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Kompromissversuch im Streit um das Ende der Dinosaurier

erstellt von holgerkroker zuletzt verändert: 02.10.2015 15:09

Der Streit um das Ende der Dinosaurier ist inzwischen im vierten Jahrzehnt angelangt. Die Gemüter haben sich etwas beruhigt, die Positionen zwischen Impakt- und Vulkanismus-Anhängern nähern sich an. Doch in der entscheidenden Frage, was wann geschah, liefern viele ungeklärte Dinge Stoff für weitere Jahrzehnte der Auseinandersetzung. Ein Bericht in der aktuellen "Science" versucht beide Modelle zu vereinen.

Die Dekkan-Trapps östlich von Mumbai, dem ehemaligen Bombay. (Foto: Science/UC Berkeley, Mark Richards)Vor 66 Millionen Jahren endete mit der Kreidezeit die Welt von T-Rex und Co - und das saurierfreie Tertiär begann. Der damalige Umbruch sorgt für erbitterten Streit unter Wissenschaftlern, seit Luis und Walter Alvarez 1980 den Einschlag eines Asteroiden als mögliche Ursache vorschlugen. Denn zum Ende der Kreidezeit überzog auch eine Reihe von gewaltigen Vulkanausbrüchen große Teile des indischen Subkontinents mit einer kilometerdicken Basaltschicht - diese Dekkan-Flutbasalte oder Dekkan-Trapps hatten gleichermaßen das Zeug zum Dinosaurier-Killer.

Die Verbreitung der Flutbasalte. (Grafik: Science/Berkeley Geochronology Center, Paul Renne)Die wissenschaftliche Kontroverse kochte Anfang diesen Jahrhunderts richtig hoch und nahm - ganz unwissenschaftlich - Züge einer persönlichen Auseinandersetzung an. Inzwischen haben sich die Gemüter beruhigt, die Protagonisten brauchen ihre Energie für die mühselige Entschlüsselung der Chronologie. Denn die Kernfrage "Was war wann?" ist weiterhin offen. Mit jedem Fortschritt in der Datierung der Ereignisse scheinen sich die einst unversöhnlichen Positionen einander anzunähern. Eine Veröffentlichung aus dem Kreis der ehemals eisenharten Impakt-Anhänger in der aktuellen "Science" versucht beide Faktoren zusammenzubinden. "Ich glaube nicht, dass unsere Ergebnisse die Diskussion beenden werden", sagt Hauptautor Paul Renne, Direktor des Geodatierungszentrums der kalifornischen Universität Berkeley, "aber wir müssen wohl davon ausgehen, dass die beiden Phänomene miteinander in Beziehung stehen."

Paul Renne, Direktor des Berkeley Geodatierungszentrums, bei der Probennahme im Dekkan. (Foto: Science/UC Berkeley, Mark Richards)Erste Reaktionen aus dem "gegnerischen" Vulkanismus-Lager zeigen, dass die Diskussionen wohl noch lange anhalten werden. "Wir glauben, dass Renne auf dem richtigen Weg ist, was die Datierung der Dekkan-Flutbasalte und vielleicht sogar des Einschlags angeht, aber wir bezweifeln, dass er mit den präsentierten Daten einen Zusammenhang nachweisen kann", melden sich Gerta Keller von der Universität Princeton und Thierry Adatte von der Hochschule in Lausanne per E-Mail aus einem Expeditionscamp auf der kolumbianischen Insel Gorgonilla. Auch diese Gruppe bemüht sich seit Jahren um eine genaue Chronologie der Ereignisse. "Wir hoffen, bald belastbare Daten zu haben", schreiben die beiden Geologen. Paul Renne und sein Team haben Proben aus den verschiedenen Schichten der Dekkan-Basalte analysiert. Sie fanden heraus, dass die ersten Ausbrüche etwa 300.000 Jahre vor der Kreide-Tertiär-Grenze stattfanden und die jüngsten mindestens eine halbe Million Jahre danach. Allerdings sei es keine kontinuierliche Folge von Eruptionen gewesen, sondern eine Kette von episodischen mal mehr, mal weniger starken Lavaflüssen. Das Kernargument für ihre Verkettung von Asteroideneinschlag und Dekkan-Trapps ziehen sie aus einer Veränderung zu Beginn der jüngsten Ausbruchsphase. "Wir können auf etwa 50.000 Jahre genau den Horizont bestimmen, der das Massenaussterben markiert", so Renne, "und genau da sehen wir einen fundamentalen Wandel zu selteneren, aber dafür viel massereichen und chemisch völlig anderen Lavaflüssen."  Die sogenannte Wai-Formation hat etwa 70 Prozent der gesamten Basaltdecke produziert, die heutzutage von den Dekkan-Flutbasalten übrig ist. "Und diese Lava besteht aus viel mehr originalem Plume-Magma aus den Tiefen des Mantels", so Renne, "sie ist viel weniger mit Krustenmaterial versetzt."

Renne und seine Gruppe erklären diesen Wandel im Dekkan-Vulkanismus mit dem Einschlag am anderen Ende der Welt. Die Idee: „Die seismischen Wellen des Einschlags entsprachen einem Magnitude-11-Erdbeben, und sie könnten den Ausbruch regelrecht aufgeschüttelt haben, so dass er nach dem Einschlag gigantischen Lavaströme förderte“, sagt Mark Richards, Geophysik-Professor und Fakultätskollege von Paul Renne in Berkeley. Paul Renne glaubt, dass der Einschlag in Yucatán rund 50.000 Jahre vor dem Beginn der Wai-Formation datiert und daher so eine Art Beschleuniger darstellt. Grundsätzlich ist so ein Szenario plausibel, denn einen solchen Einfluss von Erdbeben auf Vulkane hat man bereits beobachtet. Berücksichtigt man dann noch, dass der Einschlag vermutlich rund 125 Mal mehr Energie entfaltet hat als das schwerste bislang registrierte Erdbeben, erhält das Renne-Modell durchaus Überzeugungskraft.

Mark Richards, bereitet die Probennahme in einer Lavadecke vor. (Foto: Science/Berkeley Geochronology Center, Paul Renne)Allerdings hat es eine große Schwäche: "Wir wissen immer noch nicht genau, wo die Kreide-Tertiär-Grenze in den Dekkan-Trapps genau verläuft", schreibt Thierry Adatte aus Südamerika, "und deren genaue Datierung ist der Schlüssel zu diesem Modell." Überdies sei die Argon-Argon-Methode, auf der Rennes Chronologie beruhe, zu ungenau. "Die Fehler-Marge beträgt 300.000 Jahre", so Adatte, "bei 50.000 Jahren Zeitunterschied zwischen Chicxulub und den starken Flutbasalten muss man eine wesentlich präzisere Datierungsmethode einsetzen." Eine solche wäre diejenige, die auf dem Zerfall der radioaktiven Uran-Isotope U-238 und U-235 zu Blei-206 und Blei-207 beruht. Diese allerdings erfordert einen noch höheren Zeitaufwand als Rennes Argon-Argon-Methode. Die Gruppe um Gerta Keller und Thierry Adatte arbeitet an solchen Datierungen, die ersten Daten wurden bereits Anfang des Jahres publiziert. Allerdings wird es noch etwas dauern, bis die Gruppe eine vollständige Chronologie der Ereignisse um das Ende der Dinosaurier vorstellen kann. Und selbst das wird dann nicht das Ende der Diskussionen bedeuten.