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Konfliktlösung in der Jungsteinzeit

erstellt von holgerkroker zuletzt verändert: 26.08.2015 11:11

Die Geschichte der Menschheit ist blutgetränkt. Kriege, Überfälle, Plünderung und Brandschatzung prägen die Chroniken. Und auch dort, wo es keine schriftlichen Zeugnisse gibt, sprechen die Funde der Archäologen eine klare Sprache. Gewalt kannten auch schon die frühesten Siedler in Europa. Im hessischen Kilianstädten wurde jetzt ein rund 7000 Jahre altes Massengrab ausgewertet, die Ergebnisse erschienen in den Abhandlungen der US-Akademie der Wissenschaften.

Ein Schädel aus dem Massengrab von Kilianstädten mit Spuren exzessiver Gewalt. (Foto: PNAS/Christian Meyer)Kilianstädten am Rand der hessischen Wetterau wurde zum ersten Mal 839 urkundlich erwähnt, doch besiedelt wurde der Platz schon lange vor den Karolingern. Aus der Jungsteinzeit ist ein Siedlungsplatz der Linearbandkeramik-Kultur bekannt, deren Träger Ackerbau und Viehzucht nach Mitteleuropa brachten. Zum Ende dieser Kultur vor rund 7000 Jahren hat sich in Kilianstädten offenbar eine Tragödie ereignet. Bei Straßenbauarbeiten wurde ein Massengrab entdeckt, in dem 26 Leichen gefunden wurden. Das jüngste Opfer war sechs Monate, die ältesten - beides Frauen - über 40. Offenbar wurde die damalige Siedlung überfallen, viele Bewohner erschlagen und in einem Graben verscharrt. "In Kilianstädten hat sich eines von drei verbürgten Massakern der Bandkeramiker-Kultur ereignet", berichtet Christian Meyer, Anthropologie-Doktorand an der Universität Mainz und Hauptautor des Aufsatzes in den Abhandlungen der US-Akademie der Wissenschaften.

Zerschmetterter Schienbeinknochen aus dem Massengrab von Kilianstädten. (Foto: PNAS/Christian Meyer)Bei dem Massengrab handelt es sich nach Ansicht Meyers kaum um eine normale Begräbnisstätte. Die flüchtige bis gleichgültige Beerdigung und die brutale Behandlung der Leichen spricht dagegen. Vielen war der Schädel eingeschlagen worden, zusätzlich hatte man der Hälfte der Opfer noch das Schienbein zerschmettert. Auch entsprachen sie in Verteilung von Alter und Geschlecht nicht den Funden, die man von normalen jungsteinzeitlichen Gräberfeldern kennt. Die Jugendlichen und Frauen im gebärfähigen Alter fehlten im Grab von Kilianstädten nahezu ganz. Fast die Hälfte der verscharrten Leichen waren Kinder unter acht Jahre. Von den getöteten 13 Erwachsenen waren neun Männer, die beiden eindeutig identifizierten Frauen waren die beiden Seniorinnen. "Dass die jungen Frauen die einzigen sind, die verschont und dann in die eigene Gruppe integriert werden, ist auch so ein Muster, das man immer wieder findet", berichtet Christian Meyer. Das Dorf wurde vermutlich von Nachbarn überfallen, die ebenfalls der Bandkeramiker-Kultur angehörten. In deren Endphase waren die Lössgebiete Europas relativ dicht besiedelt, in der Wetterau zum Beispiel sind die Fundstellen oft nur einen Kilometer voneinander entfernt. 

Grab aus der Linearbandkeramik-Kultur. (Foto: Wikimedia/W. Sauber)Die Dichte der Besiedlung stellt nach Ansicht der Anthropologen einen Grund für die Gewaltexzesse dar, die in Kilianstädten ebenso wie im baden-württembergischen Talheim und im niederösterreichischen Asparn überliefert sind. Für Christian Meyer und seine Kollegen sind die drei Massaker Zeichen für ein "vorher nicht dagewesenes Niveau an Gewalt". Ganz unumstritten ist diese Ansicht nicht. Die Vorstellung ist die einer krisenhaften Zuspitzung am Ende der Linearbandkeramik-Kultur. Alle Lössgebiete waren besiedelt, die Bevölkerungsdichte hoch und die guten Plätze seit Jahrzehnten oder gar Jahrhunderten vergeben. So ergaben sich Konflikte und Reibungsflächen, ohne dass die Menschen ausweichen konnten. Denn die räumliche Nähe bedeutete nicht unbedingt auch Zusammengehörigkeitsgefühl. "Wir bezeichnen sie als Linearbandkeramiker, weil sie dieselbe materielle Kultur haben", erklärt Meyer, "aber das heißt nicht, dass sie sich miteinander verbunden fühlten."

Wunde am Schädel eines der Opfer von Kilianstädten, vermutlich verursacht durch einen Axthieb. (Foto: PNAS/Christian Meyer)Tatsächlich verlief unweit der Siedlung in Kilianstädten eine Trennlinie, die sogar in der materiellen Überlieferung fassbar wird. In der Gegend grenzten zwei sogenannte Feuerstein-Verteilungsnetzwerke aneinander, die sich durch die Quelle ihres Hauptwerkstoffs für Waffen und Geräte unterschieden. Die bislang sehr umstrittene Frage ist, ob sich diese unterschiedlichen Netzwerke auch in anderen Differenzen niederschlagen. "Es kann sein, dass diese Feuerstein-Grenze keine weitere Bedeutung hatte", sagt Meyer, "es kann aber auch sein, dass dieses Feuersteinnetzwerk eine weitere Bedeutung gehabt hat, dass man sich auch anderweitig voneinander abgegrenzt hat." Berührten sich daher die Siedlungsgebiete fremder Bandkeramiker, konnte es zu Konflikten kommen, die am Ende mit exzessiver Gewalt gelöst wurden. Anders als die Jäger und Sammler der mittleren Steinzeit hatten die sesshaften Bauern des Neolithikums keine Möglichkeit, einander aus dem Weg zu gehen. "Sie haben über Jahrzehnte viel in die Entwicklung des Bodens investiert, das gibt man nicht so einfach auf", meint Christian Meyer. Konnten Nachbarn dann nicht zu einem Kompromiss kommen, blieb nur noch die ultima ratio. "Die ist quasi die andere Siedlung auszulöschen, um den Konflikt zu lösen", so Meyer, "egal, was gewesen ist, egal, wer recht gehabt hat." Daher werden die Verantwortlichen für das Massaker in Kilianstädten auch aus der unmittelbaren Umgebung kommen, weil nur im unmittelbaren Kontakt das Konfliktpotenzial derart wachsen kann. "Das waren schon Leute, die sich gegenseitig gekannt haben und es war kein Zufall, sondern etwas Geplantes."

Beispiel eines Tongefäßes aus der Linearbandkeramik-Kultur. (Foto: Wikimedia/W. Sauber)