbritannien. Mary Beth Day, Forschungsstudentin an der Fakultät für Geowissenschaften der Universität Cambridge hat das Bewässerungssystem erforscht, mit dem die Khmer ihre Hauptstadt und die umliegenden Agrarflächen versorgten. "Das Wassermanagementsystem der Khmer erstreckte sich über eine Fläche von rund 1000 Quadratkilometern", schildert Day, "es ist ein ausgeklügeltes System mit Kanälen, Dämmen, Teichen und Barays, also Wasserspeichern." Diese gewaltige Infrastruktur wurde genutzt, um während des Sommermonsuns Wasservorräte anzulegen und Flusswasser heranzuschaffen. So konnte das Volk seine Reisfelder rund ums Jahr bewässern und mehrere Ernten einfahren.

Reis war die Nahrungsgrundlage des Khmer-Reichs, und lange blühte dieses Reich. Vom 9. bis ins 14. Jahrhundert waren die Khmer eine Großmacht, die den größten Teil der Halbinsel Indochina beherrschte. Angkor war eine der größten Metropolen der damaligen Welt mit prachtvollen Tempeln und Palästen, manche Forscher schätzen, dass rund eine Million Menschen auf dem Gebiet lebten, das der Hauptstadt heute zugerechnet wird. Doch im 12. Jahrhundert begann offenbar der Niedergang, der im 15. Jahrhundert in einem schnellen Fall endete: 1431 wurde Angkor von Truppen des benachbarten Thai-Reiches Ayutthaya erobert, und damit endete die Existenz des Khmer-Reiches als unabhängige Großmacht. Die Stadt selbst wurde aufgegeben und die Bewohner zogen sich nach Süden in die Gegend von Phnom Penh zurück.

Doch verlorene Kriege mit dem westlichen Nachbarn waren nicht der einzige Sargnagel des Khmer-Reiches. Offenbar wurde seine Stärke von anderer Seite dauerhaft ausgehöhlt. Mary Beth Day hat dafür deutliche Anzeichen in einem Sedimentbohrkern gefunden, den sie im größten Wasserbecken Angkors gezogen hat. "Wir können daran die Umweltbedingungen während der vergangenen 1000 Jahre ablesen, und die haben sich extrem verändert." Die Analyse vom Baumringen hatte zuvor bereits ergeben, dass der heute so üppig wuchernde kambodschanische Regenwald durchaus auch Trockenheit kannte. 

Der Tempel von Angkor Wat ist heute eine der größten Sehenswürdigkeiten Kambodschas (Bild: Wikimedia/Björn Christian Törrissen).Im 14. und 15. Jahrhundert wechselten sich in Südostasien Zeiten jahrzehntelanger Dürre mit extrem niederschlagsreichen Perioden ab. In Angkor zerstörten dann katastrophale Starkregenfälle die Bewässerungsanlagen, die in den Dürreperioden dringend gebraucht wurden: Denn meist waren die Jahre viel zu trocken, manchmal blieb der Regen ganz aus. "Damals fiel der Wasserstand im Baray, und weil es weniger regnete, wurde sehr viel weniger Sediment in das Becken gespült", berichtet Day. Diese Veränderungen liefen genau zu der Zeit ab, als das Wassermanagementsystem kollabierte, die Menschen fortzogen und die Hauptstadt aufgaben. Der Bohrkern verrät, was dann passierte. Solange die Menschen das Land beackerten, hatten sie die Verwitterung vorangetrieben. Danach gelangte wesentlich schwächer verwittertes Sediment in das Becken. Außerdem veränderte sich nach dem Untergang der Stadt die Ökologie in dem Baray. Plötzlich lebten andere Pflanzen und Algen darin. 

"Diese Klimaverschlechterungen im 14. und 15. Jahrhundert wurden durch Veränderungen im Monsun angetrieben", erläutert Mary Beth Day, "das Klima befand sich im Übergang von einer Klimaanomalie in die andere, von der mittelalterlichen Warmzeit in die Kleine Eiszeit." Für Südostasien bedeutete das einen Umschwung von wärmerem, feuchterem Klima hin zu kühleren und trockeneren Bedingungen. Forscher vermuten, dass die Trockenheit Missernten verursachte und möglicherweise auch einen Anstieg von Infektionskrankheiten, die sich in den dicht besiedelten Ballungszentren der Khmer schnell ausbreiten konnten. So könnten Umweltveränderungen soziale und politische Unruhen ausgelöst haben, die das Reich der Khmer an den Rand des Abgrunds gebracht haben. Der Angriff des Ayutthaya-Reiches stürzte den Koloss dann nur noch von seinen tönernen Füßen.