Benutzerspezifische Werkzeuge
Sie sind hier: Startseite Wissen Korallenriffe mit Nehmerqualitäten

Korallenriffe mit Nehmerqualitäten

erstellt von holgerkroker zuletzt verändert: 05.07.2012 16:58

Korallenriffe werden häufig zu den Opfern des kommenden Klimawandels gezählt. Sie gelten als besonders verwundbar, denn sie werden gleich an mehreren Seiten bedrängt: Steigende Temperaturen und zunehmende Versauerung des Meerwassers setzen ihnen genauso zu, wie die wachsende Zahl und zunehmende Intensität der tropischen Stürme, die über sie hinwegbrausen. Blickt man in die Vergangenheit, zeigt sich, dass die Korallenpolypen besonders stark auf Klimastress reagierten, aber auch sehr schnell wieder an den Weiterbau der Riffe gingen, wenn sich die Bedingungen besserten. In der jüngsten "Science" berichten Biologen aus den USA, Frankreich und China von ihren Untersuchungen an mittelamerikanischen Korallenstöcken.

El Niño im Juli 2009 (Bild: Noaa)."Wir wussten von ökologischen Studien an modernen Riffen, dass ein starker El Nino Korallen-Populationen ausrotten kann, zum Beispiel das außergewöhnlich starke Ereignis 1982/83", erklärt der Biologie Richard Aronson vom Florida Institute of Technology, "und wir wollten wissen, ob das vielleicht auch in der Vergangenheit so gewesen ist." Um das festzustellen, nahmen die Forscher Proben von panamaischen Korallenriffen vor der pazifischen Westküste des Landes. Bis zu 6000 Jahre reichten die Kerne, die das Team aus den Riffen stanzte, zurück und sie zeigten ein erstaunliches Ereignis: "Wir fanden, dass die Korallen vor rund 4000 Jahren abrupt das Wachstum einstellten", sagt Aronson, "und diese Wachstumspause dauerte ganze 2500 Jahre an." Erst vor 1500 Jahren begann das Korallenwachstum wieder, allerdings auch hier immer wieder von kurzen Pausen unterbrochen, die die Forscher mit dem El Nino in Verbindung bringen. "Dieselbe lange Wachstumslücke finden wir nicht nur im Ostpazifik vor Mittelamerika, sondern auch in Australien, am Großen Barriereriff, oder südlich davon in der Moreton-Bucht vor Brisbane", sagt Aronson. Es handelt sich also um ein pazifikweites Phänomen.


Ein gesundes Riff vor der Westküste Panamas (Bild: Science/Lauren Toth).
Beginn und Dauer der Wachstumslücke sind erstaunlich synchron mit einer Anomalie bei El Nino. "Genau zum Beginn der Wachstumspause verzeichnen wir einen gewaltigen Anstieg in Zahl und Intensität der El-Nino-Ereignisse", erklärt der US-Biologe, "und nicht nur bei diesen, sondern auch bei dem Gegenstück La Nina, es war geradezu ein El-Nino-Sturm." Das Christkind und seine kühle Schwester bilden das wohl einflussreichste Klimaphänomen der Erde: die El-Nino-Südoszillation, abgekürzt Enso. Es ist eine Klimaschwankung, die den gesamten Pazifik umfasst und deren Auswirkungen weit darüber hinausreichen - beispielsweise bis in die Karibik. El Nino erwärmt das Oberflächenwasser im Ostpazifik stark und verdrängt dadurch das kalte und nährstoffreiche Tiefenwasser des Humboldtstroms, der vor der süd- und mittelamerikanischen Westküste an die Oberfläche kommt. Auf dem südamerikanischen Festland sorgt El Nino für überdurchschnittliche Regenfälle, an der gegenüberliegenden Seite des Pazifik für Dürre, im Ozean selbst geraten beispielsweise die Korallen unter Hitzestress, der bis zur Bleiche führen kann. Dabei stoßen die Korallenpolypen die mit ihnen in Symbiose lebenden Mikroalgen aus, ein für beide Seiten sehr schädlicher Akt. La Nina wiederum, El Ninos kalte Schwester, führt im Ostpazifik zu einer Abkühlung der Temperaturen an der Wasseroberfläche, und auch das bringt die Korallen in Bedrängnis. Zudem sorgt La Nina für heftige Winde über den mittelamerikanischen Isthmus und der stärkere Wellengang im Pazifik setzt den Riffen zu. 


Riffe, die aufgrund von La-Nina-Ereignissen trocken fallen, sterben ab (© Science/Lauren Toth).Die bisherigen Aufzeichnungen malen für die jüngsten Jahrzehnte ein relativ entspanntes Bild von moderaten Zyklen, die nur hin und wieder von extremen Episoden unterbrochen wurden. In der Zukunft, so prognostizieren viele Szenarien, werden El Nino und La Nina extremer, und das könnte die Korallen wieder wie vor 4000 Jahren zum Wachstumsstopp treiben, mit allen Konsequenzen für die Riffökosysteme. "In dieser Wachstumspause waren die Korallen selbst tot, die Riffe erodierten und das Ökosystem dürfte sehr verarmt gewesen sein", sagt Aronson.


Team-Mitglieder rammen einen Kernbohrer in einen Korallenstock (Bild: Science/Lauren Toth).Doch die Forscher fanden auch ermutigende Zeichen in den Riffkalken: Sobald die ungünstigen Bedingungen endeten, wurden die toten Riffe neubesiedelt und der Wiederaufbau begann. "Die Riffe erholten sich sehr schnell, sobald sich die Bedingungen wieder besserten", erklärt Aronson. Offenbar hatten pazifische Korallenpolypen irgendwo eine Zuflucht gefunden, aus der sie sich dann wieder über die Riffe ausbreiten konnten. "Wir wollen jetzt mit genetischen Studien untersuchen, wo dieses Refugium gewesen ist", berichtet Aronson. Dieser Befund lässt nach Auskunft des US-Biologen für die künftigen Jahrzehnte hoffen. Wenn die Menschheit in ihren Versuchen nicht nachlasse, den Klimawandel so stark wie möglich zu begrenzen, und gleichzeitig die lokalen Einflüsse wie zu starke Nährstoff- oder Sandeinleitung in die Riffzonen beschränke, dann könnten die Korallen auch die kommende Stressperiode überstehen. "Wenn wir beides in Angriff nehmen, haben wir eine gute Chance, die Korallenriffe zu bewahren."

Verweise
Bild(er)