Benutzerspezifische Werkzeuge
Sie sind hier: Startseite Wissen Kommendes Treibhaus

Kommendes Treibhaus

erstellt von holgerkroker zuletzt verändert: 10.01.2011 10:50

Noch halten die Vereinten Nationen die Parole aufrecht, der Klimawandel dürfe in diesem Jahrhundert die globale Mitteltemperatur um nicht mehr als zwei Grad gegenüber dem Stand vor der Industriellen Revolution ansteigen lassen. Mit diesem "2-Grad-Ziel" sollen größere und damit gefährliche Veränderungen des Klimasystems vermieden werden. Nach dem desaströsen Klimagipfel 2009 in Kopenhagen und dem mageren Ergebnis der diesjährigen Nachfolgeveranstaltung in Cancún sollte man sich mit dem Szenario beschäftigen, dass dieses Ziel nicht erreicht wird. Die renommierten "Philosophical Transactions" der britischen Royal Society haben das jetzt in einem Themenheft getan.

Austrocknende WasserpfützenUm knapp ein Grad Celsius ist die Temperatur der Erdatmosphäre seit der Industriellen Revolution bereits gestiegen. Die Wissenschaft geht davon aus, dass sie noch maximal um ein weiteres Grad steigen darf, damit das derzeitige System Erde weitgehend unverändert bleibt. Für viele pazifische Inselstaaten ist schon das zuviel, weil sie fürchten dann unterzugehen. Sie fordern daher eine maximale Grenze von einem zusätzlichen halben Grad. Doch derzeit scheint sogar das 2-Grad-Ziel zu ehrgeizig für die Weltgemeinschaft zu sein. "Wir haben in den vergangenen zehn Jahren einfach zu viele Treibhausgase in die Luft geblasen" erklärt Mark New, Geograph an der Universität Oxford.

Steinkohlekraftwerk VoerdeDie Wissenschaftler, die sich unter seinem Vorsitz für das Themenheft der Royal Society zusammengetan haben, schätzen die Wahrscheinlichkeit, dass wir bei maximal zwei Grad Temperatursteigerung landen werden, auf nur noch zehn bis 20 Prozent. Denn für dieses Ziel müssten die Treibhausgasemissionen derart drastisch gekürzt werden, dass wirtschaftliche Schäden unvermeidlich wären. Die Industriestaaten müssten selbst die extrem ehrgeizigen Ziele, die zeitweise von der Bundesregierung in die Diskussion geworfen wurden, übertreffen, und das ab sofort. Zudem dürften die sich industrialisierenden Schwellenländer ihren Ausstoß nur bis maximal 2025 steigern, um danach auf ebenfalls drastischen Sparkurs einzuschwenken. Der Klimawandel-Rat, ein Expertengremium der britischen Regierung, hat bereits früher unumwunden zugestanden, dass solche Ziele "derzeit nicht mit hoher Wahrscheinlichkeit verfolgt werden könnten". Kevin Anderson, Tyndall Klimaforschungszentrum, und Alice Bows, Universität Manchester, schlussfolgern daher in ihrem Aufsatz, "dass die Vermeidung einer gefährlichen (oder sogar extrem gefährlichen) Klimaänderung nicht länger mit ökonomischer Prosperität vereinbar sei". Mit den derzeit kursierenden Emissionsminderungszielen steuert die Erde auf ein Temperaturplus von etwa drei Grad zu, werden sie nicht realisiert, kommt ein Plus von vier Grad in Sicht. 

Was also passiert, wenn die Temperatur bis zum Jahr 2100 über die 2-Grad-Grenze hinaus steigt? Es wird Regionen geben, die geradezu Fieberanfälle erleiden. Paradebeispiel dafür ist die Nordpolarregion, wo gerade die Wintertemperaturen um bis zu zwölf Grad wärmer sein werden als derzeit. Das liegt vor allem an dem drastisch sinkenden Albedo-Effekt der zurzeit noch weitgehend schnee- und eisbedeckten Oberfläche. Je kleiner und fadenscheiniger diese Schnee- und Eiskappe wird, desto weniger Energie wird in den Weltraum reflektiert. Sie bleibt stattdessen im Erdsystem und sorgt im Polarkreis für eine Erwärmung. Trockengebiete der Erde tendieren zu noch mehr Hitze und weniger Niederschlag, feuchtere Regionen, wie etwa Mitteleuropa, bekommen dagegen noch eine Extraportion Regen ab. So wird der jetzt schon unter zeitweisen Dürreperioden leidende Mittelmeerraum noch wärmer und trockener, die Niederschläge sinken um mehr als zehn Prozent. Weil weniger Wasser im Boden ist, fällt ein Großteil der Verdunstungskühlung weg und die Luft heizt sich zusätzlich auf. Im Alpenraum und nördlich davon steigt dagegen die Regenmenge, verteilt sich allerdings weniger gleichmäßig über das Jahr, und dürfte für häufigere Überschwemmungen sorgen.

