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Kombiniertes Verderben

erstellt von holgerkroker zuletzt verändert: 13.11.2014 11:03

Der Streit um das Ende der Dinosaurier gehört zu den heftigsten und giftigsten Kontroversen der Geowissenschaften. Asteroideneinschlag vor der mexikanischen Halbinsel Yucatan oder Ausbruch der Dekkan-Flutbasalte in Indien, so lauten seit den 80er Jahren die Alternativen, um die bisweilen mit allen Anzeichen eines Glaubenskampfes gerungen wurde. Jetzt scheint alles auf eine Art Fusion der Untergangsszenarien hinzudeuten, die für jeden Geschmack etwas bietet. Auf verschiedenen Konferenzen präsentierten Protagonisten ihre Ansätze.

Theorie 1: Asteroideneinschlag in Chicxulub... (Bild: NSF/Nasa)

Die Herrschaft der Dinosaurier ging mit einem Fanal zu Ende, mit Feuer, Staub und giftigen Gasen. Doch aus der Distanz von 66 Millionen Jahren ist weiterhin hoch umstritten, was die Ursache dieser weltumspannenden Umweltkatastrophe war. Anhänger eines Asteroideneinschlags kämpften seit Anfang der 80er Jahre gegen Befürworter von Vulkanausbrüchen, dass der akademische Staub nur so aufwirbelte. Obwohl die Auseinandersetzungen mehr als einmal die Grenze zum Persönlichen überschritten, scheinen sich die "verfeindeten" Lager nun in Richtung eines Kompromisses zu bewegen. Wahrscheinlich hat der Chicxulub-Einschlag genug seismische Energie produziert, um existierende vulkanische Systeme auf der ganzen Welt anzuregen und bei den Dekkan-Trapps, dem damals größten Vulkanismus, hat er eine Reihe wirklich gewaltiger Eruptionen ausgelöst", skizziert Mark Richards, Geophysik-Professor an der Universität Berkeley, das Modell, das beide Positionen vereinen könnte.

Immerhin hat die Kontroverse zu einer ungeheuer intensiven Erforschung der Ereignisse geführt. So ist mit unglaublicher Präzision der Zeitpunkt bestimmt worden, an dem der 10-Kilometer-Asteroid vor der mexikanischen Halbinsel Yucatan einschlug. Eine Arbeitsgruppe um Paul Renne, Chef des Geochronologielabors in Berkeley, hat ihn auf vor 66,039 Millionen Jahren plus/minus 28.000 Jahre bestimmt. Schichten aus Montana, die allgemein anerkannt die Grenze zwischen Kreidezeit und Paläogen markieren, wurden auf 66,043 und 66,019 Millionen Jahre vor heute plus/minus 11.000 und 22.000 Jahre datiert. "Das zeigt, dass Einschlag und Kreide-Paläogen-Grenze zeitlich sehr nahe beieinander liegen", so Richards, "und man sollte meinen, dass damit die Sache geklärt ist."

...oder Theorie 2: Waren die Dekkan-Trapps für das Dinosauriersterben verantwortlich? (Bild: NSF/Zina Deretsky)Auf der Vulkanismus-Seite des Streits gibt man die zeitliche Nähe durchaus zu, sieht aber ein Problem bei der Kausalität. Thierry Adatte, einer der Dekkan-Proponenten: "Wenn wir uns alle fünf Massenaussterben der Erdgeschichte anschauen, gingen alle mit starker vulkanischer Aktivität einher, bei diesem einen gab es noch einen Asteroideneinschlag. Ich glaube nicht, dass ein solcher Einschlag das Phänomen erklären kann." Ein Flutbasalt-Ausfluss wie der der Dekkan-Trapps hat dagegen keine Probleme, die notwendige Umweltkatastrophe zu verursachen. Rund 3500 Meter dick sind die Basaltschichten auf dem Indischen Subkontinent. "Die Lava reicht aus, um ganz Frankreich mit einer zehn Meter dicken Schicht zu überziehen", verdeutlicht Thierry Adatte.

Dass ein solcher Ausbruch auch entsprechend große Mengen an Treibhausgasen, Säuren und anderen Stoffen produzieren kann, ist unumstritten. Das Problem der Vulkanismus-Verfechter ist vor allem chronologisch: Sie können keine Datierung vorweisen, die auch nur annähernd so exakt ist wie die aus Paul Rennes Labor. "Wir versuchen derzeit die Datierung der Aktivität zu verbessern und mit dem Massenaussterben zu korrelieren", sagt Adatte. Doch noch ist die Zeitskala für die Dekkan-Trapps zu schwammig, um speziell das Verhältnis zum Asteroideneinschlag am anderen Ende der Welt zu klären. Sicher ist, dass sich der größte Dekkan-Flutbasalt am Ende der Kreidezeit ereignete. "Es gibt drei Pulse der Dekkan-Aktivität", berichtet Thierry Adatte, "ein relativ kurzer zwei Millionen Jahre vor der Kreide-Paläogen-Grenze, der mittlere, um den es uns geht und der rund 80 Prozent der gesamten Aktivität ausmachte, und ein dritter Puls, der schon im Paläogen stattfand." Rund 2800 der 3500 Meter dicken Dekkan-Basalte sind in einem kurzen, aber starken Puls ausgeflossen, der wohl nicht länger als 300.000 Jahre dauerte und mehr als 100.000 Jahre vor dem Epochenwechsel einsetzte.

Wenn sich auch nach exakter Datierung an dieser Chronologie nichts wesentliches ändert, könnte der Asteroideneinschlag wie eine Art Turbo auf den bereits laufenden Flutbasaltausbruch gewirkt haben. "Der Puls war bereits unterwegs", so Mark Richards, "aber der Einschlag hat den Aufstieg des Magmas beschleunigt, weil er die Lithosphäre Indiens vorübergehend durchlässiger machte, so dass das Magma leichter fließen konnte." Die Berechnungen der Forschergruppe stimmen mit den Ergebnissen geochemischer Analysen überein. Die belegen, dass das Magma schnell an die Oberfläche aufstieg, ohne die übliche Zeit, um mit der Umgebung zu reagieren. "Unsere Ergebnisse könnten belegen", meint Richards, "warum wir mindestens vier Massenaussterben haben, die klar mit Flutbasaltausbrüchen verbunden sind - und nur eines, bei dem wir Ausbruch und Einschlag haben."