Viel wird vom "Timing" abhängen. Derzeit gehen die Statistiker davon aus, dass die Weltbevölkerung bis etwa zum Jahr 2050 oder 2060 zunehmen wird, ehe ein mehr oder weniger starker Schwund einsetzt. Wenn die Klimaerwärmung schneller abläuft als gedacht, könnte die Temperaturspitze ebenfalls schon kurz nach der Jahrhundertmitte erreicht sein. "Dann werden die Wasser-Ressourcen doppelt strapaziert", so Mark New. In vielen Gebieten, in denen heute schon Wasserknappheit herrscht, dürften dann heftige Konflikte um den Rest ausbrechen.

Eis unter DruckDer Anstieg des Meeresspiegels bleibt ein heikles, weil extrem unsicheres Thema. Er hängt vor allem an den gewaltigen Eispanzern Grönlands und der Antarktis, deren Verhalten man ehrlicherweise noch nicht einmal in Ansätzen prognostizieren kann. Die Wissenschaft behilft sich daher mit Intervallen. Zwischen 50 und 200 Zentimetern könne der globale Meeresspiegel ansteigen, lokale Veränderungen vollkommen außer Acht gelassen. Die Wahrscheinlichkeit eines Anstiegs von zwei Metern sei sehr gering, aber kaum genau zu beziffern, meint New. Allerdings seien in diesem Fall rund 187 Millionen Menschen bedroht, die wenigsten davon leben in den pazifischen Inselstaaten. Die Küstenregionen müssen sich daher auch auf einen solchen Extremfall einrichten. Die pazifischen Inselstaaten, die afrikanischen und Teile der asiatischen Küsten werden aller Voraussicht nach die Leidtragenden der Entwicklung sein, weil sie entweder zu niedrig über dem Meeresspiegel liegen, oder nicht das Geld für aufwendigen Küstenschutz haben.

Die tropischen Regenwälder bekommen die steigenden Temperaturen unterschiedlich zu spüren. Im östlichen Amazonas-Becken, in Mittelamerika und im östlichen Afrika werden die Urwälder zurückgehen, weil es für sie zu trocken wird. Dagegen wird sich beispielsweise der Regenwald in Südostasien oder im zentralafrikanischen Kongo-Becken ausdehnen können. Insgesamt, so schätzen die Forscher der Universitäten Oxford und Leeds sowie des kalifornischen Caltech, ist die Gefahr, die den Regenwäldern vom Klimawandel droht, "eher hypothetisch", verglichen mit der wesentlich konkreteren Bedrohung durch Holzeinschlag und Rodung.

Die Auswirkungen eines stärkeren Klimawandels auf die Landwirtschaft sind schwer abzuschätzen, da der Agrarsektor sehr heterogen ist. Allerdings braucht es keinen Propheten, um Nahrungsmittelengpässe vorherzusehen. Schon unter heutigen Bedingungen sind Probleme bei der Versorgung von bald bis zu neun Milliarden Menschen vorhersehbar. Kommen nur leichte Verschlechterungen oder auch der Wegfall gerade der fruchtbaren Küstenebenen durch den Meeresspiegelanstieg hinzu, wird das die Situation verschärfen. In dem Sammelband der Royal Society wird exemplarisch die Landwirtschaft im südlichen Afrika untersucht, die besonders vielfältig, aber gleichzeitig auch vergleichsweise wenig produktiv ist. Diese Vielfalt wird drastisch unter Druck geraten und deshalb wird dieser Teil Afrikas noch weniger seinen Lebensmittelbedarf decken können, als es heutzutage schon der Fall ist. Einziger Ausweg ist nach Ansicht der Verfasser internationale Hilfe und vor allem Forschungsanstrengungen in alternative Wirtschaftsweisen, mit denen das südliche Afrika auch in Zeiten größerer Dürren versorgt werden kann.

Verweise
Bild(er)